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Freitag, 24.09.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Polizeiruf 110: Judith Bohle überzeugend

Vier Jahre hat Judith Bohle die Kulturredaktion der DAZ mit ihrer Schauspielkunst ins Augsburger Stadttheater gelockt. Zur Zeit ist sie im Wiesbadener Staatstheater in “Wie es euch gefällt” zu sehen. In Augsburg wird die großartige Schauspielerin vermisst. Am Sonntag gehörte sie zu den wenigen Lichtblicken eines angestrengten Tatort-Verschnitts.

Von Siegfried Zagler

Judith Bohle – hier beim Poetry Slam anlässlich des Brechtfestivals – spielt in Kai Hensels Stück „Welche Droge passt zu mir?“ die Hausfrau Hanna. Foto: Heindl.

Judith Bohle – hier beim Poetry Slam anlässlich des Brechtfestivals


Nach dem furiosen Tatort „Im Schmerz geboren“ sollte Schluss sein mit der Sonntagabend-Soap. Sollte Schluss sein mit dem Muff aus Milieu und Lokalkolorit. Schluss sein mit Polizei-Tristesse und  Schlauberger-Plattitüden eines Formats, das seit 44 Jahren ein holzschnittartiges deutsches Sittenbild zeichnet und mit seinen aufgeklärten Amtsstuben eine längst vergangene Welt beschreibt. Der Tatort war in den letzten Jahren nicht viel mehr als ein Kasperletheater einer öffentlich-rechtlichen Erziehungsanstalt. Die Botschaft des letzten Tatorts, der mit seiner monströsen Rache-Geschichte und seiner verfremdeten Form die vergangenen 44 Tatort-Jahre verhöhnte: „Gehen Sie wieder ins Theater!“ – Gegen diesen Ironie-Angriff versuchten sich nun am Sonntag Dominik Graf (Regie) und Hendrik A. Kleys (Kamera) zu behaupten, indem sie phasenweise mit Zelluloid – Farben der siebziger Jahre experimentierten und mit einer wirren Erzählung im Stile eines Howard Hughes den Polizeiruf 110 „Smoke on the Water“ an die Wand fuhren.

Ein Lichtblick muss jedoch festgehalten werden: In Steven Spielbergs „Der weiße Hai“ zeigen sich die beiden angetrunkenen Protagonisten Martin Brody (Roy Scheider) und Matt Hooper (Richard Dreyfuss) ihre Narben. Danach müssen sie zusammen die Jagd überstehen. Nicht anders ist das „Zeige-mir-deine-Wunden-Duett zwischen Kommissar Hans von Meuffels (Matthias Brandt) und Corry Hüskens (Judith Bohle) angelegt. Nachdem sie sich ihre Narben zeigten, sagt Bohle einen verhuschten Satz, den man nicht so leicht vergisst wie den Rest der kruden Folge: „Ist es nicht seltsam, dass Glück nie Spuren hinterlässt?“ Fernsehen kann etwas Großes sein. In ihrer ersten größeren Fernsehrolle überzeugte Judith Bohle, indem sie immer wusste, was sie zu fühlen hatte, wenn man etwas Bedeutsames sagt. Für kurze Zeit durfte man sogar davon ausgehen, dass sie zu einer Art Dauer-Muse des Kommissars avanciert. Doch es sollte anders kommen. Judith Bohle hat in ihren vier Jahren am Augsburger Stadttheater ihr Publikum begeistert und für das Schauspiel eingenommen. Ihr Lebensmittelpunkt liegt inzwischen in Wiesbaden, wo sie seit dieser Spielzeit zum Ensemble des Staatstheaters gehört.