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Montag, 02.08.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Nomen est Omen

Kommentar von Siegfried Zagler

Wir haben in Augsburg einen Brechtshop (Buchhandlung am Obstmarkt), eine Brecht-Fußballmannschaft (Brecht-Boys), Brechts Bistro gegenüber dem Brechthaus, eine Brecht-Forschungsstelle und ein Brechtfestival, dessen Leiter versprochen hat, ab 2013 nach höheren Weihen zu streben. Augsburgs Tourismus-Direktor Götz Beck träumt immer lauter von einer  „Brechtmeile“ und im städtischen Kulturausschuss war kürzlich die Rede davon, dass Brecht von der „Kälte der Intellektualität“ herunter geholt wurde, und somit in der „Breite der Sinnlichkeit“ angekommen sei. – Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man sich schwer gegen die Behauptung wehren, dass die Stadt  Augsburg eine Image-Kampagne für eine neue Dachmarke entwickelt. So liest sich zumindest der Beschlussvorschlag zur „Weiterentwicklung des Brechtfestivals“. Die Stadt, so scheint es, hat Brecht als Label entdeckt.

Und nun soll der Theatercontainer Brecht im Namen führen. Dagegen wäre am wenigsten einzuwenden. „B-Box“, wie Intendantin Juliane Votteler in der zurückliegenden Werkausschusssitzung zu Protokoll gab, ist der aktuelle „Arbeitstitel“ der Theaterleitung, die es gerne sähe, wenn bei der „Befragung der Bevölkerung“ Bezug auf Brecht genommen würde. „B-Box“: Eine gute Idee. Aber womöglich zu kurz gesprungen – im Sinne von Kulturreferent Peter Grab, dessen Vorschlag, dass man mit dem Selbstbewusstsein einer großen Stadt an die Namensfindung herangehen solle, wohl mit einer vagen Zukunftsvision in Verbindung zu bringen ist.

Ergo wäre es angemessener, den in der Planungsphase umstrittenen Container „Brecht-Theater“ zu nennen. Diese Bezeichnung wäre als Versprechen zu deuten, besser: als Verheißung in Augsburg ein intensives Kapitel in Sachen Brecht-Rezeption aufzuschlagen. Brecht als Programm, eines das möglicherweise eine schlagkräftige Antwort auf die Frage birgt, welches Theater in dieser Stadt zukunftsfähig ist. “Brecht-Theater”: Damit wäre eine nachhaltige Auseinandersetzung mit dem Werk Brechts als kulturpolitische Zielvorstellung formuliert und möglicherweise dem Jahrmarkt-Rummel um Augsburgs großen Lyriker und Theatermann die Stirn geboten.

Es gibt allerdings noch einen zweiten Grund, die kindische Bürgerbefragung in Sachen Namensfindung für die Interimsspielstätte abzublasen. Diese besitzt nämlich längst einen Namen: „Container“. Das Bauwerk solle danach schreien, dass es wieder verschwinden muss. So der für die Grundlagenermittlung bezüglich der Theatersanierung verantwortliche Architekt Jörg Friedrich. Der „Container“ ist unter dieser Bezeichnung ins öffentliche Bewusstsein gerückt. Als notwendige Zwischenlösung, die die Gesamtsanierung des Theaters erst ermögliche. Ohne Container keine Sanierung, so ist dem Stadtrat und der Stadtgesellschaft die „B-Box“ verkauft worden. Aus diesem Zusammenhang heraus ist der Container „aufgrund einer Frage eines Journalisten“ (Finanzreferent Hermann Weber; gemeint war DAZ-Herausgeber Bruno Stubenrauch) in das 45prozentige Förderprogramm des Freistaates aufgenommen worden. Der Container ist Bestandteil der geplanten Gesamtsanierung des Augsburger Stadttheaters. Ein Nutzbau, der auf einen großen Plan verweist. Das sollte man ernst nehmen.