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Samstag, 04.12.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Radler demonstrieren gegen fahrradfeindliche Verkehrspolitik

Zu einer Radel-Demo hatten am Samstag der ADFC, die Augsburger Grünen, die ödp und die SPD aufgerufen. 150 Teilnehmer demonstrierten für die Fertigstellung der Fahrrad-Ost-West-Achse, für die die Stadtregierung 2009 keine Mittel bereitstellen will.

In drei Etappen ging es mit Zwischenstopps für die Ansprachen vom Theater zum Jakobertor. Für den ADFC (Allgemeiner Deutscher Fahrrad-Club) sprach Janos Korda. Angesichts der 100 Punkte, die Kurt Gribl im Wahlkampf versprochen hatte, sei man bezüglich der Augsburger Fahrrad-Politik zunächst vorsichtig optimistisch gewesen. Nachdem die neue Stadtregierung aber 500.000 Euro für die Fertigstellung der Ost-West-Achse und weitere 100.000 Euro für den Unterhalt der Rad- und Fußwege gestrichen habe, sehe man den OB für jeden künftigen Unfall persönlich in der Verantwortung.

Stefan Kiefer (SPD) erläuterte den Demonstranten, dass die Planung der Achse Bahnhof-Jakobertor längst fertig und beschlossen sei. Die Pkw-Fahrspuren würden erhalten bleiben, es würden gerade mal sieben Parkplätze wegfallen. Der Regenbogen habe 2007 ein dreijähriges Investitionsprogramm mit einem Volumen von 1,6 Mio. Euro aufgelegt, das zu 80% umgesetzt sei. Der neuen Stadtregierung konstatierte er mangelnden Willen, am Geld könne es angesichts der Ausgaben für neue Koordinatoren, Möbel und verschönerte Büros eigentlich nicht liegen. Aber auch wenn man politisch nicht für Radwege sei, sollte man wenigstens „Begonnenes zu Ende machen“.

Gerhard Fürmetz von der Geschichtswerkstatt Augsburg arbeitete einen ganz anderen Aspekt der Ost-West-Achse heraus: ihre Entstehungsgeschichte im Zug der Automobilisierungseuphorie der 1950er Jahre. Der 15 bis 21 Meter breiten Schneise hätten sogar denkmalgeschützte Gebäude wie die Leonhardskapelle an der „Mages“-Kreuzung weichen müssen. Wenn man die Historie kenne, könne man leichter verstehen, warum die jetzige Stadtregierung nichts an die Radfahrer abgeben wolle. Der Hauptzweck der neuen Durchgangsstraße habe nämlich darin gelegen, die Innenstadt für den Autoverkehr zu erschließen. Genau da gelte es anzusetzen. „Nach mehr als 50 Jahren ist ein verkehrspolitisches Umdenken erforderlich“, so Fürmetz. Als Beispiel für den besitzgreifenden Autoverkehr benannte er die für Augsburg untypischen Arkadengänge entlang der Ost-West-Achse. Diese verlagerten sogar den Fußgängerverkehr in die Häuser hinein, um möglichst die gesamte Straßenbreite für den motoristierten Verkehr nutzen zu können.

„Immer wieder abgedrängt“

Beifahrertüren gefährden Radler in der Jakoberstraße

Gemiedener Radweg in der Jakober- straße: Beifahrertüren als Gefahr


Reiner Erben (Grüne) fand es „wichtig, was wir hier tun: Straßenraum für den Fahrradverkehr zurückzugewinnen“. Er wünschte sich „keine Semmelei, sondern konsequente Umweltpolitik, gerade in der Umweltstadt Augsburg“. Thomas Lis, Geschäftsführer des Mitveranstalters Zweirad Bäuml, bestätigte die Gefährlichkeit der Strecke in der Grottenau, die er selbst täglich zweimal befährt. Als Tipp hatte er „selbstbewusst fahren“, trotzdem werde auch er immer wieder von Autofahrern geschnitten und abgedrängt. Tagsüber sei helle Kleidung und ein Helm in Leuchtfarbe wichtig, um besser gesehen zu werden.

Zweirad Bäuml serviert Punsch und Stollen


Aber auch Radwege seien keine Garantie für Sicherheit, so Thomas Lis. In seiner Werkstatt habe man immer wieder Fahrräder in Reparatur, deren Fahrer auf dem Radweg in der Jakoberstraße Richtung Innenstadt durch gedankenlos aufgerissene Beifahrertüren verunglückten. Die Radel-Demo endete nach einer Stunde am Jakobertor, wo sich die Biker bei alkoholfreiem Punsch, Weihnachtsstollen und offenem Feuer aufwärmen konnten.