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Dienstag, 28.09.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

„Steinklang“ – im Museum und auf CD/DVD

Wolfgang Lackerschmids Komposition geht ins zweite Jahr

Von Frank Heindl

Seit einem Jahr schon erklingt im Römischen Museum in der Dominikanergasse regelmäßig Wolfgang Lackerschmids Komposition „Steinklang. Geschichte einer 2000jährigen Stadt“. Mehr als 4000 Besucher haben das Stück mittlerweile gehört – zum großen Teil Touristen, die im Rahmen einer Stadtführung ins Museum geleitet und dort mit dem Zusammenprall von antiken Säulen und Neuer Musik auf neuartigen Instrumenten konfrontiert werden.

Steinklang auf CD und DVD – für 20 Euro im Römischen Museum

Steinklang auf CD und DVD – für 20 Euro im Römischen Museum


Aus Anlass des einjährigen Jubiläums luden Museum und Komponist am vergangenen Donnerstag zum erneuten Hören ein – mittlerweile kann man das beeindruckende Werk aus der Feder des Augsburger Vibraphonisten auch sowohl auf CD als auch auf DVD hören und genießen. Eine Kooperation des Museums, der Städtischen Kunstsammlungen und des Projekts „Mehr Musik“ macht es möglich, dass die Stücke einen weiteren Sommer lang live zu hören sein werden.

Auch auf Tonträger sind Werk und Sound beeindruckend – aber vor Ort sind sie umwerfend. Das liegt vor allem an dem genialen Zusammenwirken der großen, akustisch schwierigen, da enorm halligen ehemaligen Klosterkirche, in der das Museum untergebracht ist, mit der darauf eingehenden Lackerschmidschen Komposition – und natürlich an dem im Wortsinne einzigartigen Instrumentarium, für das sie geschrieben wurden. Ein gewissermaßen als Einführung oder Exposition fungierendes erstes Stück wird zwar noch auf einem „ganz normalen“ Vibraphon gespielt. Alles weitere aber folgt auf den drei von Instrumentenbauer Rudolf Fritsche aus reinem Stein gefertigten Instrumenten: Der Gramorimba – einem Vibraphon, das anstelle von Holz- oder Metallplättchen solche aus Stein verwendet, die aber gleich einem Orchesterinstrument in Grund- und Obertönen gestimmt sind und deshalb auch zusammen mit anderen Instrumenten gespielt werden können; dem Gramogong, einer runden, gongähnlichen Scheibe mit Loch in der Mitte; und dem Gramosegel, auch Steinharfe genannt – es besteht aus einem massiven Steinblock, in den Rillen gefräst wurden, sodass klingende „Zungen“ entstehen.

Inmitten antiker Säulen und doch am Puls der Zeit

Es liegt nahe, die Klänge, die hieraus entstehen, als „archaisch“ zu bezeichnen – und ist trotzdem ziemlich falsch. Denn Lackerschmids Komposition ist höchst komplex, und die Steininstrumente sind von einer Klangqualität, die kein „archaischer“ Handwerker erreicht hätte. „Archaisch“ wirkt das Ganze vor allem wegen der Umgebung: Antike Säulen, Skulpturen und Schmuckstücke aus römischer Zeit und das hohe, hallende Sakralgebäude erzeugen eine meditativ-zeremonielle Atmosphäre, die weniger vom Zusammenwirken, als vielmehr vom gegensätzlichen Aufeinandertreffen der verschiedenen Elemente lebt. Das paradoxe Ergebnis ist, dass man sich in Augsburg selten so modern, so am Puls der Zeit, so großstädtisch fühlt, wie in den intensiven musikalischen Momenten dieses Nachmittags inmitten der steinerne Zeugen einer zweitausendjährigen Geschichte. Da reiht sich Lackerschmids Musik nahtlos in das Projekt „Zukunftsmusik“ ein, das seine Spannung ebenfalls zu einem erheblichen Teil aus den Inszenierungen an neuen, wenig bekannten Veranstaltungsorten bezieht.

Die ehemalige Kirche in der Dominikanergasse jedenfalls ist ein unglaublich intensiver Klangraum – die schwebenden Töne der Steininstrumente werden wieder und wieder von den Wänden zurückgeworfen und sorgen für nie gehörte akustische Sensationen: Manchmal scheint der singende Ton direkt im Ohr zu entstehen, selten hat man Musik so körperlich als einen unmittelbaren Kitzel am Trommelfell empfunden.

Ein „Kuss“ für die Gramorimba

Lackerschmids Komposition lässt die Instrumente zunächst vor allem im schnellen Wechsel alternierend erklingen, in rhythmischen Kleinszenen erzeugen die Musiker auf verschiedenste Weise „steinerne Klänge“: Mal werden die Instrumente mit Klöppeln gespielt, mal mit Stöckchen angeschlagen, der Klang der Steinplättchen wird auch mithilfe des eigenen Mundes verändert – es entsteht dabei das intime Bild einer ihr Instrument geradezu „küssenden“ Musikerin. Der Steinharfe werden sphärische Klänge auch entlockt, indem sie mit befeuchteten Händen – ähnlich einer Glasharfe – gerieben und in Schwingungen versetzt wird.

Die „Steinklang“-Stücke kann man seit Donnerstag wieder regelmäßig hören – bis zum 24. September täglich außer Montag jeweils um 16 Uhr. Zwei Teams von der Musikhochschule stehen für die Aufführungen bereit – sie wechseln sich mit der Präsentation ab. Nach Lackerschmids Aussage garantieren die jungen Musiker eine perfekte Aufführung seiner Kompositionen. Dass sich dabei Schwankungen ergeben, die von der persönlichen Stimmung, aber auch vom Wetter, von der Atmosphäre im Museum und von der Zahl der Besucher beeinflusst werden, gehört für ihn dazu – als Jazzmusiker ist er es gewohnt, solche Einflüsse als kreative Inputs und Bestandteile lebendiger Musik zu begreifen.

Zusätzlich gibt es die „Steinklang“-Stücke seit Neuestem auch zum Mit-nach-Hause-Nehmen, zum Nochmal-Hören und zum Nochmal-Sehen: Die CD/DVD-Edition kann man im Römischen Museum zum Sonderpreis von 20 Euro kaufen. Sie wird  vertrieben von der Firma galileo, auf deren Homepage man auch erfährt, welche Geschäfte die CD verkaufen.

“Steinklang einer 2000-jährigen Stadt”

1. Juli bis 24. September

Dienstag bis Sonntag jeweils 16 Uhr

Eintritt 5 Euro


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