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Sonntag, 05.12.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Ob das dem Brecht gefallen hätte?

Erstmals im Theater: Am Freitag wurde das Brechtfestival 2013 eröffnet

Von Frank Heindl

Hier hätte Brecht sich „am wohlsten gefühlt“, meinte Juliane Votteler bei ihrer Begrüßungsrede – zum ersten Mal findet 2013 das Augsburger Brechtfestival zum allergrößten Teil in den Räumen des Stadttheaters statt, erstmals auch wurde es hier eröffnet – und nicht mehr im Goldenen Saal.

So sah er aus, der junge Brecht. Ob ihm das Augsburger Festival wohl gefallen hätte? (Foto: Staats- und Stadtbibliothek Augsburg).

So sah er aus, der junge Brecht. Ob ihm das Augsburger Festival wohl gefallen hätte? (Foto: Staats- und Stadtbibliothek Augsburg).


Wer sich auf die Eröffnung des Festivals freut, der muss sich jedes Jahr durch eine Reihe von Begrüßungsreden quälen, die nicht unbedingt wirklich erhellend sind. Juliane Votteler schaffte mit einem Vergleich von Brecht und Wagner intellektuelles Niveau, wenig Neues gab es anschließend von OB Kurt Gribl und Festivalleiter Joachim Lang. Ärgerlich vor allem die mangelnde Absprache der Festredner: Ein Kniefall vor der spendierfreudigen Stadtsparkasse hätte durchaus genügt, nach mehrmaligen Dankesbekundungen war mal wieder Fremdschämen angesagt. Ein als Lästermaul bekannter Stadtrat fragte in der Pause spöttisch nach, ob den Journalisten „die vier gleichen Reden gefallen“ hätten. Es waren zwar nur drei, der Politiker hatte trotzdem recht: Denn Moderatorin Anja Marks wiederholte in schöner Regelmäßigkeit, was schon gesagt war – auch Vottelers Vermutung, „Brecht hätte sich hier sicher wohler gefühlt“.

Der Umzug ins Theater bringt organisatorische und räumliche Vorteile für das Festival: Erstmals gibt es einen einheitlichen Spielort, erstmals weiß man, wo man nach den Vorstellungen, Diskussionen und Konzerten Gäste, Macher, Schauspieler, Regisseure treffen und ein Bier trinken kann, erstmals steht für alle Aufführungen die Infrastruktur des Theaters zur Verfügung. Doch ob das dem Brechtfestival inhaltlich viel Neues einbringen wird, darf man nach der Eröffnung noch heftig bezweifeln. Vereinnahmt wird der Ex-Augsburger Brecht nach wie vor oft und gerne. Nicht nur von Votteler (Brecht hätte es möglicherweise auch genossen, wie in den vergangenen Jahren im Goldenen Saal mit seinem vor selbstbewusster Bürgerlichkeit strotzendem Ambiente begrüßt zu werden). „Brecht hätte mitgerockt“, behauptete etwa Jan Knopf, der wissenschaftliche Berater des Festivals, nach einem atemberaubend banalen Intermezzo der Rockband „Emma“. Der mittlerweile weit über 80 Jahr alte Regisseur Manfred Wekwerth hatte krankheitshalber nicht nur eine Video-Botschaft, sondern leider eben auch „Emma“ nach Augsburg geschickt, in der höchst irrigen Überzeugung, man habe Brecht „selten so lebendig und frisch gehört.“ Stattdessen: Langeweile und Einfallslosigkeit – „Emma“ hätte sich bei den von Girisha Fernando kuratierten Bands der „Langen Brechtnacht“ am Samstag abschauen können, was sich seit den 80ern getan hat und wie man zeitgemäße Popmusik macht.

