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Freitag, 24.09.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Spiegelfechtereien mit dem Ich

Überwältigend: „Leonce und Lena“ auf der Brechtbühne

Von Frank Heindl

Mal Mann, mal Frau – Tjark Bernau und Judith Bohle als Leonce, Lena, Valerio, Rosetta – und immer auch als Georg Büchner.

Die Schauspieler durften komödi­antisch sein, obwohl er Büchners Text zum Drama dekonstruiert: Unter Jan Philipp Glogers Regie ist aus „Leonce und Lena“ auf der Brechtbühne unter anderem eine Reise in Büchners Hirn geworden – einen „Fluchtversuch nach Georg Büchner“ hat er das Stück untertitelt, doch, so hatte er im Vorfeld angekündigt, „wir hätten es auch Büchner‘s Brain nennen können.“ So radikal wurde mit dem vorder­gründig einfach gestrickten Lustspiel von 1836 selten umgesprungen.

Gloger geht von der These aus, dass man Leonce und Lena sowie deren Geliebte Valerio und Rosetta auch als Spiegelungen von Georg Büchners angeschlagenem Bewusstsein interpretiert kann – die heutige Psychologie attestiert dem Autor des Vormärz eine handfeste Depression. Um das zu zeigen, ist Gloger tief in Büchners Texte eingestiegen und hat das Lustspiel um Auszüge aus dessen gesamtem Schaffen erweitert. Aus „Dantons Tod“ wird ebenso zitiert wie aus dem „Lenz“, dem „Woyzeck“, aus Tagebüchern und Briefen. Doch das kräftige Durcheinander, das dabei entsteht, ist schlüssig und entfaltet Sogkraft.

Ernst ist hier alles – ernst genommen wird nichts. Wenn Leonce „das ist sehr traurig“ sagt, hat er etwas von einem großen Clown.

Ernst ist hier alles – ernst genommen wird nichts. Wenn Leonce „das ist sehr traurig“ sagt, hat er etwas von einem großen Clown.


Judith Bohle und Tjark Bernau spielen umwerfend diese mehrfach gebrochene Zwittergestalt aus Mann und Frau, die einen Abend lang Spiegelfechtereien mit dem eigenen Ich austrägt, meist verbal, oft auch körperlich, verkörpern dabei gleichzeitig und abwechselnd Mann und Frau. Gloger hat die Schauspieler in den Proben aufeinander gehetzt, hat sie miteinander und mit ihren Spiegelbildern ringen, raufen, kämpfen lassen. Was sie nun auf der Bühne präsentieren, ist zweierlei Meisterwerk: Text wie Schauspielerei sind überwältigend und mitreißend. Die fortwährende Auseinandersetzung mit dem Ich, die hier zelebriert wird, ist auch eine mit der Sprache, mit Worten, sogar mit Buchstaben. Bohle und Bernau fallen einander ins Wort, unterbrechen einander, sprechen die Sätze des Gegenübers mal zu Ende, verbiegen sie mal in eine andere Richtung. Manchmal ähnelt ihr überströmender Sprachfluss einer Bachschen Fuge: Die zweite Stimme folgt der ersten zeitversetzt, das ergibt Sprachmelodie, Sprachrhythmus und vertrackte, unentwirrbare Sinnverflechtungen. Einmal haspeln sie ihre Sätze sogar ab, indem jeder nach nur jeweils einem Wort vom anderen abgelöst wird, in einer Geschwindigkeit, die dem Zuschauer das Verstehen unmöglich macht – und doch ist die Szene einer der Höhepunkte dieses Abends der Sprach-, Gedanken- und Textverwirrung. Und während dieser Anstrengung des kaum je unterbrochenen Dialogs jagen sich die beiden über die Bühne, blancieren vor Abgründen, raufen, hetzen, wälzen sich aufeinander – und wechseln zwischendurch auch noch das Geschlecht: Bernau ist dann verführerisch-schöne Prinzessin, Bohle der hingerissene Prinz – und diese Szene berührt in größtem Ernst und ohne einen Anflug von Tuntigkeit.

