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Samstag, 27.11.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Siebzigster Jahrestag der Novemberpogrome

Am 9. November jährt sich zum 70. Mal die Reichspogromnacht, auch verharmlosend Reichskristallnacht genannt, weil unter anderem zahlreiche Scheiben jüdischer Geschäfte, Synagogen und Privathäuser zerstört wurden. Auch die Augsburger Synagoge brannte.



Angeblich hatte sich der Volkszorn entladen, als das am 7. November 1938 erfolgte Attentat des 17-jährigen Herschel Grynspan auf den Legationssekretär der Deutschen Botschaft in Paris, Ernst Eduard vom Rath, bekannt wurde. In Wahrheit jedoch waren die Pogrome von NSDAP und SA lange geplant und sollten die systematische Verfolgung und Vernichtung der jüdischen Deutschen einleiten. Nicht nur Scheiben gingen zu Bruch, mehrere hundert jüdische BürgerInnen wurden getötet, Tausende in Konzentrationslager abgeführt, etwa 270 Synagogen wurden niedergebrannt oder verwüstet, jüdische Friedhöfe geschändet. Die Täter waren meist ortsfremde SA-Mitglieder. Weil der wirtschaftliche Schaden der Anschläge unermesslich hoch war, kam Göring auf die perfide Idee, die Opfer der Pogrome für die „Wiederherstellung des Straßenbildes“ zahlen zu lassen. Für das Attentat des jungen Herschel Grynspan, der seinen Eltern zugefügtes Unrecht sühnen wollte, hatten die jüdischen BürgerInnen zusätzlich eine Sondersteuer zu entrichten.

Auch in Augsburg brannte die Synagoge. Die Inneneinrichtung wurde von etwa 30 Nationalsozialisten zerstört, die Synagoge angezündet. Die herbei gerufene Feuerwehr löschte den Brand jedoch, um die Nachbargebäude – private und kommunale Großbauten, sowie eine Tankstelle – zu retten. Während des Krieges wurde die Synagoge unter anderem als Requisitenlager des Stadttheaters zweckentfremdet. Bis Kriegsende wurden jüdische BürgerInnen in sieben Transporten in die Konzentrationslager Auschwitz, Riga und Theresienstadt und in das Transit-Ghetto Piaski deportiert. Genaue Angaben über die Zahl der Überlebenden gibt es nicht. Nur wenige sind nach Augsburg zurück gekehrt, unter ihnen, als einziger Überlebender von vier Geschwistern, Ludwig Dreifuß, ehemaliger Anwalt in Augsburg. Dreifuß wurde am 1. September 1945 von der amerikanischen Militärregierung zum Oberbürgermeister ernannt und erhielt 1952 das Bundesverdienstkreuz.

Völlig integriert bis zu Hitlers Machtübernahme 1933 lebte auch die jüdische Augsburger Bürgerfamilie Dann. Die fünf Töchter besuchten das Stettensche Institut und das Maria Theresia Gymnasium. Tochter Thea Dann starb 1918. Vater Albert Dann stellte sich 1914, obgleich schon 46-jährig, freiwillig für den Kriegsdienst zur Verfügung. Bis 1916 bildete er als Offiziers-Stellvertreter Rekruten des Ersten Landwehrinfanterieregiments in Augsburg aus. Auch im zivilen Leben engagierte sich Albert Dann ehrenamtlich in der Stadtverwaltung für die gesamte Stadt und als Synagogen-Kommissär für die jüdische Gemeinde. In dieser Funktion war er auch für den Bau der Synagoge in der Halderstraße (1914 – 1917) zuständig. Seine besondere Aufmerksamkeit galt der Inneneinrichtung. Mit den Architekten der Jugendstil-Synagoge, Friedrich Landauer und Dr. Heinrich Lömpel, bereiste er verschiedene deutsche Städte, um sich in den Synagogen vor Ort Anregungen zu holen. 1927 erhielt Albert Dann für sein bürgerschaftliches Engagement in Augsburg den Ehrentitel des Kommerzienrates. Ab 1933 hatte die Familie Dann unter Demütigungen und schleichender Entrechtung durch die Nazis zu leiden. Als in der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 die Inneneinrichtung der Synagoge zerstört wurde, entschloss sich die Familie Dann zur Emigration. Fast ohne Geld wanderten die Eltern, Albert und Fanny Dann, nach Palästina und die Töchter nach England und Italien aus. Die Dann-Schwestern hielten ihre Erinnerungen in einem Buch fest – Titel: Vier Schwestern – Lebenserinnerungen – von Elisabeth, Lotte, Sophie und Gertrud Dann aus Augsburg.