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Dienstag, 10.12.2019 - Jahrgang 11 - www.daz-augsburg.de

SCHAUSPIEL

Staatstheater: Uraufführung von „freiheit.pro” – Eine eindringliche Inszenierung der hemmungslosen Mediengeilheit

Das Staatstheater Augsburg zeigt auf beklemmende Weise die Hemmungslosigkeit im weltweiten Netz

von Halrun Reinholz

“freiheit.pro” © Jan-Pieter Fuhr

Es geht um Medien. Eine rasante Entwicklung hat dazu geführt, dass „digital natives“ in jeder Lebenslage mit dem „WWW“ verbunden sind. Dass sie Realität nur noch durch diesen Filter sehen. Hansjörg Thurn, Jahrgang 1960 und definitiv kein wirklicher „native“ der neuen Medien, gelingt mit diesem Stück eine sehr eindringliche Analyse des Verhaltens einer Generation ohne jede ethischen Bedenken: Leben ist längst keine Privatsache mehr, sondern Subjekt der Teilhabe im Netz. Leo Schneider (bestechend empathielos: Julius Kuhn) ist 17 und eine der Hauptfiguren des Stücks. Er sieht das Leben nur durch die Linse der Webcam, die immer einsatzbereit zur Verfügung steht. 

In der gegenüberliegenden Wohnung beobachtet Leo mit professionellem Interesse ein Mädchen im Rollstuhl, das sich offenbar das Leben nehmen möchte und dabei mehrfach erfolglos ist. Damit wird sie der von Leo kreierte Medienstar „Kitty Diabolo“. Leo nimmt in der realen Welt Kontakt zu dem Mädchen Emmy Olitzki (großartig: Marlene Hoffmann) auf und drängt sie zu einem Deal: Der Selbstmord, so er als freie Entscheidung jemals zustande kommt, soll im Netz stattfinden, vor aller Augen. Die Klick-Zahlen steigen rasant, schon angesichts der Ankündigung Leos. 

Mehmet, sein  unreflektierter Gefährte und Erfüllungsgehilfe (erschreckend lebensecht: Baris Kirat) treibt mit seiner fieberhaften Jagd nach sensationsgeilen Followern die Handlung voran: „Das Netz brennt“. 

Achim Conrad gelingt eine eindringliche Inszenierung der hemmungslosen Mediengeilheit auf der Brechtbühne. Lebensnah die Charaktere, Täter und Opfer zugleich. Auch „Kitty Diabolo“ macht das Spiel mit, gefällt sich in der Inszenierung mit der letzten Konsequenz. Die Erwachsenen, Leos Eltern – eine Stadträtin (Anne Lebinsky) und ein Psychotherapeut (Sebastian Müller-Stahl)  – und  Emmys Vater (Kai Windhövel), kommen nur in der Rückblende des Verhörs zu Wort. Sie können nicht eingreifen, weil ihnen „Freiheit“ ein hohes Gut ist. Die Handlungsfreiheit der Jugendlichen steht über dem Machtwort der Eltern und führt zwangsläufig zu deren (Selbst-)Zerstörung. 

In nur 80 Minuten Aufführungsdauer führt „freiheit.pro“ die Perversion eben jener Freiheit vor Augen, die keine ethischen Grenzen kennt. Raissa Kankelfitz verpasst der Handlung das passende Bühnenbild: Ein Haus, das Stück für Stück in sich zusammenfällt, bis nur die Badewanne mit den Kerzen übrigbleibt, die sich „Kitty“ als Szenerie des Abschieds im Netz gewünscht hat. Alles Inszenierung, alles Schein.  Dicht und erschreckend, daher nur für Jugendliche ab 16 empfohlen.