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Freitag, 30.07.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Neue Töne an neuen Orten

Am 22. Oktober startet das Projekt “Zukunft(s)musik”

Von Frank Heindl

Am Donnerstag geht’s los: “Circular Time” heißt das erste Programm der ambitionierten Reihe “Zukunft|s|musik”, die Augsburger Hörern anspruchsvolle “Neue Musik” nahe bringen will. Initiiert wurden die neun Abende mit höchst unterschiedlichem musikalischem Material von Musikern des Philharmonischen Orchesters.

“Das gibt’s kaum in Deutschland, dass sich ein Orchester diese Arbeit aufhalst!”, freut sich Generalmusikdirektor Dirk Kaftan und gibt einmal mehr seinen Eindruck wieder, dass er in Augsburg mit sehr engagierten Musikern zusammenarbeite. In der Tat war auch Mit-Initiator Johannes Gutfleisch, Cellist bei den Philharmonikern, eher überrascht, als sich bei ersten Zusammenkünften zum Thema Neue Musik gleich gut 30 Musiker bereit zeigten, am Projekt mitzuarbeiten. Eine Selbstverständlichkeit ist das bestimmt nicht – die Musiker stemmen sowohl Proben- wie Konzertarbeit in ihrer Freizeit, von der Stadt und dem Theater gibt es wohlwollende Begleitung, aber keinen Cent Gage, einzige treibende Kraft ist, so Gutfleisch, “der Wunsch, die Neue Musik zu fördern.”

Umso wichtiger, dass die Suche nach Veranstaltungsräumen nicht nur erfolgreich war, sondern zu exzellenten Ergebnissen führte, die zusätzlichen Anreiz bieten, sich möglichst viele der Konzerte anzuhören. Das Auftaktprogramm “Circular Time” findet in der Klanghalle im H2 statt. Der Raum im Glaspalast gilt zwar als kritisch für Kammermusik, die zwei Stücke des Komponisten George Crumb, die hier am 22. Oktober aufgeführt werden, kämen aber hier trefflich zur Geltung, meint Johannes Gutfleisch. Bei “Vox Balenae” (Gesang der Wale) wartet ein zusätzlicher Effekt auf das Publikum: Die Musikers, so hat Crumb es verordnet, treten in Masken auf, um so “die gewaltigen, unpersönlichen Naturkräfte” zu symbolisieren.

Den Rhythmus machen die Webmaschinen

Das zweite Konzert am 18. November ist eines von drei Programmen, die von der Theater-Initiative “Mehr Musik” mitfinanziert werden. Das Team unter der Leitung von Ute Legner legt Wert darauf, auch Musiker von außerhalb des Theaters einzubinden (das Verhältnis ist ungefähr 50:50). So sollen auch Musikern Gagen bekommen, die keinen festen Arbeitgeber wie das Philharmonische Orchester haben. “Klang der Stadt” findet im Textilmuseum statt und bietet so die Möglichkeit, das TIM noch vor der offiziellen Eröffnung kennen zu lernen. Vier Musiker werden dort auch die Webmaschinen musikalisch nutzen. Die seien, so Ute Legner, “laut, aber rhythmisch sehr toll!”

Auch für die weiteren Programme haben die Organisatoren beziehungsreiche Veranstaltungsorte gefunden. Die “Métamorphoses Nocturnes” mit Streichquartetten von Ligeti und Duttileux finden einmal im Saal der IHK, zum zweiten Mal dann unterm Sternenhimmel des Planetariums statt, eine Hommage an den Dirigenten und Mäzen Paul Sacher gibt es in der Goldschmiedekapelle St. Anna, Bläserquintette von Kurtág und Ligeti kann man in der Halle des MAN-Museums hören.

Schüler musizieren am Laptop

Besondere Effekte erhoffen sich die Musiker auch aus der Einbindung von Schülern – Realschülerinnen von St. Ursula in Augsburg sind am Projekt “Konzertraum / Raumkonzert” im Parktheater beteiligt (24. November), Schülerinnen und Schüler der Volksschule Täfertingen wirken bei “Zeit /Räume” mit (16. März, ebenfalls im Parktheater). Hier werden Vivaldis sattsam bekannten Vier Jahreszeiten “aufgebrochen” (Dirk Kaftan) und mit einem speziell für diesen Anlass komponierten Werk konfrontiert. Die Schüler studieren ein “Laptop-Orchester” ein, zum einzigen Mal ist auch das Philharmonische Orchester beteiligt.

Begrenzt wird die Begeisterung der Initiatoren allenfalls durch eine gewisse Skepsis, was die Besucher anbelangt. Die Konzertgewohnheiten in Augsburg seien “schon seltsam” heißt es, aber man müsse und könne dem Publikum zeigen, dass die Moderne in der Musik “nach Schostakowitsch und Strawinsky noch viel, viel weiter geht.” Die Stücke würden zum großen Teil moderiert, kündigt GMD Kaftan an, aber am wichtigsten sei es wohl, sich auf die neuen Töne einfach einzulassen. Dann werde das Publikum schnell merken, “dass man Neue Musik nicht immer erklären muss.” Die atmosphärische Verbindung aus neuen Räumen, begeisterten Musikern und der Musik selbst werde “so stark, dass die Musik für sich sprechen kann.” Doch nicht nur für Neue Musik soll das Projekt werben, sondern auch für die Musiker. Kaftan freut sich, dass das Orchester “Gesicht zeigt in der Stadt”, dass ungewöhnliche Musik zu den Hörern kommt, an ungewöhnliche Orte.

Im nächsten Sommer wird man bilanzieren können – das letzte Programm der Reihe, “Different Trains”, findet am 5. Juli in der großen Dampflockhalle des Bahnparks an der Firnhaberstraße statt. Musik von Steve Reich, ein passender Film von Richard Serra, Live-Elektronik von Stephan Schulzki, dazu Augsburger Jazzmusiker – ebenfalls eine Mischung, die Spannung und Atmosphäre zu garantieren scheint.

Karten gibt es an der Kasse des Stadttheaters zu 15 und 10 Euro – mit drei Ausnahmen: Für das erste Konzert sind Eintrittskarten nur an der Abendkasse des H2 erhältlich, für die beiden Konzerte im Parktheater kosten sie nur 8 und 5 € an der dortigen Kasse.

» www.zukunft-musik.de

» www.mehrmusik-augsburg.de