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Sonntag, 01.08.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Spannende Uneinigkeit

Der „Literarische Salon“ tagte im Theaterfoyer

Von Frank Heindl

Zum spannendsten und erheiterndsten gehörte die Uneinigkeit über das erste Buch. Michael Schreiner aus der Kulturredaktion der Augsburger Allgemeinen, der Schauspieler Klaus Müller sowie Kurt Idrizovic von der Buchhandlung am Obstmarkt diskutierten am Mittwochabend im Theaterfoyer Neuerscheinungen der letzten Monate. Größtenteils lagen die Meinungen nicht weit auseinander, doch an Martin Walsers „Mein Jenseits“ schieden sich die Geister. Während Schreiner, der das Buch vorstellte, die „wunderbare Sprache“ und die „wunderbaren Walsersätze“ lobte, fand Idrizovic die Novelle schlichtweg langweilig, die Handlung „dünn“, die eingewobene Liebesgeschichte gar „jammervoll und jämmerlich“. Klaus Müller lag in seiner Bewertung dazwischen: Auch er konnte der Geschichte um den alternden Augustin Finli und dessen Konkurrenz mit einem jungen, dynamischen, hünenhaften Segler nicht viel abgewinnen, blieb aber an vielen „aphorismenhaften Sätzen“ hängen, über die er noch vorm Einschlafen weiter nachdenken musste. Nebenbei geht’s in Walsers Buch übrigens auch noch um den Glauben und um Reliquien …

Anschließend stellte Klaus Müller den ersten Roman von Martin Walsers Tochter Alissa Walser vor: „Am Anfang war die Nacht Musik“ heißt der und handelt von dem Wiener Arzt Franz Mesmer, der ein blindes Mädchen mit von der damaligen Medizin nicht anerkannten Methoden heilen will – „eine Art Heilungskrimi“ nennt Müller diese Geschichte, in der es auch um die Entstehung von einer Art Vorläufer der Psychologie geht. Müller „mag das Buch sehr“, und da stimmten ihm Schreiner („sehr schön geschrieben“) und Idrizovic („ein klassischer historischer Roman, packend geschrieben“) rundweg zu. Gelobt wurde auch die authentische Schilderung der vielen Nebenschauplätze – das Resümee lautete: „Man kann den Roman rund herum empfehlen“ (Idrizovic).

Der Buchhändler Idrizovic stellte den letzten Roman des Abends vor: Gerard Donovans „Winter in Maine“, seiner Ansicht nach „der absolute Hammer“, ein Paradebeispiel dafür, „was Literatur kann.“ Ein feingeistiger Mann lebt friedlich in einem einsamen Häuschen in den Wäldern von Maine, bis eines Tages sein Hund Hobbes von einem Unbekannten getötet wird. In aller Ruhe holt der Protagonist daraufhin ein Gewehr aus der Scheune und „legt mehr oder weniger wahllos Leute im Wald um“ (Idrizovic).

Auf dem Podium ist man sich einig: „Ein packendes Buch“, bei dem man nicht so recht weiß, ob man es als Krimi oder Thriller durchgehen lassen möchte – auf jeden Fall aber „große Literatur“ (Idrizovic). Für das irrationale „Ausrasten“ des Shakespeare-Kenners und Bibliotheksbesitzers aus dem Wald gibt es keine offensichtlichen Gründe. Sind es die Kriegstraumata seines Vaters, die auf ihn übergehen, wie Michael Schreiner mutmaßt? Ist es einfach das Gewehr, das ihn „dazu animiert, Leute umzubringen“, wie Klaus Müller rätselt? War der getötete Hund „die letzte Illusion eines Sozialkontaktes“, wie wieder Michael Schreiner meint – dessen Tod somit auch das Ende des sozialen Wesens seines Besitzers bedeuten würde? Faszinierend scheint den drei Rezensenten auf jeden Fall, dass Donovan den Mörder bis zum Schluss als hochsympathisch darzustellen weiß – und der Leser rätselt, warum das so ist. Und dass dies in einer hochliterarischen Sprache geschieht, „überhaupt nicht sentimental und auch nicht brutal“, dabei aber „poetisch, unglaublich spannend und verwirrend“ (Klaus Müller).

Ein Abend, wie sich das für einen Literatursalon gehört: Man hat Leseanregungen mitgenommen, möchte gerne Meinungen selbst überprüfen – und wird wie üblich nicht genug Zeit dafür finden. Ganz sicher allerdings wird man beim nächsten Mal wieder dabei sein – am 21. April, 20 Uhr im Theaterfoyer. Wer dann welches Buch bespricht, erfährt man rechtzeitig auf den Flyern des Stadttheaters und auf dem Online-Spielplan des Stadttheaters.

Die besprochenen Bücher waren:

  • Martin Walser: Mein Jenseits. University Press, Berlin. 132 Seiten, 19,90 Euro.
  • Alissa Walser: Am Anfang war die Nacht Musik. Piper Verlag, München. 253 Seiten, 19,95 Euro.
  • Gerard Donovan: Winter in Maine. Luchterhand Literaturverlag, München. 208 Seiten, 17,95 Euro.