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Donnerstag, 21.10.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Römer: Neues Museum ante portas

Fast ein Jahr nach der Schließung des römischen Museums in der Dominikanerkirche scheint festzustehen, dass die Erinnerungskultur der Stadt bezüglich ihrer römischen Gründungsväter nicht mehr in ihr Schattendasein zurückgeführt werden soll. Wie es aber mit der historischen Aufbereitung der ehemalige Provinzhauptstadt Rätiens, Augusta Vindelicorum, weiter gehen soll, ist noch völlig offen. Aktuell stehen sich zwei groß gedachte Konzepte gegenüber: Ein Neubau neben der Klosterkirche konkurriert gegen einen archäologischer Park plus Museumsneubau am Pfannenstiel.

Von Siegfried Zagler

Stadtplan des römischen Augsburg (2.-4. Jh. n. Chr.) Die graue Fläche im Norden markiert das Gebiet "Am Pfannenstiel". (Quelle: Stadtarchäologie Augsburg)

Stadtplan des römischen Augsburg (2.-4. Jh. n. Chr.) Die graue Fläche im Norden markiert das Gebiet "Am Pfannenstiel". (Quelle: Stadtarchäologie Augsburg)


Zum einen geistert der Vorschlag eines musealen Neubaus bei der Dominikanerkirche durch die Verwaltung. Dabei geht es um ein Römermuseum, das neben dem bisherigen römischen Museum am Predigerberg entstehen soll. Zum anderen hat die Augsburger SPD den Vorschlag eines Museumsneubaus, der von einem archäologischen Park ergänzt werden soll, wieder ausgegraben. Beide Vorschläge haben die Konzeptphase noch nicht überwunden, beide gehen weit über einen städtischen Beschluss aus dem Jahre 2009 hinaus. War man sich bislang interfraktionell über die Sanierung der Klosterkirche in der Altstadt nebst einem Anbau einig, bringen nun verschiedene Fraktionen des Stadtrates große städtebaulichen Visionen ins Spiel.

Startschuss für einen besseren Umgang mit der eigenen Geschichte

So regte die Stadtverwaltung im Zusammenspiel mit den Freien Wählern, maßgeblich Volker Schafitel, das Gedankenspiel eines großzügig dimensionierten Neubaus an. Zusammen mit dem kommissarischen Leiter des geschlossenen Museums, Manfred Hahn, stellte die Stadtverwaltung der Hochschule Augsburg Rahmendaten für eine Masterarbeit unter der Leitung von Prof. Christian Hößl und Prof. Peter Wossnig zusammen: Neubau neben der Klosterkirche, Abriss der Berufsschule, Errichtung einer Tiefgarage und eines 100 Betten-Hotels. Diese Vorgaben bildeten im Frühjahr diesen Jahres die Aufgabenstellung für die Abschlussarbeiten der Hochschüler. Dass der Stadtrat sich mittlerweile gegen eine Verlagerung der Schule mehrheitlich entschieden hat, schwächt die Projektideen der Studenten zwar ein wenig, ändert aber nichts an dem richtigen Grundgedanken, der diesem Projekt voraus ging, dass nämlich die Schließung des Römischen Museums der Startschuss für einen angemesseneren Umgang mit der eigenen Geschichte zu bedeuten habe.

Die Ergebnisse der Architekturstudenten sind in der Hochschule Augsburg bis Ende September zu besichtigen, und zwar im zweiten Stock des Gebäudes C (Brunnenlechgäßchen). Bemerkenswert sind unter anderem die Arbeiten von Florian Immler und Matthias Czernik, die einen jeweils 4000 m² Nutzfläche großen, ästhetisch modernen Neubau neben der ehemalige Kirche vorschlagen. Daneben – entlang dem Dreieck Predigerberg/ Vorderer Lech – ist eine städtebaulich ansprechende Gliederung von Gebäuden und Ebenen vorgesehen. Volker Schafitel kann sich vorstellen, dass sich mit dem Verkauf des Geländes oder der neu errichteten Gebäude ein Museum leicht finanzieren ließe.

Pfannenstiel: Kein Quadratmeter ohne römischen Befund

Blick über die Sondierungsgrabung im Jahr 1999: Grundmauern eines repräsentativen römischen Wohngebäudes im südlichen Teil des Pfannenstielgeländes. (Quelle: Stadtarchäologie Augsburg)

Blick über die Sondierungsgrabung im Jahr 1999: Grundmauern eines repräsentativen römischen Wohngebäudes im südlichen Teil des Pfannenstielgeländes. (Quelle: Stadtarchäologie Augsburg)


