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Montag, 20.09.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Persilweiß – weißer ging’s nicht

Peter Weiss‘ Auschwitz-Stück „Die Ermittlung“ im Justizpalast

Von Frank Heindl

Mal Richter, mal Zeugen, mal Angeklagte: In Heike Franks Inszenierung wechseln die acht Schauspieler (hier Elna Lindgens und Olga Nasfeter und Thomas Kornack) fortwährend die Rollen.

Mal Richter, mal Zeugen, mal Angeklagte: In Heike Franks Inszenierung wechseln die acht Schauspieler (hier Elna Lindgens und Olga Nasfeter und Thomas Kornack) fortwährend die Rollen.


Ist das überhaupt Theater, was der Schriftsteller Peter Weiss 1965 aus den Protokollen des so genannten 1. Auschwitz-Prozesses zusammengestellt und unter dem Titel „Die Ermittlung“ zu einem „Oratorium in elf Gesängen“ verdichtet hat? Mit starken (aber notwendigen) Kürzungen und ein paar wirkungsvollen Kunstgriffen hat Regisseurin Heike Frank aus Weiss‘ Text eine bemerkenswerte Inszenierung gemacht. Ohne Weiss inhaltlich zu schaden, hat sie das Stück auf die Höhe der Zeit und auf die Bühne zurück geholt – ja, das ist Theater!

Im Oktober 1965 – nur wenige Monate nach Abschluss des Prozesses – hatte die „Ermittlung“ für heftige Emotionen im wiederaufgebauten Wirtschaftswunderland geführt. 15 Theater in Westdeutschland und der DDR hatten das Stück simultan uraufgeführt und dem Publikum nochmals vor Augen geführt, was während des dreijährigen Prozesses an den Tag gekommen war: Dass die Mörder aus Auschwitz, unter deren Verantwortung Millionen von Menschen zu Tode gekommen waren, diese Verantwortung leugneten. Als streng dokumentarisches Theater wiederholte Weiss‘ Stück in geraffter Form Ausschnitte des Prozesses, präsentierte exemplarische Aussagen von Zeugen und Angeklagten.

Seither sind 46 Jahre vergangen – so wie damals kann das Stück heute nicht mehr gespielt werden. Die Auschwitz-Prozesse (dem ersten von 1962-65 folgten zwei weitere) sind heute nicht mehr nur historischer „Endpunkt“ der versuchten Vernichtung der europäischen Juden, sondern gelten ebenso als Mit-Auslöser der Studentenunruhen wenige Jahre später – und gehören damit zum Beginn einer jahrzehntelangen Umgestaltung des politisch-gesellschaftlichen Lebens der damaligen Bundesrepublik. Eine aktualisierte Aufführung muss also die Zeit mit reflektieren, in der die Aufarbeitung der grauenhaften deutschen Vergangenheit alles andere als gern gesehen war.

Persilwerbung und der „Gesang von der Rampe“

Heike Frank tut dies, indem sie das streng Dokumentarische an Peter Weiss‘ „Oratorium“ unverändert bestehen lässt: Die Namen der Zeugen werden verschwiegen, weil sie in Auschwitz ihre Individualität verloren, zu Nummern wurden. Die Täter dagegen werden benannt, denn im Prozess geht es um individuelle Schuld und individuelles Versagen. Alles Theatralische muss fehlen – es soll das Unfassbare nicht gespielt, nur zitiert werden. Die Augsburger Inszenierung im Gerichtssaal des Alten Justizpalastes zeigt Täter und Opfer, Richter und Staatsanwalt. Acht Schauspieler (Dieter Goertz, Martin Herrmann, Eva Maria Keller, Thomas Kornack, Elna Lindgens, Olga Nasfeter, Eberhard Peiker und Christel Peschke) schlüpfen in wechselnde Rollen, tragen die Aussagen mehr oder weniger emotionslos vor, blättern in Textbüchern wie Chorsänger in ihren Noten.

Christel Peschke als Angeklagte, Thomas Karnack als Richter. Fotos: Nik Schölzel.

Christel Peschke als Angeklagte, Thomas Karnack als Richter. Fotos: Nik Schölzel.