Brechtsongs – mittlerweile etwas abgenudelt

Lust aufs Festival machte dagegen der große Schauspieler Thomas Thieme, der am Sonntagabend Brechts „Baal“ in einer Ein-Personen-Fassung auf die Bühne des Großen Hauses brachte und Auszüge seines Gewaltakts schon am Freitag zeigte – mehr dazu in der DAZ am Dienstag. Lust auf Brecht machte auch die Schauspielerin und Sängerin Dagmar Manzel, die Kostproben ihres am Samstagabend präsentierten Programms gab. Sie tat das energiegeladen und ausdrucksstark, und es ist ihr in keiner Weise vorzuwerfen, dass trotzdem viele Besucher klagten, die „Seeräuber-Jenny“ hätten sie schon am zweiten Tag des diesjährigen Festivals zum wiederholten Male gehört, von den unzähligen Malen in den vorigen Jahren zu schweigen. Brechtsongs – ein mittlerweile doch deutlich abgenudeltes Sujet für das Augsburger Festival. Gut und schön, dass Manzel zusätzlich auch Brecht-Gedichte im Gepäck hatte: Dass Brecht vielen als der größte deutsche Lyriker des 20. Jahrhunderts gilt, wird auf diesem Festival einmal mehr nicht gewürdigt.



35 Veranstaltungen an zehn Tagen wurden dem Publikum angekündigt, die sich um den „jungen Brecht“ drehen sollen – als Höhepunkte die Augsburger Inszenierung „Im Dickicht der Städte“ (Premiere am Donnerstag, 7.2. in der Brechtbühne) und die aus Dresden eingeladene Produktion der „Dreigroschenoper“ (am Samstag und Sonntag im Großen Haus). Ansonsten bot die Eröffnung weitere Kostproben aus dem geplanten Programm, doch schon vor Ablauf der gut dreieinhalb Stunden hatte sich ein Teil der Gäste etwas genervt in den umliegenden Kneipen versammelt. „Zeit, dass‘ rum is‘“, war anschließend auch von Brechtfans zu hören, die mit der Frage alleingelassen wurden, was denn nun der Sinn dieser länglichen PR-Veranstaltung gewesen war – außer der besagten Werbung fürs Brechtfestival. Um die wirkungsvoll zu machen, hätte es einer frechen Moderation bedurft – es reicht eben nicht, immer und immer wieder den künstlerischen Leiter und die Moderatorin im Gespräch zunächst mit diesem, dann mit jenem Künstler zu zeigen, wenn nicht mal die Fragen stimulierend sind und ganz offensichtlich keiner der Anwesenden sich für die (teilweise ebenso banalen) Antworten interessiert. „Taugen Brecht-Texte für Rapsongs? – Jaja, sind gute Texte, wie andere auch. – Haha, schön, danke!“

Programmatik, Konzeption: der „junge Brecht“ war Augsburger

Und was, bitte, hat das Brechtfestival diesmal an Programmatik und Konzeption zu bieten? Am „jungen Brecht“ scheint einmal mehr dasselbe wichtig wie in den drei Jahren zuvor: dass er in Augsburg geboren wurde und später ein Haus am Ammersee gekauft hat. Immerhin wurde ihm diesmal von keinem der Redner die Auszeichnung „Dachmarke“ verliehen! Aber mehr war nicht zu erkennen: ein bunter Strauß Brecht, mit einem fadenscheinigen rötlichen Faden zusammengebunden. Die möglicherweise provokanteste Darbietung kam gegen Ende von der Sopranistin Isabell Münsch: Die setzte sich in Punk-Manier, eine Gitarre in der Hand und wild das Haupt schüttelnd, auf die Bühne, schrie wie ein Geier und sang, begleitet nur von einem jungen Cajónspieler, ein paar „Galgenvogel“-Zeilen, die damals wie heute Einigen – und bestimmt nicht nur Augsburgern – nicht geschmeckt haben dürften:

Und hängen wir einst zwischen Himmel und Boden

Wie Obst und Glocke, Storch und Jesus Krist

Dann bitte faltet die geleerten Pfoten

Zu einem Vater eurer, der nicht ist.


Der junge Brecht als schwarzgekleideter, die Autoritäten und deren Gott verspottender Punk: weitaus besser vorstellbar denn als ehrbarer Augsburger Lokalpatriot. Das muss man mögen, oder eben nicht, da heißt es sich entscheiden. Gut, dass hier keiner nachfragte, ob das „dem Brecht gefallen hätte“: Einem Festival, das den Dichter selbstbewusst in der Gegenwart fortschreiben wollte, würde es darum am allerwenigsten gehen.