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Dienstag, 30.06.2020 - Jahrgang 12 - www.daz-augsburg.de

Paris im Corona-Modus – Die Chronik einer Krise

Seit den Faschingsferien war es mir nicht mehr möglich zu meiner Lebensgefährtin nach Paris zu fahren. Erst durch ein offizielles Dokument öffnete sich die Grenze nach Frankreich, in dem bestätigt wurde, dass ich meinen Aufenthalt zu Recherchen und einer DAZ-Reportage über Paris in der Corona-Krise nutzen würde.

Von Udo Legner

Der Ausbruch der Corona-Krise in der Region Grand Est

Bekanntlich war nicht Paris, sondern das Elsass der Ausgangspunkt der Coronavirus-Krise in Frankreich. An einer Großveranstaltung der evangelischen Kirche vom 17. – 24. Februar in Mulhouse mit der  ominösen Bezeichnung «Les portes ouvertes chrétiennes“ nahmen mehr als 2500 Gläubige aus allen Landesteilen teil und sorgten dafür, dass sich das Virus in ganz Frankreich und einigen Nachbarländern ausbreitete. Insbesondere im Elsass waren die Folgen verheerend. Da die Kliniken mit der großen Zahl der Corona-Infizierten hoffnungslos überlastet waren, kam es zum Worst Case Szenario, der „Triage“, was wörtlich übersetzt „Sichtung“ und „Auswahl“ bedeutet und ursprünglich aus der Militärmedizin stammt.

An der Straßburger Klinik wie auch in Pflegeheimen in der Region Grand Est wurden nach dem Ausbruch des Coronavirus diejenigen Patienten, die älter als 80 Jahre waren, nicht mehr beatmet. Stattdessen erhielten sie durch den Rettungsdienst eine schnelle Sterbebegleitung mit Opiaten und Schlafmitteln. Bilanz der Triage bis Ende März im Epizentrum der Coronavirus-Krise in Frankreich: 5000 Corona-Virus Fälle, was auf ganz Frankreich bezogen fast 20 Prozent bedeutete (29.155 Fälle), wobei das Verhältnis der Todesfälle sogar noch krasser war (500 Corona-Opfer in der Region Grand Est gegenüber 1500 in Frankreich).

Das Confinement: Der Krieg gegen den Corona-Virus

„Wir sind im Krieg“, hatte Präsident Emmanuel Macron am 16. März erklärt, als er in einer dramatischen TV-Ansprache eine zunächst zweiwöchige Ausgangssperre verhängte. Um die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen, durften die Bürger ihre Wohnungen nicht mehr verlassen, es sei denn sie hatten zwingende Gründe (Gang zur Arbeit, Einkauf, Arztbesuch, Gassi-Gang mit dem Hund und kurze sportliche Betätigung beschränkt auf die unmittelbare Umgebung der Wohnung). Verstöße gegen diese Maßnahmen wurden mit drastischen Bußgeldern geahndet.

Corona-Plakate in Paris

Grossplakate verweisen auf die Corona-Regeln (Fotos: Udo Legner)

Trotz dieser fast zweimonatigen Kasernierung, in der ein Verlassen der Wohnung nur mit Passierschein gestattet war, hat die Pandemie bis zu diesem Zeitpunkt fast 30.000 Menschen im Land das Leben gekostet, fast vier mal so viele wie in Deutschland. Während in andere Regionen in Frankreichs bald wieder das Deconfinement Einzug hielt, die Auflockerung der strengen Einschränkungen und die langsame Rückkehr zum Alltagsleben, zählte Paris weiterhin zur roten Zone, in der die Beschränkungen nur langsam gelockert, als sie zur „Zone Orange“ wurde.

Paris s’éveille: Paris erwacht

Als mein TGV am Gare de L‘Est einfuhr, wunderte ich mich erst einmal, dass es am Bahnhof wie  im Zug keinerlei Kontrolle gab. Auch auf dem Weg vom Gare de‘Est nach Belleville, der am Canal Saint Martin entlangführte, überwog der Eindruck, dass sich Paris kaum verändert hatte. Lebensfreude, Liberalität  und das soziale Leben pulsierten wie eh und je – ganz wie in dem Chanson „Paris s’éveille“ von Jacques Dutronc. Zwar trug ein Drittel der Passanten Gesichtsmasken, aber an den Ufern des Kanals tummelten sich die jungen Leute, als hätte es den Coronavirus nie gegeben. Die Terrassen der umliegenden Cafés waren bis auf den letzten Platz gefüllt und erst auf den zweiten Blick dämmerte mir, dass dies auch an der noch verbotenen Innenbewirtung lag. Die Kinoposters ließen erkennen, dass die Zeit irgendwie stehen geblieben war.