Andere Ziele verfolgt die Augsburger SPD. Fraktionschef Stefan Kiefer geht davon aus, dass ein römisches Museum an einer Stelle errichtet werden sollte, an der einst Römer lebten. Ihren Anspruch, die Debatte zu bestimmen, dokumentierte die SPD am „Tag des unbequemen Denkmals“. 120 Bürger nahmen an einer archäologischen Führung am Pfannenstiel teil. Organisiert hat diese federführend Dr. Frank Mardaus, kulturpolitischer Sprecher der SPD. Zahlreiche interessierte Bürger und Experten, wie zum Beispiel Manfred Hahn vom römischen Museum, trafen sich auf einer drei Hektar(!) großen Grünfläche zwischen Pfannenstiel und Sebastianstraße. Ein von mannshohen Goldruten überwuchertes Gelände im Besitz der Stadt. Dort wurden sie von den Mitarbeitern der Stadtarchäologie empfangen und informiert.  Nur wenige Zentimeter unter dem Wildwuchs befindet sich etwa ein fünf Hektar großes römisches Stadtviertel, das, seitdem die Römer es verlassen hatten, nie wieder überbaut wurde. In dieser Größe sei das für eine römische Provinzhauptstadt einzigartig in Deutschland. Bei einer groß angelegten Sondierungsgrabung wurden 1999 zahlreiche Scherben afrikanischer und gallischer Importkeramik, Fragmente eines spätrömischen Militärgürtels und eines germanischen Knochenkamms gefunden. Die im Original gezeigten Artefakte sind Funde der Ausgrabung, die dem Bauausschuss des Jahres 1999 erstmals klarmachte, was unter den Fachleuten seit der Grabung von Ohlenroth 1949 unstrittig war: Es gibt in dem Freigelände zwischen Pfannenstiel, Thommstraße, Sebastianstraße und Heinrich-von-Buz-Straße keinen Quadratmeter, der nicht Teil einer seit Mitte des ersten Jahrhunderts bis zum fünften Jahrhundert existierenden zivilen Siedlung innerhalb der Stadtmauer wäre. Das damalige Vorhaben der MAN, dort Wohngebäude zu bauen, wurde nach diesem Befund aufgegeben. Die Stadt erwarb das Gelände mit Hilfe des Freistaats Bayern.

Drei Hektar Park in Aussicht

Die Diskussion, was mit den etwa 3 Hektar, die sich in städtischem Besitz befinden,  geschehen könne, ist

Diese Grünfläche am Pfannenstiel soll als "Römerpark" erschlossen werden

Diese Grünfläche am Pfannenstiel soll als "Römerpark" für die Bürgerschaft erschlossen werden


in zahlreichen Gesprächen der Bürger mit den Archäologen Michaela Hermann, Dr. Sebastian Gairhos und Bodo Kolb erneut aufgeflammt. SPD-Chef Stefan Kiefer äußerte sich während der Führung verwundert, warum man nicht problemlos  den Schwung der damaligen Diskussion fortsetzen könne. Das Fachorgan „Archäologisches Jahr in Bayern 1999“ kam damals zu folgendem Fazit: „So wäre wünschenswert, dieses Areal als ‘Archäologischer Park’ mit gezielten kleineren Ausgrabungen langfristig zu erschließen und zu konservieren, die antiken Straßen darzustellen, mit der Stadtmauer oder einem einzelnen Gebäude zu restaurieren, vielleicht sogar mit einem ‘neuen’ römischen Museum zu ergänzen.“ (Lothar Bakker, u.a.). Allein die Gewinnung einer neuen Parkanlage, eines öffentlichen Grüns mit der Dimension von drei Hektar, wäre bei diesem Projekt ein unschätzbarer Zugewinn für das Quartier wie für die Stadtgesellschaft.

Römermuseum ist zu einem kulturpolitisch hochrangigen Thema avanciert

Modell Andreas Müller: Pfannenstiel-Neubau schmiegt sich ans Hangende, wo er keine archäologischen Schätze gefährden würden

Modell Andreas Müller, 2003: Pfannenstiel-Neubau schmiegt sich ans Hangende, wo er keine archäologischen Bodendenkmäler gefährden würde


Professor Christian Hößl von der Hochschule Augsburg hatte bereits im Jahr 2003 Diplomarbeiten für ein Museum am Pfannenstiel erstellen lassen. Die Ergebnisse wurden in Form von Architekturmodellen öffentlich präsentiert. Heute sind davon nur noch Dias erhalten. Ob das Museum aus konservatorischer Sicht am Standort Pfannenstiel errichtet werden soll, blieb bei der SPD-Veranstaltung vor Ort offen. Der bayerische Generalkonservator, Prof. Egon Greipl, der sich mit Kulturreferent Peter Grab in diesem Jahr bereits austauschte, stellte klar, dass die dort vorhandenen Bodendenkmäler nicht zerstört werden dürften. Die SPD hat für eine der nächsten Kulturausschusssitzungen einen öffentlichen Bericht über dieses Gespräch beantragt. Festzuhalten ist, dass die Pflege des römischen Kulturerbes bisher in Augsburg sträflich vernachlässigt wurde. Dass das Thema Römermuseum zu einem breit angelegten kultur- und stadtentwicklungspolitischen Diskurs avanciert ist, ist bereits ein großer Fortschritt.