Dazwischen aber flicht die Regisseurin kurze Filme (Videos: Conny Klar), in denen die frühen 60er wieder aufleben. Wenn, noch vor Beginn des eigentlichen Stücks, zum ersten Mal Fernsehreklame für Persil-Waschmittel schwarz-weiß von der Video-Leinwand flimmert, fühlen sich die Zuschauer zunächst erheitert. Dass hier nicht nur Wäsche gewaschen werden soll, ist schnell klar. Wenn jedoch, nach dem ersten „Gesang von der Rampe“ erneut für „Weiß, weißer geht’s nicht“ geworben wird, bleibt einem das Lachen schon im Hals stecken. Denn nun hat man bereits die Aussagen der Zeugen gehört, die an der Rampe von Auschwitz aus Viehwaggons geladen wurden. Und man hat die Aussagen des Zeugen vernommen, der vorgibt, keine Zeit gehabt zu haben, „mir den Inhalt der Züge anzusehen.“ Dem Publikum mag das Lachen vergangen sein – weil man es den Schauspielern kaum glauben würde, teilt die Videoleinwand sachlich mit, wie die Stimmung im Gerichtssaal war: „Die Angeklagten lachen“, heißt es wiederholt.

Mord, Totschlag, Folter – und die Angeklagten lachen

Auch dann noch, als es, etwa im „Gesang von der Schaukel“ ,um Mord, Totschlag, Folter geht, als davon die Rede ist, wie den Geprügelten das Blut aus den Hosenbeinen läuft, streiten die Angeklagten routiniert jede Verantwortung ab: „Meine Arbeit war ausschließlich administrativer Art.“ – „Davon war mir nichts bekannt“ – „Es gab keine besonderen Vorkommnisse“. Und: „Die Angeklagten lachen.“ Noch vor der Pause rezitieren die Schauspieler Zeugenaussagen, wie Frauen mit Röntgenstrahlen und Gebärmutterinjektionen zu Tode gequält wurden – zu viel für einige Zuschauer: Etliche Stühle blieben nach der Pause leer, und das konnte man niemandem verdenken. Denn in den Gesängen „vom Bunkerblock“, „vom Zyklon B“ und schließlich „von den Feueröfen“ kam das Unbegreifliche von Auschwitz noch einmal drastisch nahe, erlebte man klaustrophobische Gefühle beim Bericht vom tagelangen Stehen im Strafblock – vier Männer in einem Raum von 90 mal 90 Zentimetern mit nur einem kleinen Luftloch. Es ist das Verdienst von Weiss‘ Stück, dass man diesen Details nicht ausweichen kann. Gerade weil sie so sachlich und emotionslos rezitiert werden, mag in der Konfrontation mit diesen Zeugenaussagen die Flucht in abstrakten Diskurs und historischen Abstand nicht gelingen. Nur den Angeklagten gelang das – „das haben alles die Funktionshäftlinge alleine gemacht“, behauptet tatsächlich einer. Im Sommer 1944 wurden in Auschwitz täglich bis zu 20.000 Leichen verbrannt.

Dieses Ritual des Leugnens, des Abstreitens, des Von-nichts-gewusst-Habens führt die Inszenierung im zweiten Teil zu einem absurd-grotesken Höhepunkt: Die Schauspieler tragen nun weiße T-Shirts mit den Fotos der Schergen, die sie darstellen – und die Regisseurin lässt sie auf Tischen und Bänken tanzen und „davon geht die Welt nicht unter“ grölen – ein Alptraum von geifernden Mördern und Folterern, unfähig, die eigene Schuld auch nur zu erahnen: „Wir alle haben nichts als unsere Schuldigkeit getan.“ Ja, so war das, in den grauenhaften 50er- und 60er-Jahren: lauter Unschuldige, die den Wiederaufstieg ihres Deutschlands feierten. 22 Angeklagte hatte der 1. Auschwitz-Prozess, die übrigen Deutschen sangen „Davon geht die Welt nicht unter“, tanzten auf den Tischen und verbrauchten jede Menge Persil – weißer ging’s nun mal nicht. Zwei nervenaufreibende Stunden kulminieren in diesem Bild, und so verleiht Heike Frank einem dokumentarischen Text mit den Mitteln des Theaters neue Gültigkeit.