Auch im  Pariser Straßenbild war die Corona-Krise noch allgegenwärtig und beim Joggen fiel mir auf, dass viele Gruppen die Parks jetzt als Fitness Studio nutzten.

Corona-Regeln für Läufer, Radfahrer und Fußgänger (Foto: Udo Legner)

Fitnessgruppe im Buttes Chaumont, dem ältesten Park von Paris (Foto: Udo Legner)

Meine Recherchen zu den Auswirkungen der Krise beschränkten sich zunächst auf meinen Freundeskreis. Zum Thema Schule erfuhr ich, dass die Grundschüler als erste wieder Präsenzunterricht hatten. Da Paris zur roten Zone zählte, kehrten sie in der Landeshauptstadt allerdings erst Wochen später als in anderen Regionen Frankreichs an die Schule zurück. In den Collèges (bis 14 Jahre) mussten nur einzelne Jahrgangsstufen antreten und im Gegensatz zu Deutschland war der Schulbesuch nicht verpflichtend. Dies führte paradoxerweise dazu, dass die Lehrkräfte, die sich wie meine Lebensgefährtin auf ein Wiedersehen mit ihren Schülern und Schülerinnen gefreut hatten – nur im Glücksfall ihre eigenen Schüler wiedersahen bzw. unterrichteten. In den Lycées fand bis heute kein Präsenzunterricht statt und selbst das BAC, das französische Abitur wurde dort ausgesetzt. Das Gleiche gilt für die Universitäten, wobei hier allerdings im Unterschied zu den Lycées Prüfungen abgenommen wurden. Die Ankündigung des Bildungsministers, dass es an den Unis auch im nächsten Semester keine Rückkehr zum Präsenzunterricht geben wird, stieß auf Kritik. Daniel Cohen, Wirtschaftsexperte und Direktor der renommierten ENS sowie Prof. Dr. John Dean,  ehemaliger Dozent an der Universität Paris-Versailles – in Augsburg durch zahlreiche Lehrer-Fortbildungen bekannt – sind sich darin einig, dass der Präsenzunterricht auch durch ausgefeilteste Fernunterrichts-Konzepte nicht zu ersetzen sein wird. Sie befürchten vielmehr, dass der Hype um die Digitalisierung zu Einsparungen im Bildungsbereich führen könnte.

Egalité und Liberté

Noch gravierender als auf den Bildungsbereich dürfte sich die Corona-Krise auf die Gastronomie sowie den Kleinhandel auswirken. Fast ein Drittel der Pariser Cafés und Restaurants, so die Einschätzung der Tageszeitung Le Parisien, dürften die Krise nicht überleben. Dieses Schicksal droht auch auch zahlreichen  Boutiquen Gemüsehändlern, Kramläden und Buchhandlungen, die von Konkurrenz im Internet eh schon gebeutelt sind und kaum über finanzielle Reserven verfügen. Dass für die Pariser der Begriff Liberté alles andere ein Papiertiger ist, wurde bei mehreren Kundgebungen gegen Rassismus und Polizeigewalt deutlich, an denen nach dem gewaltsamen Tod des Afroamerikaners Floyd George in Minneapolis Tausende auf die Straßen gingen. Aufgerufen zu dem Protest hatte die Schwester des 2016 bei einer Festnahme gestorbenen Adama Traoré. Bei diesen Aktionen hielt sich so gut wie niemand an die Corona-Abstandsregeln und nur eine Minderheit trug Corona-Schutzmasken.

Street Art gegen Rassismus und Polizeigewalt (Foto: Udo Legner)

Macron setzt auf Erholung der Wirtschaft

In seiner gestrigen Fernsehansprache an die Nation drückte Frankreichs Staatspräsident Macron beim Lockern der Coronavirus bedingten Beschränkungen aufs Tempo. Seit dem heutigen Montag können Restaurants und Cafés im Großraum Paris wieder komplett öffnen. Das Wichtigste sei nun die Erholung und der Wiederaufbau der Wirtschaft und es ginge darum, Entlassungen so weit wie möglich zu vermeiden. Finanzieren werde Frankreich diesen Wiederaufbau ohne neue Steuern. Er werde an der bisherigen Politik festhalten, sagte Macron und kündigte für Mitte Juli ein konkretes Programm für die kommenden Jahre an.