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Dienstag, 04.12.2018 - Jahrgang 10 - www.daz-augsburg.de

Staatstheater Augsburg: Die Stadt muss auf das Münchner Modell bestehen

Augsburg bekommt ein Staatstheater – das ist kein Traum, sondern eine Absichtserklärung der Bayerischen Staatsregierung, die auch von der Opposition begrüßt wird. Man darf also sicher davon ausgehen, dass die Stadt Augsburg nach einer Bayerischen Staatsbibliothek, einer Bayerischen Universitätsklinik nun auch ein Bayerisches Staatstheater bekommt, und somit von den sprudelnden Steuereinnahmen des Freistaats und der anstehenden Landtagswahl profitiert.

Kommentar von Siegfried Zagler

Für die Kulturpolitik der Stadt Augsburg ist diese Nachricht seit dem Planungsbeschluss des Textilmuseums die erste positive Sensationsnachricht, aber nur dann, wenn man voraussetzt, dass der gesamte Augsburger Kulturetat auf dem derzeitigen Niveau bleibt, und die städtischen Fördermittel, die nun der Freistaat für das Theater übernimmt, nicht in kunstfremde Zwecke überführt werden. Was ein Staatstheater Augsburg für die Stadt Augsburg in finanzieller wie künstlerischer Hinsicht leistet, hängt nun von den Verhandlungen ab, die die Stadt mit dem Freistaat führen wird.


Die deutsche Theaterlandschaft soll in die UNESCO Weltkulturerbe-Liste aufgenommen werden. Damit ist im Grunde gesagt, dass dieses System erhaltenswert ist, weil es in einem kulturhistorischen Kontext steht und museumsreifen Status entwickelt hat, der als schützenswert angesehen wird. Dabei ist die Struktur der deutschen Theaterlandschaft eine gewachsene und starke Struktur, die viel zu selten hinterfragt wird. Vermutlich hat es in der Geschichte der Kunst, ja in der Geschichte der Menschheit zu keiner Epoche eine stabilere und wirkungsärmere Kunst gegeben als die Theaterkunst im 21. Jahrhundert in Deutschland.

Das Augsburger Stadttheater mit seinen Werkstätten, Verwaltungen und knapp 400 Beschäftigten ist ein Apparat, der die Kunst in der Stadt frisst, statt sie zu fördern. Gefressen wird die Kunst nicht nur außerhalb des Stadttheaters, sondern in der Hauptsache innerhalb der Struktur, da mindestens 80 Prozent der Fördergelder in den Verwaltungs­apparat fließen und nicht in die Kunst. An diesem Verhältnis ändert die Umwandlung in ein Staatstheater wenig. Dennoch ist die Umwandlung zu begrüßen, weil in allen Sparten schlagartig die künstlerische Qualität erhöht wird, was zuvorderst mit den künstlerischen Anforderungsprofilen eines Staatstheaters zu erklären ist.
Am einfachsten ist dies am philharmonischen Orchester festzumachen: Orchester mit weniger als 56 Planstellen sind D-Orchester, zwischen 50 und 65 sind sie C-Orchester. Ab 66 gilt Kategorie B, ab 99 Kategorie A. Die A-Kategorie ist Voraussetzung für ein Staatstheater, das Augsburger Stadttheater hat Kategorie B. Ein Augsburger Staatstheater würde also nicht nur deutlich bessere Kunst bedeuten, sondern auch einen höheren Etat erfordern. Wäre das Augsburger Umwandlungsszenario auf das Nürnberger Model abgezirkelt, entstünden neben dem unvermeidlichen Qualitätssprung unvermeidlich höhere Kosten. Ein „Fifty-Fifty Nürnberger-Stiftungsmodell“ würde den Augsburger Kulturetat also nicht entlasten, sondern wohl ein Stück stärker belasten.

Derzeit verschlingt das Augsburger Stadttheater fast 60 Prozent des Augsburger Kulturetats, wie die Grafik der Stadt aus dem Jahre 2015 verdeutlicht. Will die Stadt also einen großen Schritt nach vorne unternehmen, muss sie auf das Münchner Modell bestehen: Der Freistaat übernimmt 98 Prozent der Kosten und steht dann auch zu 98 Prozent in Verantwortung für die künstlerische Qualität. Der Augsburger Stadtrat, der Kulturreferent hätten in diesem Fall bestenfalls noch Mitspracherecht bei der Intendantenwahl. Ein Sachverhalt, der in dieser Angelegenheit ein kompetenteres Auswahlverfahren bedeuten würde – und somit besser bezahlte und bessere Theaterleiter nach Augsburg bringen würde.

Die Zeiten, als von Sophokles, Shakespeare, Lessing, Goethe, Schiller und Brecht ungeheure Impulse ausgingen, die von der Bühne in die Gesellschaft hineinwirkten, sind vergangen. Die gesellschaftliche Relevanz der Großtheater ist Geschichte. Die deutschen Stadttheater sind längst keine moralische Instanzen mehr, auch ihr Dienst an der Aufklärung hat sich verflüchtigt. Und besonders das Augsburger Stadttheater verfestigte mit seinen zweitklassigen Bühnen zwischen den beiden Welttheater-Städten München und Stuttgart das Provinz-Image der Stadt, die nun an einer neuen Schwelle steht. Die Chance ist gegeben, dass sich das Augsburger Theater dazu aufschwingt, in der bundesrepublikanischen Theaterlandschaft auf dem Schirm der Bedeutung wahrgenommen zu werden. Eine Umwandlung in ein Staatstheater löst die Verfestigung „Provinztheater“ und nimmt die Stadt aus der Verantwortung für die künstlerische Höhe ihres Theaters. Das bringt Fortschritt und ist zu begrüßen. — Grafik: Stadt Augsburg



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