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Freitag, 30.07.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Stadttheater: Darf es ein wenig politisch sein?

Am kommenden Donnerstag findet im Zeughaus ein möglicherweise interessanter Vortrag des künftigen Augsburger Theaterintendanten statt. André Bücker wird über die politischen Möglichkeiten der Stadt- und Staatstheater sprechen.

André Bücker

André Bücker


Als die RAF noch mordete und Claus Peymann Schauspielintendant am Stuttgarter Staatstheater war, hatte ihn 1977 ein Bittschreiben der Mutter von Gudrun Ensslin erreicht und Peymann reagierte. Es ging darum, Geld für eine Zahnbehandlung der RAF-Terroristin zu spenden. Ensslin saß als “politisch Gefangene” in Stammheim. Peymann hing das Bittschreiben ans Schwarze Brett des Staatstheaters und spendete selbst 100 Mark. Die mediale Wirkung war enorm und und Peymann erhielt rund 600 Schmähbriefe und Morddrohungen. Film- und Theaterregisseur Werner Schroeter, kurz zuvor in Berlin mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet, wollte 1980 in Augsburg (!) die Oper „Salome“ von Richard Strauss inszenieren, doch zur Premiere kam es nicht, weil Schroeter in einem Interview mit der ZEIT spaßeshalber vorschlug, den damaligen Bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß mit einem Weißwurstbömbchen zu füttern. “Geistiger Terrorismus” lautete der Vorwurf. 1985 verhinderte die Jüdische Gemeinde in Frankfurt die Premiere von Fassbinders “Der Müll, die Stadt und der Tod”: “subventionierter Antisemitismus” lautete der Vorwurf. Da den subventionierten Repräsentationsbühnen keine politische Agitation und somit keine Einmischung möglich war, bildete die Off-Szene immer deutlicher die notwendige Gegenöffentlichkeit ab. Stadt- und Staatstheater waren und sind mit ihren Programmen für eine spezielle bürgerliche Unterhaltungsform zuständig, auch wenn zwischendrin eine spektakuläre Destruktion auf der Tagesordnung steht.

Der künftige Augsburger Theaterintendant André Bücker soll nun am kommenden Donnerstag im Auftrag der Volkshochschule die ernstgemeinte Frage beantworten, wie politisch und wie widerständig ein Theater sein darf: “Darf ein Stadttheater in gesellschaftlichen Debatten einen expliziten eigenen Standpunkt vertreten oder beißt es damit die öffentliche Hand, die es füttert? Können Hochkultur und subversive Aktion unter einem Dach stattfinden? Und was hat eine Stadtgesellschaft davon?”

So die Fragen, die Bücker abarbeiten soll. André Bücker studierte Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften, Geschichte und Philosophie in Bochum. Zuletzt (2009 – 2015) war er Generalintendant des Anhaltischen Theaters Dessau. Ab der Spielzeit 2017/18 ist André Bücker Intendant des Theater Augsburg. Sein Vortrag findet am Donnerstag, den 12.01.2017, ab 17.00 Uhr im Zeughaus (Filmsaal) statt. Eintritt: 5 Euro an der Abendkasse.