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Dienstag, 07.06.2022 - Jahrgang 14 - www.daz-augsburg.de

Reise zu den „Orten des Grauens“

Mit Schauspieldirektor Trabusch an den maladen Stellen des Stadttheaters

Hundert Millionen soll es kosten, die Spielstätten des Augsburger Stadttheaters grundlegend zu sanieren beziehungsweise neu zu bauen. Das ergab die unlängst der Öffentlichkeit vorgestellte „Grundlagenermittlung zum Theaterstandort Augsburg“. Muss das denn wirklich sein? Ist Augsburgs Großes Haus wirklich so sanierungsbedürftig? Kann das nicht noch warten, bis die Zeiten besser werden? DAZ-Redakteur Frank Heindl ließ sich von Schauspieldirektor Markus Trabusch durchs Stadttheater führen.

Es ist schon Abend und sehr kalt draußen, als wir uns Ende vergangener Woche im Intendanzgebäude des Stadttheaters treffen. „Bei uns hier ist’s zwar nicht wirklich schön“, empfängt Markus Trabusch mich, „aber verglichen mit dem, was ich ihnen zeigen werde, sind wir in diesem Gebäude wirklich gut dran.“ Trabusch spricht in eigener Sache. Natürlich weiß man auch im Theater, dass die derzeitige Finanzlage der Stadt ein Hundert-Millionen-Investition nicht zulässt. Doch man hofft auf einen Einstieg in die Planung, auf einen konkreten Beginn. Insofern ist der Schauspieldirektor kein objektiver Führer. Doch die folgenden 90 Minuten sind ein regelrechtes Schockerlebnis. Wer nicht selbst gesehen hat, unter welchen Verhältnissen im Augsburg Theater gemacht wird, kann’s kaum glauben. Und das ist bereits ein Teil des Problems.

Regieassistentin Verena Schimpf: Gegen bröckelnden Putz helfen Blumen ...

Regieassistentin Verena Schimpf: Gegen bröckelnden Putz helfen Blumen ...


20 Prozent der Arbeitskraft am Augsburger Stadttheater geht mit der überaus umständlichen logistischen Abwicklung verloren – das hat der Oberste Bayerische Rechnungshof herausgefunden. Das klingt ein bisschen abstrakt. Eine Zahl eben. Erstellt von Buchhaltern. In der Realität sieht’s anders aus: schlimmer. „Schauen Sie sich diese Schlosserei an“, sagt Markus Trabusch, „und lassen Sie sich nicht davon ablenken, dass hier alles viel zu klein und viel zu eng ist, um vernünftig zu arbeiten.“. Hier also, in der Theaterschlosserei, werden Bühnenaufbauten hergestellt. Im Januar soll im großen Haus „Herr Puntila und sein Knecht Matti“ Premiere haben. Puntila entspannt sich gern in seiner Sauna. Hier, in der Schlosserei, haben sie ihm eine gebaut. Sie haben Metallträger aneinandergeschweißt, eine Rohkonstruktion sozusagen. Allerdings haben sie das Häuschen nicht in einem Schwung gefertigt, sondern in mehreren Teilen. Von Anfang an mussten sie bedenken, dass die Sauna hier raus muss. Und drüben wieder rein. Die Arbeit der Schlosser wird nämlich von den Schreinern fortgesetzt. Und die hausen nebenan. In einem anderen Gebäude. In dieses Gebäude führt eine Tür, und die ist höchstens vier Meter hoch und auch nicht breiter. „Diese Tür“, sagt Trabusch, „gibt das Anlieferungsmaß für die Bühne vor.“ Sprich: Nichts, was auf die Bühne soll, darf größer sein. Es muss durch die zu enge Tür in die Schreinerei, anschließend im zu kleinen Aufzug hinauf in den Malsaal – und auch der ist so klein, dass die Kulissen nur portionsweise angefertigt werden können. „Wir sehen das Gesamtergebnis immer erst auf der Bühne“ klagt Trabusch – wenn es für Korrekturen zu spät ist.

Die Hinterbühne als Montagehalle

... und Sarkasmus.

... und Sarkasmus.


Genauso schlimm: Die Endmontage des Stückwerks muss auf der Hinterbühne erfolgen. Die hat an „normalen“ Theatern einen anderen Zweck: Sie wird für Projektionen und Beleuchtung benötigt, sie muss die Requisiten für verschiedene Produktionen beherbergen. Und vor allem muss hier Ruhe herrschen, wenn vorne geprobt wird. Anders in Augsburg: Entnervte Regisseure eilen während der Probe immer wieder nach hinten, um bei den Technikern um Ruhe zu bitten – die aber müssen hier hämmern, klopfen, zimmern, weil weiter unten die Türen zu schmal sind. Im Moment bauen sie Puntilas Sauna. Umständlich genug. Aber: „Das ist doch nur ein Häuschen, das ist ein kleines Ding!“ entfährt es Markus Trabusch, „wir müssen doch hier mit viel größeren Aufbauten zurechtkommen!“

Schlosser, Maler und Schreiner sind nicht die einzigen, die zu klagen haben. Wer Requisitenmeisterin Karolina Kuschmitz in ihrem Kabäuschen besucht, der kann selbst hören, dass über ihr ein Klavierzimmer ist. Der Teppich dort oben war so dreckig, dass er raus musste, die Vorhänge sind bei der Sanierung der Fenster verschwunden und nicht wieder aufgetaucht. Nun hört Frau Kuschmitz jeden Ton von oben, und im Moment übt jemand nervenaufreibende Cluster. Hin und wieder besucht den Musiker und bittet um gelegentliche Pausen, „sonst hält man das nicht aus!“. Kann aber ein Musiker sinnvoll üben, wenn er fortwährend das Gefühl haben muss, dass die Kollegen nebenan unter seinen Etüden leiden? In der Tat ist dieser Zustand dem jungen Pianisten gar nicht recht – auch aus anderen Gründen: „Wir vermissen den Teppich sehr, die Akustik ist grauenhaft, seit auch noch die Vorhänge fehlen.“ Andererseits muss er froh sein, dass er hier üben kann – es gibt viel zu wenige Musikräume.

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Teil 2: Wenn Kunst doch schönmachen könnte!