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Mittwoch, 13.11.2019 - Jahrgang 11 - www.daz-augsburg.de

Nicht die, sondern eine Wende

Premiere bei Dierig: die erste Theaterproduktion in der Ausweichspielstätte

Von Frank Heindl

Auf einem Schiff beginnt das Stück, auch wenn der Titel behauptet, kein Schiff werde kommen. Am morgigen Sonntag, 10. Oktober hat um 19 Uhr das erste Stück der diesjährigen Theatersaison Premiere. Eine Premiere ist das auch in anderer Hinsicht: Zum ersten Mal zeigt das Stadttheater eine Produktion Stück im Ausweichquartier: „Kein Schiff wird kommen“, wird auf dem Pferseer Dierig-Gelände inszeniert – nicht aus freien Stücken, wie das noch bei der „Weber von Augsburg“-Produktion in der vergangenen Saison der Fall war, sondern der Not gehorchend, weil die Komödie in der Altstadt nun endgültig geschlossen ist und noch immer keine Nachfolgebühne zur Verfügung steht.

Mit dem sehnsüchtig erwarteten Container, der für eine Übergangzeit von wohl mindestens zehn Jahren auf dem Parkplatz hinter dem Großen Haus platziert werden soll, wird es wohl noch eine Weile dauern – frühestens im Frühjahr 2011 wird das Metallgehäuse beziehbar sein. Aber auch bis dahin wird glücklicherweise Theater gespielt – schon eine Woche nach dem „Schiff“ werden die „Sonny Boys“ die Bühne betreten, ebenfalls in Dierigs traditionsreichen Industriehallen.

Am Sonntag jedenfalls steht uns mit „Kein Schiff wird kommen“ des 29jährigen Nils-Momme Stockmanns ein sehr moderner Stoff bevor. Stockmann gilt derzeit als der junge Autor der deutschen Theaterszene, die Fachzeitschrift „Theater Heute“ hat ihn zum „Nachwuchsautor des Jahres“ gekürt, der „shooting star“ verkauf tatsächlich seine Texte schon, bevor er sie geschrieben hat. Ein reiner Modeautor also? Ein Blick in den vielschichtigen Text lässt eine Vielschichtigkeit erkennen, die einer geschickten Inszenierung viele Möglichkeiten bietet. Vorbilder sind rar – das Stück wurde erst im Februar in Stuttgart uraufgeführt, die Kritiker sprechen von einem „pointenreichen, klug aufgebauten“ Stück.

Wende-Recherche auf der Insel Föhr

Im Vordergrund erzählt es sarkastisch die Geschichte eines jungen Theaterautoren, der unter enormem Erfolgsdruck steht. Man wartet auf sein neues Produkt und fordert Themen, die dem Zeitgeist entsprechen. Derzeit wünscht der Verlag ein Stück zum Thema Wiedervereinigung. Der Autor, den dieses Thema nicht im Geringsten interessiert, reist mit Rechercheplänen zu seinem Vater auf die Insel Föhr, wo die üblichen Vater-Sohn-Konflikte aufbrechen, wo aber auch ein Thema zunächst auffällig vermieden wird: die Mutter. Sie wird erst spät zum Thema werden – vielleicht zum eigentlichen Thema des Stücks.

Unterschiedliche Ebenen, wechselnde Sprachstile, verschiedene Orte

Man darf gespannt sein, wie die Augsburger Inszenierung die verschiedenen Ebenen des Stücks gewichtet. Der Neuling am Stadttheater, Ulrich Rechenbach, wird den jungen Autor und Sohn spielen, Martin Herrmann gibt den Vater, Christine Diensberg jene Mutter, die eigentlich nur noch in den Erinnerungen der beiden Männer existiert – und daher als junge Frau dargestellt wird. „Ein großes Thema“ werde da „im Kleinen verhandelt“, sagt Regisseur Ramin Anaraki, eine Herausforderung sieht er auch in der Umsetzung der „nahezu narrativen“ Passagen und der Tatsache, dass die Geschichte „radikal aus der Perspektive der Hauptfigur“ erzählt werde. Schauspieler Martin Herrmann reizt an Stockmanns Text, „dass er zwischen Orten und Zeitebenen hin und her flutscht“ und „übergangslos zwischen Umgangsjargon und lyrischer Sprache wechselt.“ Es sei, so fasst Anaraki seine Sicht zusammen, „ein Stück nicht über die, sondern über eine Wende.“

Die Premiere von „Kein Schiff wird kommen“ am kommenden Sonntag bei Dierig ist ausverkauft. Weiter Aufführungen am 22., 23., 26, und 27. Oktober. Die November und Dezember-Termine gibt’s auf der Homepage des Stadttheaters unter „Spielplan“.