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Dienstag, 04.12.2018 - Jahrgang 10 - www.daz-augsburg.de

„No Intention“ – Eine Ausstellung polarisiert

Noch bis zum 04. November ist im Staatlichen Textil- und Industriemuseum Augsburg (tim) die Ausstellung „No Intention“ des Künstlers Koho Mori-Newton zu sehen. Eine inspirierende Schau, die neben meditativen Installationen aus Seide allerhand Diskussionsstoff bietet.

Von Bernhard Schiller

Koho Mori-Newton Foto: © Lauren Newton

Wenn die Diktion der Kommentarspalten ins Museum schwappt, dann muss etwas passiert sein. Beim Blick ins Gästebuch der Ausstellung „No Intention“ sticht Fäkalsprache ins Auge. Grobpolemik, die eine Auseindersetzung mit Kunst und Künstler verweigert. Daneben äußern sich andere Besucher im Überschwang begeistert, ganz so, als ob die aktuelle Sonderausstellung im ersten Stockwerk des Textilmuseums ein messianisches Ereignis wäre. Die Wahrheit liegt vermutlich auch nicht in der Mitte, schließlich geht es hier um Kunst, nicht um Politik.

Koho Mori-Newton, 1961 in Japan geboren, studierte Kunst an der Wako-Universität in Tokio und der Akademie der bildenden Künste in Stuttgart. Stipendien und zahlreiche Ausstellungen führten ihn durchs In- und Ausland. Werke von Mori-Newton werden in der Staatsgalerie Stuttgart und der Staatlichen Graphischen Sammlung München präsentiert.

Eigens für die Ausstellung in Augsburg konzipierte der Künstler zwei begehbare Installationen aus großformatigen Seidenstoffen, die im stillen Dialog mit der Leiblichkeit des Besuchers interagieren. Über die anregend-beruhigende Wirkung dieser Arbeiten dürften kaum Meinungsverschiedenheiten entstehen. Doch auch hier zeigt sich die Problematik der gesamten Ausstellung, an der sich die Geister so rigoros scheiden: Ist der Museumsbesucher Konsument oder Produzent von Sinn?

Mori-Newton versetzt seinen Gast in ein unauflösbares Dilemma. Er sprengt die Erwartung ans „Museum als Sinn-Generator“, wie es auf einer der vielsagenden (nichtssagenden?) Schautafeln heißt – einerseits. Andererseits ruft gerade der präsentierte Nonsens einen verborgenen (Un-)Sinn aus jenem Bedeutungsdickicht hervor, das die Kulturindustrie durchädert. Wie ein Kind, das ohne die Anleitung eines Lehrers seinen Stift übers Papier bewegt und sich immer wieder ein neues Blatt nimmt, entziehen sich Mori-Newtons graphische Versuchsanordnungen dem absichtlichen Auge.

Während Schulhefte voll sind von Spuren eines leidenschaftlichen Radiergummieinsatzes, weil die Aufgabe lautet, die perfekte Linie zu zeichnen, radiert der Künstler solange, bis eine möglichst bedeutungslose und somit die Linie auftaucht. Eine Ausstellung über die Kunst des Sehens. Die Wahrnehmung entscheidet hier selbst, ob Mori-Newtons Ästhetik ins Rückständige und damit Belanglose führt, oder ob seine Rudimentärästhetik nicht gerade dazu angetan ist, der Wirklichkeit zu sich selbst, also zu und zum Nichts zu verhelfen. Beginnt Kunst nicht exakt hier? Und nur hier, will sie nicht auf dem Ladentisch landen?

Die gezeigten Werke Mori-Newtons sind als Postkartenmotive nicht vorzustellen. Es wäre unverzeihbar, die Ausstellung „No Intention“ zu verpassen. Am Sonntag, den 04. November ist der letzte Tag. Die bemerkenswerte Schau wird durch eine Konzertreihe ergänzt: Dienstag, 16.10.2018: SoundSongS – Phil Minton/Lauren Newton – Samstag, 27.10.2018: No(ise) Intention – Superterz/Nils Petter Molvaer/Koho Mori-Newton
Sonntag, 4.11.2018: Sound of Silk – Joëlle Léandre/Lauren Newton.

 



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