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Dienstag, 04.12.2018 - Jahrgang 10 - www.daz-augsburg.de

„Sezuan“ beim Brechtfestival: Von der Schwierigkeit, gut zu sein

Gastspiel beim Brechtfestival: Das Theater Bremen erzählt mit der viel beachteten Inszenierung von Alize Zandwijk des Stückes „Der gute Mensch von Sezuan“ von den Schwierigkeiten, ein guter Mensch zu sein.

Von Halrun Reinholz

Sezuan Gastspiel Theater Bremen im martini-Park (c) Theater Bremen

Gastspiel Theater Bremen mit „Der gute Mensch von Sezuan“ im martini-Park (c) Theater Bremen


Zu den Höhepunkten eines Festivals gehören hochkarätige Gastspiele. Viel davon war in diesem Jahr nicht zu sehen, aber immerhin hat Patrick Wengenroth für das Festival 2018 das Ensemble des Theaters Bremen eingeladen, das im Jahr 2016 eine hauseigene Variante von „Der gute Mensch von Sezuan“ auf die Bühne gebracht hat. Ein Stück, das wie kein anderes die Grenzen des „guten Menschen“ aufzeigt.

Alize Zandwijk behilft sich in der Besetzung der Prostituierten Shen Te und ihres „Vetters“  mit einer Doppelbesetzung. Doch nicht für die abgegrenzten Personen (gut/böse), sondern für  Shen Te selbst, die von zwei Personen dargestellt wird und damit ihre innere Zerrissenheit zur Schau stellt. Denn die Prostituierte ist die einzige, die den drei Göttern Unterkunft gibt in der Stadt. Diese belohnen sie reichlich, damit sie weiter Gutes tun kann, doch sie wird ausgenutzt und übers Ohr gehauen, sodass sie schließlich selber zur Schuldigen wird. Einzig der Trick mit dem erfundenen Vetter Shui Ta, der den harten Neinsager geben muss, rettet sie vor dem vollständigen Ruin. Mit diesem Stück hat Brecht den Prototyp des epischen Theaters und der dialektischen Kapitalismuskritik geschrieben. Ein Klassiker der Moderne, der immer wieder auf sehr unterschiedliche Weise inszeniert wurde.

Die doppelte Frauenbesetzung ist eine originelle Idee Alize Zandwijks, durchaus geeignet, die innere Zerrissenheit der guten Shen Te aufzuzeigen. Nadine Geyersbach und Fania Sorel könnten als Typen kaum unterschiedlicher sein, um diese Zweiteilung zu untermauern. Sehr störend war allerdings der starke niederländische Akzent von Fania Sorel, der ihre schauspielerische Leistung doch deutlich schmälerte. Die drei Götter, die zunächst als „normale“ Business-Typen auftauchen und sozusagen auf Geschäftsreise sind, wandeln sich schnell zu (in Fatsuits spielenden) saturierten Upper-Class-Menschen, die von der Realität völlig abgehoben sind und bei auftauchenden Problemen das Weite suchen. Warum zum Schluss zwei von ihnen mit Trump-Masken auftauchen und einer mit Donald-Duck-Maske, ist als Versuch des aktuellen Bezugs allerdings nicht wirklich nachvollziehbar.

Die zum Stück gehörige Musik von Paul Dessau wird in der Inszenierung ergänzt durch sehr verschiedene  Klänge, inklusive Hochzeits-Klezmer. Der Motor dafür ist der Tausendsassa Costa Beppe, der sein Ziel der Erbauung durch Musik lustvoll vorlebt: Er beherrscht mehrere Instrumente virtuos, kann die Gitarre selbst auf dem Rücken spielen, ist auch Teil des Bühnengeschehens und zeigt somit die Verwurzelung von Musik in allen Lebenslagen.

Der Vorhang zu und alle Fragen offen – diesen Original-Schluss des Stücks sparte sich die Inszenierung. Und doch zeigt sie eindrucksvoll das Dilemma der guten Tat, aber auch vom Fehlen der Werte. Brecht ist aktueller denn je.





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