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Dienstag, 04.12.2018 - Jahrgang 10 - www.daz-augsburg.de

Schauspielpremiere: Die Orestie von Aischylos

Intensiv und kurzweilig zeigt die  Inszenierung von Wojtek Klemm am Augsburger Theater, dass ein Klassiker immer aktuell ist

Orestie von Aischylos im Staatstheater Augsburg: Der blutige Lauf der Geschichte – Foto: © Jan-Pieter Fuhr

Vor 2500 Jahren hat Aischylos den Mythos der Artriden und die Figur des Agamemnon als einen der Hauptprotagonisten des Trojanischen Krieges zum Anlass genommen, die Fragen um Schuld und Sühne, Recht und Gerechtigkeit auf die Bühne und ins öffentliche Bewusstsein zu bringen. Die Trilogie ist ein grundlegendes Epos der Theatergeschichte, mächtig und umfangreich. Daraus ohne Substanzverlust einen kurzweiligen Theaterabend von knapp zwei Stunden zu kondensieren, ist ein gewagtes Unterfangen, dem sich der in Deutschland und Polen lebende Regisseur Wojtek Klemm in Augsburg unverkrampft und mit Lust gestellt hat.

Die zweigeteilte schräge Bühne (Katrin Kersten) wird von einer Wasserrinne geteilt, die die Darsteller dauernd überschreiten (müssen). Sie trennt und verbindet Welten – die Welt der Lebenden und der Toten beispielsweise. Denn es ist Krieg, über den das Volk klagt. Eine geraubte Frau ist die Ursache für all das Leid in den Familien der Trojaner und der Griechen gleichermaßen. Doch nun ist Troja gefallen und Agamemnon kehrt zurück, sehnlich erwartet von seiner Frau Klytaimnestra. Die hat nämlich noch eine Rechnung mit ihm zu begleichen, denn er hat seinerzeit bei seiner Abreise leichtfertig die gemeinsame Tochter Iphigenie geopfert, weil Artemis den Schiffen den Fahrtwind verweigert hatte. Nun ist der Tag der Vergeltung gekommen. Klytaimnestra ist längst mit Ägisth liiert, einem alten Feind der Familie und als Agamemnon auch noch mit Kassandra, der Tochter des besiegten Trojanerkönigs Priamos, im Schlepptau antanzt („Ich hab dir was  Schönes vom Kleinasiaten mitgebracht“), ist das Maß voll und das Entspannungsbad des Königs findet durch das Beil seiner Gattin ein jähes Ende. Der erste Eimer Blut wird sodann in die Rinne gekippt, weitere folgen getreu den Gesetzen der griechischen Tragödie.

Dass die Klassiker der Antike Grundmuster der menschlichen Verhaltensweisen zeigen, macht sie so zeitlos. Es „menschelt“ beim hehren königlichen, aber auch göttlichen Personal, dass sich die Balken biegen und Wojtek Klemm ist nicht der Erste, der diese allgemein verbindliche Folie herausarbeitet und verdichtet. Dem unkundigen Zuschauer mag es Mühe bereiten, die Zusammenhänge der mythologischen Geschichte zu erkennen, eine entsprechende Vorbereitung ist nicht verkehrt. Doch offensichtlich (Dramaturg Lutz Keßler betonte dies  auch in der Einführung), sind diese nur modellhaft. Die Inszenierung streicht alle Exkurse und fokussiert den Blick auf die Themenfelder: Krieg, Rache, Vergeltung, Gerechtigkeit und Recht. Zehn Darsteller(innen) übernehmen die Rollen der handelnden Personen. Sie sind aber auch gleichzeitig Chor, kommentieren das Geschehen in der Tradition der antiken Chöre.

Die wuchtige Bühnenpräsenz entsteht durch die Ensembleleistung, durch die Kraft der durchchoreografierten Spannung. Denn der Regisseur lässt sich bei seinen Inszenierungen von seiner Frau unterstützen, der  Bewegungsspezialistin Efrat Stempler. Das erspart dröge Monologe und macht die Aktion zu einem lustvollen, körperbetonten Spektakel, das durchaus an Comics erinnert. Fast zu sehr, könnte man meinen. Die Gratwanderung driftet zuweilen in den Slapstick-Bereich – zumal der Humor ein eher norddeutscher ( „Hallo Mama – trippel, trippel“ – Otto lässt grüßen) ist.

Dennoch bleibt die Handlung letztlich seriös,  anschaulich und nachvollziehbar. Das ist nicht zuletzt das Verdienst des diszipliniert und wandlungsfähig mit vollem Körpereinsatz agierenden Schauspielteams. Im Vordergrund zunächst Katharina Rehn als Klytaimnestra, Thomas Prazak als Agamemnon, Sebastian Baumgart als Orest, alle auch Teil des Chors und in ständiger Wechselwirkung. Zum Schluss kommen die Götter ins Spiel: Apollon (Gerald Fiedler) und Athene (mit apartem Pagenschnitt der 20er Jahre: Natalie Hünig). Sie müssen nun entscheiden, ob Orest Schuld auf sich geladen hat, weil er den Mord an seinem Vater durch die Ermordung der Mutter gerächt hat, die Erynnien fordern seine Bestrafung. Apollon entschuldet ihn, doch Athene nimmt die Menschen in die Verantwortung und überträgt ihnen die Rechtssprechung selber – freilich nicht, ohne sich noch ein Veto offen zu halten.

Der Rechtsstaat, der dadurch faktisch entsteht, ist ein Meilenstein des menschlichen Zusammenlebens, eine wunderbare Chance, aber auch eine Last, denn er kann missbraucht und instrumentalisiert werden. Für den in Polen sozialisierten Regisseur liegt der Bezug zur Gegenwart nahe. Er lässt Orest zum Schluss Viktor Orban zitieren, der die Staatsform der „illiberalen Demokratie“  kreiert hat, die „am besten fähig ist, eine Nation erfolgreich zu machen“, weil sie jenseits aller Ideologien den „nationalen Ansatz“ als Grundprinzip bestimmt.

 



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