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Freitag, 06.12.2019 - Jahrgang 11 - www.daz-augsburg.de

Neue Stadtbücherei: Ein Schritt in die richtige Richtung

Von Siegfried Zagler

Im fünften Gesang der „Ilias“ erzählt Homer, wie der verletzte Aeneas von Apoll in den „Adyton“ gebracht wird. Das Adyton ist Teil eines Tempels, das für alle Unbefugten ein verbotener ist. Seitdem ist das Adyton ein für den gewöhnlich Sterblichen schwer zugänglicher Ort der Genesung und des göttlichen Zuspruchs. Diesen Gedanken hat die Schriftstellerin Pat Barker in „Union Street“ aufgegriffen. Ein Roman aus dem Arbeitermilieu, in dem einer der erwachsenen Protagonisten mühevoll Lesen lernt. „Union Street“ wurde 1995 von Martin Ritt mit Robert De Niro und Jane Fonda in Zelluloid gelegt. „Stanley und Iris“ gehört zu den wenigen epischen Meisterwerken Hollywoods, die sich einer wirklichkeitsnahen Ausarbeitung sozialer Milieus widmen. Am Ende Films geht Stanley mit Iris in eine öffentliche Bibliothek, nimmt ein Buch aus dem Regal, liest ein paar Sätze mit aufgeregter Stimme daraus vor, legt es zurück, nimmt ein anderes Buch, liest daraus vor, um seiner ehemaligen Lehrerin zu zeigen, dass er seinen Analphabetenstatus überwunden hat. „Seien Sie bitte leise, das ist eine Bibliothek“. „Ich weiß“, erwidert Stanley der Bibliothekarin, „es ist meine Bibliothek“.

„Es ist unsere Bücherei“

Ritt hat diese Passage eins zu eins aus „Union Street“ übernommen, um zu unterstreichen, dass sich Stanley den Zugang zum Adyton erarbeitet hat. Die öffentliche Bibliothek steht hier als Metapher für die Überwindung sozial festgelegter Lebensformen und Einbahnstraßen. Stanley bekommt einen seinen Fähigkeiten angemessenen Job und wird somit von seiner „sozialen Verletzung“ geheilt.

Bereich für Zeitungsleser: Vom Unort in einer windigen Passage ...

Bereich für Zeitungsleser: Vom Unort in einer windigen Passage ...


Die Neue Stadtbücherei in Augsburg steht unter dem Motto „offen für alle“. Das Architekturbüro Schrammel hat sich der Aufgabe gestellt, dieses Motto baulich zu gestalten. Das Gebäude soll von außen ein aufgeschlagenes Buch symbolisieren und die Innenarchitektur ist durchgängig von Übersichtlichkeit und offenen Strukturen geprägt. Kein Labyrinth für Eingeweihte, keine versteckte Leseinseln, keine kontemplativen Schmökerecken oder PC-Einheiten. Die 36 Internetzugänge sind im Haus verteilt und die Regale sind niedrig genug, um das große Ganze, das offene Haus in seiner Gesamtheit nicht aus dem Blick zu verlieren. Das schwer erreichbare Adyton Homers ist in Augsburg, vorausgesetzt man ist des Lesens mächtig, kein schwer zugänglicher Ort für Auserwählte. „Es ist unsere Bücherei“, können die Augsburger ohne den geringsten Anflug von Ironie behaupten.

... mit ein paar Handgriffen in eine Leseecke verwandelt.

... mit ein paar Handgriffen in eine Leseecke verwandelt.


Das musste kürzlich Peter Grab lernen, als er zusammen mit dem Leiter der Neuen Stadtbücherei den symbolischen Ort ein wenig schwerer zugänglich gestalten wollte. Und das muss nun seit Freitag der Architekt Stefan Schrammel zur Kenntnis nehmen, dessen „Zeitungs-Windfang“ von der stellvertretenden Leiterin (Chef Lutzenberger ist im Urlaub) kurzerhand in eine „Leseecke“ verwandelt wurde. Jutta Olbrich vollzog damit nach einem Jahr voller Beschwerden eine beinahe homerische Heldentat. Bisher war das Lesen von Zeitungen im eigentlichen Sinn des Lesens an dem dafür vorgesehenen Ort nämlich nur unter unsäglichen Bedingungen möglich. Im Winter saßen die Zeitungsleser mit Schal, Mantel und Mütze im kalten Windzug zwischen dem unruhigen und sehr häufig von Passanten gequerten Eingangsbereich der Bücherei und dem Cafe Tivoli. Im Sommer und den anderen Jahreszeiten nahmen weder Windzug noch Beschwerden ab. Der offene Bereich für Zeitungsleser war ein Unort in einer windigen Passage, bis am vergangenen Freitag Jutta Olbrich mit ein paar Handgriffen Abhilfe schuf. Es handelt sich noch nicht um eine Heilung eines gravierenden Planungsfehlers, aber um eine wundersame Linderung der schlimmsten Symptome – und somit um einen kleinen Schritt in die richtige Richtung. Manfred Lutzenberger, der sich korrekt und gehorsam – trotz Einsicht, also besseren Wissens – achselzuckend an die strengen Vorgaben Schrammels gehalten hat, wird sich nach seinem Urlaub darüber wundern dürfen, wie einfach man mit einem kleinen Akt der Ungehorsamkeit gegenüber der diktatorischen wie naiven Planungsrechthaberei des Architekturbüros das Haus weiter nach vorne bringen kann.