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Sonntag, 25.07.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Politikum Stempflesee

Warum der Stempflesee ein Parksee bleiben soll



Von Siegfried Zagler

Der Stempflesee – Foto: Walter Käsmair

Auf den Tag genau sorgte vor vier Jahren die Überschrift “Kaisersee: Gribl geht baden” unter DAZ-Lesern nicht nur für Erheiterung, sondern auch für Irritation. Besser gesagt: Der Kommentar sorgte für Irritationen, weil in der Augsburger Allgemeinen nämlich zu lesen war, dass die ambitionierte Verwaltungsvorlage des Umweltreferats vom Stadtrat beschlossen worden sei. Ein Augsburger Klassiker unter den Presse-Enten. Das Gegenteil war der Fall: Der Stadtrat lehnte Gribls teures Wahlversprechen mit 25:25 Stimmen ab. Hätte Tobias Schley (damals noch CSU-Stadtrat) nicht zusammen mit vier Pro Augsburg-Stadträten dagegen gestimmt, wäre diese Schnapsidee realisiert worden: Kurt Gribl hatte in seinem 100-Punkte-Programm zur Kommunalwahl versprochen, aus dem wild verwachsenen Kaisersee einen Badesee mit der dafür notwendigen Infrastruktur zu machen.

Das Stempflesee-Desaster geht auf das 100-Punkte-Programm von OB Gribl zurück

Kurt Gribl nahm die Ablehnung des Stadtrats damals sportlich, ein inneres Brodeln war jedenfalls nicht erkennbar. Gut möglich, dass sich die Miene von Augsburgs Oberbürgermeister beim Stempflesee stärker verfinstert, schließlich gab der Stadtrat bei dieser See-Sanierung einstimmig Grünes Licht. Niemand unter den Stadträten wollte darin etwas Unsinniges sehen. Die Verwaltung hatte dem Stadtrat zweimal das Konzept vorgestellt, beschlossen wurde es im Dezember 2012. In der Verwaltungsvorlage wurde 1:1 umgesetzt, was der damalige OB-Kandidat Kurt Gribl bereits 2007 in seinem 100-Punkte-Programm ankündigte: „Ich werde mich dafür einsetzen, dass dafür Haushaltsmittel bereitgestellt werden. Insbesondere geht es darum, den momentan vorhandenen Holzstangenbeschlag am Ufer durch einen weniger sanierungsintensiven Einbau von Flusssteinen zu ersetzen und hierbei das Ufer neu zu gestalten – zum Beispiel mit einer schilfbepflanzten Flachwasserzone für Amphibien und kleine Fische. Außerdem sollten marode Ruhebänke erneuert bzw. weitere Bänke aufgestellt werden“, so Kurt Gribl in seinem 100-Punkte-Programm zur Kommunalwahl 2008.

Umweltreferent Schaal am Pranger

Dass die vom Oberbürgermeister Kurt Gribl vorgesehene Ökologisierung des Stempflesees zu einem Politikum werden konnte, hat damit zu tun, dass für diese Sanierung zahlreiche Bäume hätten gefällt werden sollen. Widerstand bezüglich der geplanten Sanierung des Stempflesee kam nicht (wie beim Kaisersee) aus dem Stadtrat, sondern aus der Bürgerschaft. Zur Zeit befindet sich für dieses Projekt Umweltreferent Rainer Schaal am Pranger. Dabei kann man Augsburgs Umweltreferent “nur” Fehler in der Öffentlichkeitsarbeit vorwerfen. Hätte er die Baumfällungen, die mit der Umsetzung der Seesanierung aus dem Wahlkampf-Programm Gribls verbunden gewesen wären, rechtzeitig angezeigt und problematisiert, hätte ihm niemand einen Vorwurf machen können. – Schaal wäre zwar wie jemand dagestanden, der es zu verantworten hat, dass seine Verwaltung bei der Planung versäumt hat, das „Wie“ der Umsetzung zu untersuchen, aber gemessen an der Schmähungen, die Augsburgs Umweltreferent bisher zu ertragen hatte, wäre der mögliche Spott über die späte Erkenntnis, dass seine Planung überdacht werden müsse, leicht zu verschmerzen gewesen.

Durch die Öko-Planung würde der Stempflesee sein Gesicht verlieren

Die aktuelle Verwaltungsplanung, steht nun aber nicht nur alleine wegen der Baumfällungen in der Kritik, sondern auch inhaltlich. Und in der Tat erweist sich die zweite „See-Sanierungs-Idee“ in Kurt Gribls 100-Punkte Programm „bei genauerem Hinschauen“ als zweite Schnapsidee. Den Stempflesee in den „Erlebnis-Pfad „Wald, Wasser, Natur“, den die Stadtregierung 2010 eröffnete, einzubauen, indem man ihn zu einer Biotop-Simulation umbaut, mag vielleicht für schulpädagogische Zwecke sinnvoll sein („Nur, was man kennt, kann man schützen”), wäre aber ein schwerwiegender gestalterischer Eingriff in die Parkarchitektur des vor 90 Jahren künstlich angelegten Stempflesees, der durch die vorgesehene Ökologisierung sein bekanntes Gesicht verlieren würde.

Gegen mehr Ruhebänke hätte sicher niemand etwas einzuwenden

Biotop oder Parksee? So die Fragestellung, die sich in der Debatte um die „Ökovariante der OB-Planung“ herausgeschält hat. Von den Bürgern, die sich bis jetzt zu Wort gemeldet haben, will eine Mehrheit den Stempflesee so behalten, wie er jetzt ist, plädiert also für einen Parksee, den man eher als ein Teilstück des Siebentischparks denken sollte, denn als Endpunkt eines Naturlehrpfades. Der Holzverbau ist für den kulturellen Zweck des Stempflesees ein wichtiges Stilelement. Der Holzverbau simuliert keinen natürlichen Übergang zwischen Land und Wasser, simuliert nicht Natur, sondern verweist auf die Künstlichkeit eines Menschenwerks, das dem wilden Schöpfungschaos der Natur ein Schnippchen schlägt – verbunden mit der Idee der Kontemplation und Erholung. Kurzum: Gegen eine Erneuerung der Holzstangen und gegen mehr Ruhebänke hätte sicher niemand etwas einzuwenden.