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Samstag, 22.01.2022 - Jahrgang 14 - www.daz-augsburg.de

Saufen für die Menschlichkeit

Premiere I: Brechts „Puntila“ im Großen Haus

Von Frank Heindl

Drei Tage schon säuft der Gutsbesitzer, als Brechts Drama vom Herrn Puntila und seinem Knecht Matti einsetzt. Drei Tage schon säuft er und fürchtet den Moment, da er wieder „sternhagelnüchtern“ sein wird und „zurechnungsfähig“. Das ist schlimm, denn: „Ein zurechnungsfähiger Mensch“, weiß Puntila, „ist ein Mensch, dem man alles zutrauen kann.“ In keinem anderen Drama hat Brecht seine Sicht von der Dialektik der Menschlichkeit so witzig zum Ausdruck gebracht, wie im „Puntila“. Am Freitag war Premiere im Großen Haus.

Betrunkenes Rumpelstilzchen: Klaus Müller als Gutsbesitzer Puntila

Betrunkenes Rumpelstilzchen: Klaus Müller als Gutsbesitzer Puntila


Nur im Suff, so lautet die Moral, kann der Ausbeuter Mensch sein. Nüchtern dagegen muss er an seinen Vorteil denken und ist daher eine Gefahr für die Allgemeinheit. Beweise dafür liefert das Stück haufenweise: Denn unter dem Einfluss von flaschenweise Aquavit hat Puntila geradezu kommunistische Ideen. Wehe aber, kaltes Wasser und starker Kaffee entfalten ihre verderbliche Wirkung: Dann muss seine Tochter, dem gesellschaftlichen Aufstieg zuliebe, einen tölpelhaften Diplomaten heiraten, dann werden die Untergebenen kujoniert, die „Roten“ vom Hof gejagt. Und der Chauffeur Matti, eben noch ein „Bruder“, ein „Mensch“, ein „Freund“, wird des Diebstahls bezichtigt.

Bertolt Brecht hat für den 1940 im finnischen Exil geschriebenen „Puntila“ als einziges seiner Dramen den Begriff „Volksstück“ gewählt. Und Regisseur Jay Scheib, im Hauptberuf Theaterprofessor in Massachusetts, macht diesen Begriff zum Programm: Schon zu Anfang brettert der betrunkene Gutsbesitzer mit seinem „Studebaker“-Wagen durch die Wand ins Wohnzimmer, später bringt sich ein pudelnasser, nur mit Unterhosen bekleideter Matti quer über die Stuhlreihen des Publikums vor seinem jähzornigen Herrn in Sicherheit; und der Puntila darf nach Herzenslust auf alle „Weiberärsche“ klopfen, die in seine Reichweite kommen. Das ist oft nah am Boulevardtheater und macht einen Riesenspaß.

Menschenfreund und Leuteschinder

Durch die Wand: Tochter Eva (Christine Diensberg) bei Papas Heimkehr

Durch die Wand: Tochter Eva (Christine Diensberg) bei Papas Heimkehr


Klaus Müller mag man, seiner Statur wegen, anfangs für nicht ganz die richtige Besetzung des Gutsbesitzers halten. Den Puntila hatte man sich bisher als großen, korpulenten, schwitzenden Herrn mit Doppelkinn vorgestellt. Müller ist kleiner als alle um ihn herum. Aber ist das nicht auch der Puntila? Bald schon zeigt ja das Stück, dass auch er durchaus nicht Herr im eigenen Hause ist. Der Probst und der Richter sind größer und wissen ihre Macht auszuspielen, wenn ihnen der Trunkenbold in seiner Menschlichkeit zu weit geht. Rührt vielleicht auch daher sein Alkoholkonsum? Muss er sich womöglich auch deshalb aufführen wie ein irr gewordener Kobold, wie ein Rumpelstilzchen kurz vorm Platzen? Müller schafft den Übergang vom Menschenfreund zum Leuteschinder ohne Verrenkung, zeigt bravourös, wie nahe die zwei Seelen des Puntila beieinander liegen und warum der kapitalistische Ausbeuter, der er ist und bleiben muss, in beiden Rollen nicht glücklich werden kann, und sorgt mit überbordender Energie dafür, dass der verzweifelter Suffkopf vom ersten Moment alle Sympathie des Publikums genießt.