Sprache auf der Metaebene

Dabei wollen die beiden zunächst nur spielen. Tarnen ihre Untätigkeit als sinnvoll und bezeichnen gleichzeitig das Publikum als „raffinierte Müßiggänger“, verlachen es, äffen es nach, grimassieren – und schütten sich permanent aus vor Lachen. So sehr ist Judith Bohle einmal mit dem Lachen beschäftigt und so sehr wendet sich einmal mehr der Text ganz plötzlich in sein Gegenteil, dass sie noch lacht, als sie schon erwürgt wird – wir amüsieren uns zu Tode. Oder, wie Gloger im Vorfeld betonte: „Man kann auch aus Verzweiflung lachen.“ Doch auch das ist nur Spiel: Denn im Verlauf des Abends entsteht die Gewissheit, dass in dieser Inszenierung permanent nur „als ob“ gesprochen, gehandelt, gestritten wird. Auf eine Weise, die man nur virtuos nennen kann, hievt Gloger Büchners Schaffen auf die Meta-Ebene: Hier wird übers Sprechen gesprochen, übers Denken nachgedacht, hier wird das Hirn nach außen gestülpt und in dessen Windungen nach Sinn gesucht – und selbst diese Suche ist möglicherweise wiederum nur ein Scherz.

Büchner und Hebbel

Kämpfen, streiten, ringen und dazu komplexe Textkaskaden aufsagen – Januar Philipp Gloger fordert seine Schauspieler.

Kämpfen, streiten, ringen und dazu komplexe Textkaskaden aufsagen – Januar Philipp Gloger fordert seine Schauspieler. Fotos: Konrad Fersterer


Aus der Sprache gibt es kein Entrinnen, und das Bühnenbild von Judith Oswald macht das sinnfällig: Aus riesigen, schweren und begehbaren, aber hohlen Buchstaben hat sie den Namen „LEONCE“ auf die Bühne gestellt. Auf, zwischen und in diesen Buchstaben turnen die Darsteller herum, und wenn sich Judith Bohle in die Zwischenräume des E quetscht, erinnert das sehr deutlich an eine andere Bühne von Oswald: Hebbels „Maria Magdalena“ hatte dieselbe Bühnenbildnerin im vorigen Jahr mit einer riesigen Möbelwand bebildert, in deren Schränken sich Judith Bohle als Klara ebenso eingeengt und bedrängt bewegen musste (DAZ berichtete: Maria Magdalena; Interview mit Judith Oswald). Doch was bei Hebbel das Zwangskorsett der wohlsituierten Bürgerlichkeit, den gesellschaftlichen Druck von außen symbolisierte, ist nun näher herangerückt. Wie Judith Oswald da aus ganz verschiedenen Ansätzen zweimal zu auch optisch sehr ähnlichen Lösungen gekommen ist, mag man ihr im ersten Moment ein wenig verübeln – im zweiten wird man kaum eine sinnfälligere Lösung finden. Gloger/Oswald sperren Büchners Personal in jene Welt aus Gedanken und Wörtern, aus Sprache und Buchstaben ein, in der auch der Dichter sich verhedderte und die erst Psychoanalyse und Gehirnforschung näher beleuchtet haben: Die Sprache ist kein taugliches Mittel, um aus dem Gefängnis der Hirnwindungen zu entkommen. „Ich versteh die Welt nicht mehr“ – mit diesem Satz endet Hebbels Drama – Büchners Schaffen aber beginnt geradezu mit dieser Erkenntnis.

Büchner und Jelinek

Doch nicht zu viel Lob nun für die Inszenierung – ohne Büchners Grundideen hätte der Geniestreich nicht klappen können. Denn dass Glogers Arbeit trotz aller Gedankenschwere auch noch witzig ist, das ist dem Text des genialen, 23-jährig gestorbenen Dichter zu verdanken. Wie Leonce und Lena, Rosetta und Valerio aus Wortspielen und Gedankenverdrehereien Funken schlagen, das erinnert gelegentlich an eine andere Inszenierung auf derselben Bühne: Elfriede Jelinek arbeitet ganz ähnlich, nicht nur in „Ulrike Maria Stuart“ – nur ist ihre Wortzertrümmerung selten wirklich lustig. Büchners Gestalten aber sind es: Mithilfe einzig einer roten Clownsnase wechseln Bohle/Bernau das Genre, springen vom Drama in die Komödie und zurück, dass es eine Lust ist. Und die Wirklichkeitsverweigerung der Protagonisten hat ja auch ein durchaus lustig-absurdes Ergebnis zur Folge: Auf der Flucht vor den von anderen ausgesuchten Ehepartnern finden sich die beiden und heiraten, ohne zu ahnen, dass sie genau das erreicht haben, wovor sie geflohen sind.

Die Buchstaben auf der Bühne waren zwischendurch in Unordnung geraten – einen neuen Sinn haben sie nicht ergeben. Stattdessen stehen sie am Ende noch ordentlicher da als am Anfang: alles auf Kante, hermetisch, eng – aus der Sprache gibt es kein Entrinnen, gegen das Ich im Spiegel lässt sich schwer fechten.