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Mittwoch, 20.10.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Schwarze Pädagogik im Olympiastadion

Kommentar von Siegfried Zagler

Eine Auswechslung aus Zorn ist menschlich, aber sie hat nichts mit Verantwortung zu tun. Verantwortung, die ein Fußballtrainer in allen Ligen und in allen Gehaltsklassen zu tragen hat. Jos Luhukay ist es in der letzten Saison nicht gelungen, Gibril Sankoh seine leichtsinnigen „Beckenbauer-Sperenzchen“ auszutreiben, was zum Beispiel im letzten Saisonspiel dem FCA ums Haar den Aufstieg verhagelt hätte. In der Bundesliga hat sich  Sankoh bisher in jedem Spiel Risikoaktionen vor dem eigenen Strafraum geleistet. In Berlin hat sich Augsburgs bundesligatauglichster Spieler seinen bisher spektakulärsten Leichtsinnsfehler erlaubt und wurde postwendend dafür mit seiner Auswechslung bestraft. Eine Wut-Entscheidung des Trainers, der an der Außenlinie die Fassung verlor.

Ein Zeichen von Führungsschwäche

Sankoh wurde aus Zorn bestraft. Wenn Fußballtrainer in aller Öffentlichkeit pädagogische Maßnahmen vollziehen und einen Spieler ohne Sinn und Verstand demütigen, dann ist das ein Zeichen von Führungsschwäche. In der Wissenschaft werden Erziehungsmaßnahmen dieser Art als „Schwarze Pädagogik“ bezeichnet. Eine Fußballmannschaft ist kein Mädchenpensionat und möglicherweise führt die öffentliche Hinrichtung Sankohs dazu, dass der hochbegabte Innenverteidiger in den folgenden Spielen seine zwanghaften Tändeleien unterdrückt, womit gesagt sein soll, dass man „unter Männern“ hinsichtlich der Strafmaßnahme Luhukays durchaus verschiedener Meinung sein darf.

Sankoh hätte sein Leben für eine Spielwende gegeben

Wer jedoch die Fernsehbilder sah und realisieren musste, mit welcher Eiseskälte Sankoh von Jos Luhukay und Andreas Rettig auf der Bank „empfangen“ wurde, ahnt, dass die Abgründe des FCA  möglicherweise tiefer sind als der Marianengraben. Menschenführung und Menschenwürde liegen eng beieinander. Beim FCA liegt nicht nur in der Öffentlichkeitsarbeit vieles im Argen, doch davon soll an anderer Stelle die Rede sein. Die Auswechslung Sankohs war ein Akt der Strafe und hatte nichts mit taktischen Überlegungen zu tun. Ein Armutszeugnis für jeden Trainer, zumal mit Uwe Möhrle ein Verteidiger eingewechselt wurde, dessen Fähigkeiten im Spiel nach vorne sehr limitiert sind. Hätte Luhukay den technisch begabten wie robusten Sankoh nach seinem verhängnisvollen Fehler im Spiel gelassen und von der Innenverteidigung (möglicherweise im Wechsel mit Hosogai) nach vorne beordert, um Baier und Mölders mit Hurra im Angriff zu unterstützen, hätte Gibril Sankoh sein Leben für eine Spielwende gegeben. Diese auf der Hand liegende Variante, wie sie zum Beispiel Bayern München mit Daniel van Buyten praktiziert, kommt im Repertoire Luhukays allerdings nicht vor.