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Mittwoch, 04.08.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Ökologie, positive Gedanken und unernste Musik

Das Moskauer Ogne Opasne Orkestr begeistert im “abraxas”

Von Irina Rutz

Karl Hlamkin gibt seiner Band jeden Monat einen neuen Namen. “Karl Hlamkin und das Lassunssaufen-Orchester” hieß sie schon mal, am Mittwoch im “abraxas” firmierte sie als “Ogne Opasne Orkester”, zu deutsch: “Entflammbares Orchester”. Tatsächlich ging die brandgefährliche Band nicht in Flammen auf – das Publikum allerdings fing heftig Feuer.

Ogne Opasne Orkester im abraxas – Foto: Irina Rutz

“Wenn es keinen Karl Hlamkin in Riga gäbe, müsste man ihn entdecken”, soll mal jemand gesagt haben. Andererseits: Karl Hlamkin entdeckt sich selbst immer wieder neu. Zum ersten Mal vor mehr als 20 Jahren in Riga, der Hauptstadt von Lettland. Da hieß er noch Karl Singer-Levenguk und spielte mit seinem Kumpel Oleg Hlamkin. Oleg zog nach Israel, aber Karl wollte dessen wunderschönen Nachnamen nicht verblassen lassen: “Hlam” bedeutet so etwas wie Unrat, große Unordnung. Das fand Karl toll und symbolträchtig – und machte die Erinnerung an seinen Freund zu seinem Künstlernamen. “Ich denke dabei an Industrieabfälle”, sagt er, “an Betriebe, die die Umwelt verpesten. Dieser Nachname spiegelt unsere Wirklichkeit!”

Die Musik, die aus dieser irgendwie ökologischen Orientierung resultiert, ist – warum auch immer – eine Mischung aus Ska, Reggae, Kabarett, alternativem Chanson, Punk und moldawischen Latinorhythmen – falls es so etwas überhaupt gibt. Ein wildes Durcheinander jedenfalls aus vielem, was unvereinbar scheint, die lang erwartete Begegnung von Tom Waits mit Bob Marley. Acht ehemalige Musiker der russischen Kult-Bands “Leningrad”, “Messer für Frau Müller” und “Verbotene Trommler” machen daraus auf der Bühne ein großartiges Fest. Das liegt glücklicherweise irgendwie im Trend. Hlamkin: “Unsere Mischung aus osteuropäischen Musikstilen und Balkanrhythmen ist ja in Deutschland zurzeit sehr beliebt.” Seine Band versteht er nicht einfach als musikalisches Projekt, sondern als “theatralische Performance mit vielen Musikinstrumenten”. Hauptziel der Musiker sei es, die Zuhörer positiv zu stimmen: “Wir machen auch ernste Projekte. Aber ich glaube, momentan ist ernste Musik nicht gefragt. Unsere Musik soll hell sein, den Zuhörern Energie geben, keinen zerstörerischen Gedanken in den Köpfen übriglassen.…”

Karl Hlamkin ist ein Romantiker, ein großes Kind, das sich im Steinurwald der großen Stadt verirrt hat. Hauptfiguren seiner Lieder sind zum Beispiel ein verliebtes Paar, das rund um die Uhr Schlittschuh läuft, oder betrunkene Matrosen, die die ganze Nacht über getanzt haben und nun endlich unters Bett gefallen sind. Nein, nicht ins Bett, sondern unters Bett! Der Alkohol ist bekanntlich ein populäres Thema in der russischen Kultur, und die persönliche Erfahrung damit gehört zum Wesen des Künstlers. Hlamkin hat das mittlerweile hinter sich: “Ich habe vor einigen Jahren damit aufgehört. Das ist ein endloser Rundlauf und ich kenne jede Station auswendig. Das ist irgendwann uninteressant geworden.”

Hlamkins musikalische Biografie liest sich wie eine postsowjetische Rockenzyklopädie. Sein Name tauchte erstmalig in der Besetzungsliste der Hardrockband “Zement” auf – Mitte der 80er Jahre spielte er bei den Jungs Schlagzeug. In seiner Heimatstadt Riga, wo er auch als Maler bekannt ist, trommelte er bis 1989 bei der Punkwaveformation “Kart-Blanche”. Und seit Anfang der Neunziger widmet er sich nur noch seinen Soloprojekten – “Pastor Karl Band” hieß eines, ein anderes “Karl Hlamkin und die Alkoholiker für Jesus”. Seit einigen Jahren steht auch Deutschland auf dem Tourneeplan – Hlamkin hat hierzulande eine große Fangemeinde. In Augsburg waren die Musiker zum dritten Mal – und im “abraxas” hielt es kaum einen Besucher auf seinem Stuhl. Gut für eine Band, die ihren größten Lohn nicht in der Gage sieht, sondern in tanzenden Konzertbesuchern. Und übrigens besteht das Publikum bei Weitem nicht nur aus Exilrussen – kultureller Austausch ist schließlich ein weiteres der vielen mehr oder weniger ernsten Ziele dieser zwar völlig verrückten, dafür aber absolut hinreißenden Band.

» http://www.hlamkin.com

Hörprobe: “Tancevali do utra” (Getanzt bis zum Morgengrauen)