Toomas Täht als „Knecht“ Matti hat’s da schon schwerer, Gehör beim Publikum zu finden. Auch ihm legt Brecht ja eine Menge bedenkenswerter Erkenntnisse und Bonmots in den Mund – seine Rolle ist regelrecht dafür geschaffen, die geringe Haltbarkeit von Puntilas Versprechungen zu demonstrieren, seinen Pathos als Phrase zu entlarven und ihn mit dem gesunden Chauffeursverstand zu konfrontieren. Denn der sagt ihm, dass Herr und Knecht nie Freunde sein können. Und Matti hat auch ein gesundes Gespür für die Unmöglichkeit einer Ehe mit Puntilas Tochter Eva, die dieser ihm in einem seiner menschlich-trunkenen Momente anbietet (als unerfahren-dumme höhere Tochter, als burschikos-intrigant aufbegehrende Zwangsverlobte, als bemüht-unfähige Hausfrau gleich überzeugend: Christine Diensberg).

Glänzende Akteure, fragwürdige Projektionen

Vom Menschenfreund zum Leuteschinder: Puntila duscht sich nüchtern, während Fina (Ute Fiedler) und Matti (Toomas Täht) die Folgen erörtern

Vom Menschenfreund zum Leuteschinder: Puntila duscht sich nüchtern, während Fina (Ute Fiedler) und Matti (Toomas Täht) die Folgen erörtern


Solche Momente, die wichtigen, die, auf denen es Brecht ankam – sie kommen zu kurz. Jay Scheib hat die Lacher auf seiner Seite und das schwungvoll Umwerfende einer tollen, atemlosen, vom Anfang bis zum Schluss mitreißenden Inszenierung. Aber dass das Gelächter bei Brecht im Dienst der Erkenntnis steht, geht zwischen explodierenden Scheinwerfern und spritzenden Bierdosen oft verloren. Da helfen auch die Video-Projektionen nicht, mit denen Scheib arbeitet. Ein Gesichtsausdruck, sagt Scheib, könne vieles zum Ausdruck bringen, was sonst auf der Theaterbühne nicht zu vermitteln sei. Und so sehen wir die Akteure sich vor Kameras verrenken, die ihre Mimik auf eine große Leinwand übertragen. Misstraut Scheib der Wirkungskraft des Stücks? Oder der seiner Schauspieler? Letztere haben das nicht verdient. Neben Puntila, Matti und Eva agieren auch Eberhard Peiker als seriöser Richter, der gern mal einen hebt, und Tjark Bernau als tumb herumhampelnder Attaché glaubhaft und ausdrucksstark. Zusätzliche Glanzpunkte setzt die aufgewertete Rolle des Stubenmädchens Fina: Sie darf auch die – von Brecht als Lieder konzipierten – Zwischentexte sprechen, und Ute Fiedler sorgt hier für erdenschwer-sarkastische Tiefe. Wozu also der technische Aufwand? Scheibs Videos machen gelegentlich vorn auf der Leinwand das sichtbar, was sich im jeweiligen Hintergrund der von Susanne Hiller mit Sauna und Gutsherrnwohnung ausgestatteten Drehbühne tut. Doch die Bühnenaufbauten sind klar, licht und durchlässig – da wären auch andere Lösungen möglich gewesen.

V-Effekt im falschen Moment

Verfremdungseffekte? Brechts Theatertheorie fordert sie: Wir sollen jederzeit wissen, dass wir im Theater sind, sollen in keinem Moment das Spiel mit der Wirklichkeit verwechseln. Ganz am Ende, Matti verlässt das Gut, verabschiedet sich von Fina, wird’s rührselig. Und damit es nicht zu rührselig wird, dürfen wir sehen, wie Ute Fiedler als Fina nicht wirklich weint, sondern sich für die bessere Wirkung Wasser in die Augen reibt. Der Moment ist großartig gespielt und die Kamera holt ihn ganz nah ran. Allerdings tritt dafür einmal mehr die Brecht’sche Botschaft in den Hintergrund. Denn genau in diesem Moment fasst Matti seine Erkenntnis und die „Moral“ des Stücks zusammen: dass der Knecht den guten Herrn erst finden kann, wenn die Knechte ihre eigenen Herren sind.

Eine mitreißende, in vielerlei Hinsicht überzeugende Inszenierung, eine hinreißend agierende Schauspielertruppe –vielleicht war das ein wenig zu überwältigend. Ganz dem Sog des Theaters hingegeben, hatte man sich fesseln lassen, klatschte man begeistert und aus vollem Herzen, wie der allergrößte Teil des Publikums. Die Skepsis kam erst später: Brecht hat viel bekommen – er hätte noch etwas mehr verdient.