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Montag, 06.12.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Schach: Norbert Krug gewinnt die Schwäbische Meisterschaft

Am gestrigen Sonntag konnte sich Norbert Krug vom Schachklub Friedberg die begehrte schwäbische Schachkrone aufsetzen und den 300-Euro-Siegerscheck in die Tasche stecken.

Turniersieger Norbert Krug

Turniersieger Norbert Krug


In einem spannenden Finale rang Norbert Krug seinem Verfolger, Fidemeister Dr. Werner Müller (SK Göggingen), ein Remis ab. Für Krug reichte der halbe Punkt zum Turniersieg, Dr. Müller rutschte von Rang zwei auf Rang vier zurück. Zweiter wurde bereits zum sechsten Mal der Internationale Meister Mark Safyanowsky (Dillingen). Den dritten Rang belegte Dmitriy Shekhter (SK Kriegshaber).

Norbert Krug konnte sich gegen Dr. Müller aus einer Mittelspielstellung mit einem Minusbauern in ein für ihn vorteilhaftes Doppelturmendspiel retten. Damit war für den Ex-Erfurter der Titel in trockenen Tüchern. Krug hat das Turnier verdient gewonnen. Der Neu-Kissinger kam nie in Zeitnot, war nie in große Kalamitäten verwickelt und hatte seine Spiele – bis auf das Finale gegen Dr. Müller – immer in der Gewinnzone.

Gegen „das Phantom“ durchgesetzt

Die beiden Finalisten mussten sich gegen „das Phantom“, wie der immer noch unfassbar spielstarke Ilia Kramar respektvoll in der lokalen Schachszene genannt wird, durchsetzen. Norbert Krug, der das Turnier nach dem Ausscheiden von Fernschachweltmeister Michail Umansky dominieren konnte, gelang das aus der Eröffnung heraus. Fidemeister Werner Müller stand gegen Kramar fast fünf Stunden auf Remis. Nur aufgrund einer kleinen Ungenauigkeit von Kramar konnte Dr. Müller gewinnen und die Finalsituation herstellen.

Das Phantom Ilia Kramar

Das "Phantom": Ilia Kramar


Wenn der für den Lechhauser Schachclub spielende Kramar, der im kommenden August seinen 87sten (!) Geburtstag feiert, bei einem Schachturnier in der Region auftaucht, dann wissen Experten, dass der Turniersieg nur über Ilia Kramar läuft. Entweder er gewinnt das Turnier, oder er spielt das Zünglein an der Waage. Auf der Schwäbischen Meisterschaft 2005 belegte er den zweiten Platz, punktgleich mit dem damaligen Sieger Matthias Stanzl, den Ilia Kramar am Samstag in der fünften Runde mit einer furiosen Angriffspartie aus dem Favoritenkreis kegelte. Dieses Jahr hat es für Kramar wieder nicht zum Turniersieg gereicht, was den ehemaligen Schachmeister von Omsk nur ein Lächeln kostete: „Dann eben nächstes Mal.“ Kramar ist für sein jugendliches – manchmal fast schon übermutiges Kombinationsspiel berüchtigt. Auch die versiertesten Spieler treten ungern gegen ihn an. Ilia Kramar spielt gefährliches Angriffschach, sieht jede kleine Schwäche in der gegnerischen Verteidigung und lässt auch nach vielen Stunden am Brett kaum Konzentrationsschwächen erkennen.

Schach ist sein Leben

Der 1922 in Nowoukrainka (Ukraine) geborene Ilia Kramar zögerte nicht lange, als er „als junger Bursch in den 50er Jahren“ die Möglichkeit hatte, im sibirischen Omsk hauptamtlicher Schachdirektor zu werden. 40 Jahre lang war er professioneller Leiter und Trainer des staatlichen Omsker Schachklubs. Deutsch hat er von der österreichischen Kolonie in Omsk gelernt: Kommunisten und Sozialdemokraten, die es nach dem nationalsozialistischen Putsch 1934 in Wien nach Omsk verschlagen hatte, gingen in „seinem“ Schachklub ein und aus.

„Schach ist sein Leben“ – falls dieser Spruch außerhalb der Profiszene auf jemand zutrifft, dann auf den Neu-Lechhauser Ilia Kramar, der seit 60 Jahren mit seiner Frau Rozalia verheiratet ist. Im Dezember 2000 ist Familie Kramar mit Tochter und Enkelkind von Omsk nach Augsburg gezogen. Eine harte Zäsur, eine schwierige Entscheidung für den damals 78jährigen? „Natürlich, ja… aber egal, Schach spielt man schließlich überall.“ In Omsk ist Kramar 1961 Stadtmeister geworden. In einem Feld, das hierzulande in etwa einer exzellent besetzten Bayerischen Meisterschaft entspricht. Doch richtig stolz ist er nur auf seinen Enkel Vladimir, der 1993 als Goalie für das Eishockeyjugendteam der russischen Förderation im Tor stand. Es gibt wenig Menschen, die mehr zu erzählen haben als Ilia Kramar, der ewig junge Turnierdirektor aus Omsk, „das Phantom“.