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Montag, 02.08.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Schüchterne Annäherung an den Tanz

Premiere: das Ballett des Stadttheaters geht an die Schulen

Von Frank Heindl

Überraschung in der Klasse 2c der Blériot-Grundschule im Univiertel: Während Lehrerin Barbara Wagner am Dienstag mit ihren Kindern die Eigenschaften der Tunwörter einübt, klopft es plötzlich an der Tür. Herein tritt, völlig verschüchtert, zusammengekrümmt und verunsichert eine neue Schülerin, die sich verschämt und verkrampft hinter ihre Schulbank quetscht.

Tänzerin Marie Sophie Budek kam als schüchterne neue Schülerin Clara Schmidt in die Klasse 2c der Blériot-Schule.


Die neue Schülerin ist allerdings keine echte Schülerin. Sie sieht zwar sehr jung aus, ist aber trotzdem schon 23 und –Tänzerin im Ballettensemble des Stadttheaters. Marie Sophie Budek ist für ein Jahr in Augsburg und hat sich freiwillig bereitgefunden, dieses Experiment mit den Schülern zu wagen, das in der Blériot-Schule Premiere hatte. „Theater im Klassenzimmer“, erklärt Theaterpädagogin Christine Geißler, sei nicht ganz einfach: „Der Raum ist für die Schüler und Schülerinnen intensiv mit ihrer Schulwelt besetzt. Man bräuchte viel Ausstattung und Kulisse, um das zu ändern.“ Die Lösung der Balletttänzerin: Sie hat sich eine Improvisation ausgedacht, die im Klassenzimmer spielt. Der Zugang zu ihrer Vorstellung soll schließlich „so niederschwellig wie möglich“ sein. Aus diesem Grund wird die Lehrerin auch flugs einbezogen: Barbara Wagner heißt die neue Schülerin willkommen und bittet sie, erst mal ihren Namen an die Tafel zu schreiben.

Die „Neue“ ist verklemmt, die Schüler kreischen vor Vergnügen

Die schüchterne „Neue“ gehorcht brav, aber die vielen Verrenkungen, unter denen sie zur Tafel gelangt, das fürchterlich umständliche Gehampel, das sie anstellt, nur um dann ihren Namen so klein zu schreiben, dass niemand ihn lesen kann – es bringt die Kinder vom Schmunzeln zum Prusten, bis sie schließlich lauthals und kreischend lachen. Für die Lehrerein wäre es nun nicht ganz einfach, die Klasse wieder zu beruhigen – der Tänzerin aber gelingt es mühelos. Denn als plötzlich Musik vom Kassettenrekorder erklingt, beginnt sie zu tanzen. Nicht auf Spitzen, nicht im „schönen“, klassischen Stil – doch ihre Bewegungen öffnen sich, sie legt ihre Schüchternheit ab, träumt sich in eine andere Welt.

Was in den gut zwanzig Minuten der Performance sonst noch alles passiert, verstehen die Kinder, wie sich in der darauffolgenden Nachbesprechung zeigt, erstaunlich genau – kein Detail ist ihnen entgangen. Zumal sie sich in die Situation der neuen Schülerin problemlos einfühlen können: Als er zum ersten Mal im Kindergarten gewesen sei, erinnert sich ein Junge, habe er „fast zu heulen angefangen“, und einer der Jungs kann sich ganz besonders gut in Clara Schmidt – so heißt die „neue Schülerin“ – hineinversetzen: Er ist selbst erst seit einer Woche in der 2c. Auch dass die Tänzerin teilweise pantomimisch gearbeitet hat, ist den Schülern aufgefallen – auch wenn ihnen das passende Wort nicht einfällt. Und als „Clara“ sich ihnen allmählich angenähert, sich einen Spitzer geliehen und sich anschließend von allen per Handschlag verabschiedet hat, mussten auch sie erst mal eine gewisse Schüchternheit ablegen.

Fürs Ballett geht es auch um die Zuschauer der Zukunft

Erinnerungsfoto mit Tänzerin: Die Schüler der 2c mit Lehrerin Barbara Wagner und Ballett-Besuch.

Erinnerungsfoto mit Tänzerin: Die Schüler der 2c mit Lehrerin Barbara Wagner und Ballett-Besuch.


Lehrerin Barbara Wagner hat sich spontan gemeldet, als das Theater den Grundschulen einen Besuch des Balletts anbot. Sie tanzt ohnehin immer wieder mit ihren Kindern und kann auch mit den unterschiedlichen Interessen von Jungs und Mädchen gut umgehen: „Den Jungs verkaufe ich das natürlich nicht als Tanz, sondern als Bewegungssport.“ Ballettdirektor Robert Conn, der zur Premiere des Projekts ebenfalls in die Blériot-Schule gekommen ist, kennt das Problem. Jungs kriege man noch am ehesten über HipHop zum Tanzen, weiß er. Doch beim Schulprojekt geht es weniger um zukünftige Tänzer als um die Zuschauer der nächsten Generation. Theaterpädagogin Geißler und die ebenfalls anwesende Ballettdramaturgin Dana Dopheide wollen den Kindern zeigen, dass Ballett viel mehr ist als Spitzentanz und Tutu. Und die haben schon verstanden, dass die Tänzerin ihnen eine ganze Geschichte erzählt hat, ohne ein Wort zu sprechen – nur mit ihren Bewegungen.

„Ich war auch ganz schön aufgeregt“, gibt Tänzerin Marie Sophie Budek zu. Und das, obwohl sie schon mit vier Jahren zu tanzen begonnen hat und ihr Berufswunsch Tänzerin seit ihrem zehnten Lebensjahr feststeht: „Seit damals habe ich immer getanzt, sechs Stunden täglich, sechsmal die Woche.“ Anstrengend sei das Tanzen trotzdem immer noch – „wie bei einem Marathonlauf!“. Robert Conn ist froh, dass er die junge Nachwuchstänzerin hat: „So etwas kann ich nicht mit jedem Tänzer machen. Manche improvisieren nicht so gerne, manche können nicht so gut mit Kindern umgehen.“ Budek, ergänzt die Theaterpädagogin, habe außerdem den Vorteil, dass sie sehr jung aussehe, sehr unempfindlich und offen sei. In der Tat wird es nicht jedem Künstler liegen, sich von den Kindern zunächst mal wie ein Clown auslachen lassen zu müssen.

Gerne würde er ab und zu auch Schulklassen zum Tanztraining einladen, sagt Conn – doch das scheitere an den Arbeitszeiten: „Wenn wir um elf anfangen, haben die Grundschüler schon fast wieder aus, da können die nicht mehr zu uns in die Stadt fahren.“ Und statt mit einer Tänzerin ins Klassenzimmer mal mit der ganzen Companie in die Turnhalle zu kommen, ähnlich wie das GMD Dirk Kaftan es mit seinem Orchester macht? „Vielleicht haben wir irgendwann einmal Raum für ein größeres Projekt“, sagt Conn, ist aber skeptisch: Für so etwas sei die Personaldecke des Augsburger Balletts einfach zu knapp. Einfacher als Ballett in der Schule wäre es natürlich, die Kinder kämen zum Ballet. Bei den 18 Schülern der 2c ist das Interesse jetzt schon mal geweckt. Und andere werden noch dazukommen: Bis März ist das Ballettprojekt ausgebucht, mit drei bis vier Schulvorstellungen pro Woche.