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Donnerstag, 16.09.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Siebentischstraße: “Es gibt gar kein Projekt”

20 Wohnungen in der Siebentischstraße, Bestandteil des ehemaligen Königlich Bayerischen Landgestüts beim Augsburger Zoo und jetzt im Eigentum der städtischen Wohnungsbau­gesellschaft WBG, sind als Abbruch- und Spekulationsobjekt in den öffentlichen Fokus geraten. Zu Unrecht, wie WBG-Chef Edgar Mathe jetzt klarstellt.

Von Bruno Stubenrauch

Nach Vorstellungen des Augsburger Architekten Volker Schafitel eine Kandidatin für die Denkmalliste: Wohnanlage in der Siebentischstraße

“Sie sind die ersten, die mich kontaktieren”, so Mathe gestern zur DAZ, der sich verwundert über die ganze Angelegenheit zeigte. 1990 habe man die kleine Wohnanlage von der Stadt gekauft. Von größeren Sanierungsmaßnahmen habe man bisher abgesehen, da es genügend andere Objekte im WBG-Bestand gab, bei denen man mit gleichem Geldeinsatz mehr Nutzen für die Mieter erzielen konnte. Als zuletzt eine Wohnung frei wurde, habe man allein für diese im Zug einer ersten Grundlagenermittlung Sanierungskosten von 60.000 Euro geschätzt, bei einer Sanierung des Gesamtobjekts im unbewohnten Zustand.

Bei so hohen Kosten müsste letztendlich geprüft werden, ob nicht ein Sozial­wohnungs­neubau die kostengünstigere Alternative wäre, auch angesichts dann höherer staatlicher Zuschüsse. Bisher gebe es aber weder eine technische Bestands­untersuchung noch einen Investitionsplan oder einen Bericht für den Aufsichtsrat, so Mathe. Auch würden derart einschneidende Sanierungs­maßnahmen nur mit Zustimmung der Mieter durchgeführt: “Wenn es die Mieter nicht wollen, machen wir es nicht”. Man habe kein eigenes Interesse, “tabula rasa” zu machen. Eingriffe ins Stadtbild seien kein WBG-Ziel, Unternehmensaufgaben seien vielmehr günstige Energetik, Barrierefreiheit und erschwingliche Mieten.

“Landgestütswohnungen an der Siebentischstraße werden abgerissen!”

Auslöser der Spekulationen war wohl eine verunglückte Auskunft der Stadtregierung bei einem Stadtteilgespräch im Textilmuseum. Dort soll OB Kurt Gribl einen ab 2018 geplanten schrittweisen Abbruch und Neubau des Gebäudes bestätigt haben, wie die Heimatzeitung “Augsburger Allgemeine” am Dienstag mutmaßte.

Maßgeblich angefacht hatte am Montag Volker Schafitel, designierter Oberbürgermeister-Kandidat der Freien Wähler, die Diskussion im Internetauftritt des Architekturforums Augsburg. Vom geplanten Abriss nebst Verwertung als “Goldimmobilie am Siebentisch” war dort in einem Essay zum Landgestüt die Rede. Die Illustration mit Bildern, die großteils nicht die Wohnanlage, sondern Gebäude des heutigen Reitclubs und die Zoogaststätte zeigen, deren verbale Verklärung und starke Worte von der Zerstörung “des Geldes wegen”, “Raubzug” und “Luxuswohnungen” verfehlten ihre Wirkung auf unbedarfte Leser nicht: So kommentierte – unwidersprochen vom Seitenbetreiber – ein Besucher: “Ein Ensemble wie das Landgestüt abzureißen ist Barbarei. […] Hier ist Bürgerprotest dringendst geboten.” Eine kritische Nachfrage an den Verfasser, aus welcher Quelle denn bekannt sei, dass hier Luxuswohnungen entstehen sollen, ist seit zwei Tagen unbeantwortet.

“Zurückrudern kann man nur von einem realen Vorhaben”

“Rudern Sie jetzt zurück, Herr Mathe?” – “Nein, zurückrudern kann man nur von einem realen Vorhaben. Hier gibt es keines”, erklärte Mathe gestern gegenüber der DAZ bestimmt. “Herr Schafitel versucht, mit der Siebentischstraße ein politisches Geschäft zu machen”, so Mathe weiter. Schon vor einer Woche habe sich der Architekt und stellvertretende Vorsitzende der Freien Wähler Augsburg in seinem Forum kritisch mit der WBG auseinandergesetzt, mit für Mathe “an Beleidigung grenzenden” Äußerungen. Provozieren lassen will sich der scheidende WBG-Chef allerdings nicht mehr: Im Oktober geht Edgar Mathe in den vorgezogenen Ruhestand.

» Beitrag “Die Zukunft des Landgestüts”, Architekturforum Augsburg e.V.