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Dienstag, 04.12.2018 - Jahrgang 10 - www.daz-augsburg.de

Operette im Martini-Park: Roxy und ihr Wunderteam

Zweifellos ein guter Ansatz des Regisseurs Martin G. Berger, die Handlung der Operette aus den 1930er Jahren in die Gegenwart des deutschen Fußballs zu transponieren. Denn der Hype um das runde Leder ist per se operettentauglich. In Bergers Konzept erhält die Soap einen aktuellen und einen lokalen Bezug: Es geht um die Deutsche Nationalmannschaft im WM-Finale gegen Spanien.

Von Halrun Reinholz

Roxy und ihr Wunderteam (c) Jan Pieter Fuhr

Roxy und ihr Wunderteam (c) Jan-Pieter Fuhr


Der aufrechte Hauptakteur, der bei der Gelegenheit die dubiösen Machenschaften des DFB aufdecken will, ist natürlich FCA Spieler. Das entfernt die Handlung zwar erheblich von ihrer ursprünglichen Konzeption, erweist sich im großen Ganzen jedoch als stimmig. Allerdings packt Berger alles Mögliche mit ins Paket: Korruption, die WM in Katar und die Homosexualität unter Fußballspielern. Kein Klischee bleibt dabei ausgespart, was dann gelegentlich doch etwas nervt. Doch dank der motivierten und hochqualifizierten Truppe gelingt es weitgehend, dem Verlauf zu folgen.

Der Einstieg geschieht über eine fiktive DFB-Gala, wo der deutschen Nationalmannschaft ein Preis für ihren vorbildlichen Sportsgeist verliehen wird. Philipp Gjurka (der FCA-Spieler, gespielt von Thaisen Rusch)  boykottiert die Veranstaltung, denn er will die Abgründe des Sports offenlegen, die alles andere als im Einklang mit dem Sportsgeist sind. Dieser Prolog ist Anlass für eine Rückblende auf die WM und das Endspiel der deutschen Mannschaft, das in der Nachspielzeit durch ein Tor des seltsam maskierten Mannschaftsstars Haschek (Uli Scherbel) entschieden wird . Hinter der Maske verbirgt sich nämlich niemand anders als Rosy alias Roxy. Glaubwürdig wird der Kult vermittelt, der um den deutschen Kader gemacht wird – zumal in einem WM-Jahr. Schon im Foyer empfangen den Zuschauer die Porträts der Nationalspieler mit so sprechenden Namen wie Philipp Schwach, Basti Saulieger oder Miroslav Knödel. Die Darsteller des Teams sind meist Gäste, professionelle Musical-Darsteller, die statt des Fußballs den Stepp-Tanz beherrschen, über den die aufregenden Spielmomente auf der Bühne inszeniert werden.

Der Theaterchor tritt als realistisch kostümierter Fan-Club in Erscheinung, der im Zuschauerraum die nötige Stadion-Stimmung aufkommen lassen soll. Das gelingt dennoch nur bedingt – vielleicht, weil die Schnittmenge der Fußball- und Theaterfreunde doch etwas gering ist in Augsburg (woanders wahrscheinlich auch), sodass die Opernchor-Fans nur wenig Mitmacher im Saal auf die Beine bringen.

Die Transponierung der Handlung und ihre Befrachtung mit den allgegenwärtigen Fußball-Malaisen der heutigen Zeit (inklusive der medialen Präsenz von Fußballstars, vor allem in der Yellow Press), erforderten selbstverständlich einen erheblichen Eingriff in die Handlungs- und Personenführung. Rosy Müller (von Katja Berg als vermeintlich naive blonde Fußballbraut realisiert) verweigert ihrem langjährigen Verlobten Bobby (Wiard Withold) das Jawort wegen seiner sexuellen Enthaltsamkeit – die sich später als Homosexualität outet.  Ihre Freundin, die Sensationsreporterin Aranka Tötössy (Eva Kuperion, Zweitbesetzung Cathrin Lange) will unbedingt einen Skandal im WM-Lager aufspüren. Dieser ist tatsächlich vorhanden durch die Machenschaften der Funktionäre, speziell des Schotten Sam Cheswick (Markus Hauser), der FIFA-Präsident werden will und dazu die Stimme des aktuellen FIFA-Präsidenten Franz Baron (Jimmy Hartwig) braucht. Dieser hat allerdings eine hoch dotierte Wette laufen, dass die deutsche Mannschaft das Endspiel verliert, weshalb er seine Stimmabgabe von den Erpressungskünsten des Präsidentschaftsaspiranten abhängig macht. Dagegen arbeitet natürlich Pepe Tactico, der Trainer der Nationalmannschaf (Gerhard Werlitz), der nicht nur wegen seiner physischen Ähnlichkeit mit einem bekannten spanisch-katalanischen Bayern-Trainer für Lacher sorgt. Ein bisschen viel Techtelmechtel für die Bühnenhandlung, die (bei allem offensichtlichen Realismus) dadurch  teilweise unübersichtlich wird. Das liegt auch an den etwas platten Dialogen, die die Handlung zum Teil dröge in die Länge ziehen.

Besonders enttäuschend der als spezielle Überraschung angekündigte Gast Jimmy Hartwig, den Augsburger Fußballfans als ehemaliger Spitzenspieler in Erinnerung, der seine Brötchen nun als Schauspieler verdienen soll. Dafür kommt er reichlich unprofessionell daher, mit Versprechern und schlechter Bühnenpräsenz, ganz abgesehen von dem inkonsequent eingesetzten Dialekt.

Fakt ist, dass bei jeder Vorstellung etliche genervte Zuschauer das Theater in der Pause verlassen. Doch zu Unrecht, denn im zweiten Teil nimmt die Handlung deutlich an Fahrt auf, und wer zu früh das Handtuch geschmissen hat, muss auf den Genuss der Dusch-Szene in der Mannschaftskabine verzichten, die zweifellos den Höhepunkt des Abends darstellt. Durch sie löst sich die ganze unübersichtliche Situation in Wohlgefallen mit dreifachem Happy-End auf – inklusive des politisch korrekten Schwulen-Pärchens Bobby und Haschek. Selbst die böse investigative Journalistin Aranka ist im Netz der Liebe gefangen. So soll es ja sein in der Operette.

Insgesamt ging die Rechnung des Regisseurs trotz der Abstriche letztlich auf. Es ist ein stimmiger, unterhaltsamer Operetten-Abend im Martini-Park geworden, der sich zudem durch eine flotte Choreographie (Marie-Christin Zeissert) und ein einfallsreiches Bühnenbild (Sarah-Katharina Karl) auszeichnet. Lancelot Fuhry steht mit seinem Orchester auf der Hinterbühne und ist nur gelegentlich sichtbar, was aber dem Hörerlebnis keinen Abbruch tut. Ein Abend, an dem Theaterfreunde ebenso ihre Freude haben können wie Fußball-Fans.



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