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Dienstag, 07.04.2020 - Jahrgang 12 - www.daz-augsburg.de

Neue Stadtbücherei: „Hülle ohne Inhalt“

Kommentar von Siegfried Zagler

„Die Neue Stadtbücherei ist ein unverzichtbarer Bestandteil der Bildungs- und Kulturlandschaft in Augsburg. Sie liegt im Herzen der Stadt und wird damit zum Begegnungs- und Kommunikationszentrum für die Stadtgesellschaft.“ Nachzulesen auf der Homepage der Neuen Stadtbücherei, die, so Oberbürgermeister Kurt Gribl in seiner Eröffnungsrede im Juni 2009, ein „offenes Haus und kein Buch mit Sieben Siegeln“ sein solle. Dass ausgerechnet die Neue Stadtbücherei für die neue Stadtregierung zum Problemfall werden könnte, konnte sich damals niemand vorstellen. Doch genau das ist eingetreten. Kein Geringerer als der kulturpolitische Sprecher der CSU hat das auf der vergangenen Sitzung des Kulturausschusses ausgesprochen. Andreas Jäckel nannte das Gebäude am Ernst-Reuter-Platz eine „Hülle ohne Inhalt“. Man müsse aufpassen, dass uns das nicht mit dem Theater passiere, so Jäckel, der in der Diskussion um die Sanierung der Theaterbestuhlung darauf hinweisen wollte, dass die Bestuhlung zum Theater gehöre, wie die Bücher zu einer Bücherei.

Wer so mit seiner Kundschaft umgeht, verachtet sie

Dass – gemessen an der Größe der Stadt und gemessen an der Größe der Neuen Stadtbücherei – zu wenige Medien angeboten werden, ist hinlänglich bekannt. Dass der Anschaffungsetat für die Neue Stadtbücherei niedriger ist als der der alten Bücherei, bezeichnete Kurt Gribl im August 2009 als „Witz“. An diesem Witz hat sich in den vergangenen Jahren trotz des Problembewusstseins des Augsburger Oberbürgermeisters nichts verändert. Gestiegen sind nur die Gebühren für die Bürger. Eine nichtermäßigte Jahreskarte kostete in der alten Bücherei 10 Euro, nach dem Umzug wurde diese Gebühr auf 13 Euro erhöht, nun solle diese Gebühr auf 20 Euro erhöht werden. Damit wäre in diesem Ranking Augsburg in Bayern Spitze. Dabei läuft es im Betrieb unrund. Der Lesesaal ist nach wie vor ein Unort: zugig und mit weniger Zeitungen als in der alten Bücherei. Die „Leseecke“ ist Verbindungsraum zwischen Eingangshalle und dem Cafe. Keine Kaffeemaschine, keine Leseruhe. Wer so mit seiner Kundschaft umgeht, verachtet sie. Das Raumklima ist zu allen Jahreszeiten eine Katastrophe. Der nachträglich am Eingangsbereich angebrachte Türluftschleier reduzierte zwar den im Erdgeschoss unerträglichen Luftzug, sorgt aber nun dafür, dass die vom Regenbogen politisch durchgesetzte 3 Millionen Euro teure Klimatechnik ad absurdum geführt wird. Die Besucherstatistik weist jeden Tag zirka 1.600 Besucher aus. Wer ist das? Für wen ist die Neue Stadtbücherei gedacht? Wer nutzt sie? Wie hoch ist der Besucheranteil der sozial und finanziell schwächer gestellten Augsburger? Es muss nicht weiter erwähnt werden, dass es auf diese Fragen nur unzureichende Antworten gibt.

Tagelang abgewatscht worden, ohne die richtigen Schlüsse zu ziehen

„Mit Fantasie, aktiver Beteiligung, Zeit und Geduld werden alle diese Neue Stadtbücherei zu einer zukunftsfähigen Einheit fortlaufend weiterentwickeln. Für diese Entwicklungsprozesse sind Bürgerinnen und Bürger, Wirtschaft und Politik gleichermaßen erforderlich – als starke Partner auf Augenhöhe.“ Das steht ebenfalls im Leitbild. Bisher ist außer der energetisch zweifelhaften Korrektur (Türluftschleier) wenig weiterentwickelt worden. Die Stadtsparkasse hat mit einer großzügigen Spende dafür gesorgt, dass der Medienbestand nicht geringer geworden ist und WBG-Chef Edgar Mathe hat immerhin gegen den Willen der Architekten durchgesetzt, dass der Schriftzug „Neue Stadtbücherei“ aufs Glas geklebt wurde, während Bücherei-Chef Manfred Lutzenberger nicht in der Lage zu sein scheint, eine Kaffeemaschine (wie in der alten Bücherei) in den Lesebereich zu stellen, obwohl er das – wie er gegenüber der DAZ seit Jahren beteuerte – gerne machen würde. Im letzten Jahr ist es Oberbürgermeister Gribl gelungen, den grauenvollen Angriff (Verkürzung der Öffnungszeiten) von Kulturbürgermeister Grab und Manfred Lutzenberger (und dem Kulturausschuss) abzuwehren. Grab ist damals von der Lokalpresse für dieses Vorhaben tagelang abgewatscht worden.

Politisch nicht darstellbar

Die richtigen Schlüsse hat er daraus nicht gezogen. Nun sollen die Bürger für die Jahreskarten viel tiefer in die Tasche greifen. So kann man „Bürgerschaftliches Engagement“ natürlich auch definieren. Das ist keine Weiterentwicklung, sondern ein verheerender Rückschritt der Neuen Stadtbücherei – und ein politisches Armutszeugnis dieser Stadtregierung. Nicht am Theatercontainer, nicht am CFS, sondern an der Neuen Stadtbücherei ist die Messlatte für das Versagen des Kulturbürgermeisters anzulegen. Es ist politisch nicht darstellbar, die kulturelle Bildung aufwerten zu wollen (wie es Grab im Konzeptpapier zur Umstrukturierung des Kulturamtes zum Ausdruck brachte) und am gleichen Tag die Gebühren für die Neue Stadtbücherei zu erhöhen. Erwin Gerblinger (CSU) hatte natürlich Recht, als er im Sommer die Funktion der Stadtbücherei anmahnte und die soziale Unausgewogenheit ins Feld führte, um somit sein Nein in Sachen Gebührenerhöhung zu erklären. Was sich an der Funktion der Bücherei und an der sozialen Situation in der Stadt seit Sommer verändert haben soll, ist eine Frage, die sich Stadtrat Gerblinger nach der Ausschusssitzung am Donnerstag stellen sollte.

Man kann Kurt Idrizovic und den „Freunden der Neuen Stadtbücherei“ nur Kraft und einen langen Atem dafür wünschen, dass sie das ehemalige Renommierprojekt als „starke Partner auf Augenhöhe“ weiterentwickeln. Vom Kulturreferenten und Büchereileiter Manfred Lutzenberger ist in dieser Hinsicht nichts zu erwarten.