DAZ - Unabhängige Internetzeitung für Politik und Kultur
Mittwoch, 26.01.2022 - Jahrgang 14 - www.daz-augsburg.de

MEINUNG

Nationalmannschaft: Löw vor dem Fall

Wenn nicht jetzt, wann dann?

Kommentar von Siegfried Zagler

Grafik: Screenshot mit freundlicher Genehmigung des DFB © DFB

Dem Deutschen Fußballbund saßen/sitzen seit Gründung 13 Präsidenten vor. Der aktuelle Präsident ist die Nummer 13 und heißt Fritz Keller. Bundestrainer Jogi Löw überlebte fünf (!): Affärenprofi Gerhard Mayer-Vorfelder und Theo Zwanziger, die zeitweise als Doppelspitze agierten. Dann stand Zwanziger in der Kritik, weil er bei der Schiedsrichteraffäre eine unglückliche Figur abgab. Darauf folgte Wolfgang Niersbach, der nach dreieinhalb Jahren zurücktreten musste – wegen der steuerrechtlichen Vorwürfe bezüglich der WM 2006.

Es folgte Reinhard Grindel, der in jeder Hinsicht überfordert schien, und in die Schusslinie geriet, weil er bei der Erdogan-Affäre der beiden türkischstämmigen Nationalspieler Gündogan und Özil eine unglückliche Figur abgab und zudem ohne Not Löws Vertrag vor der WM 2018 bis 2022 verlängerte. Zurücktreten musste der bereits schwer angeschlagene Grindel, als bekannt wurde, dass er von einem ukrainischen Oligarchen eine Luxusuhr als Geschenk angenommen hatte.

Alle skandalumwitterten DFB-Präsidenten legten einen Schwur auf Löw ab, der mit dem DFB-Schlachtschiff Nationalmannschaft und einem ausgeprägten Blendwerk-Partner gut von der dauerhaften Strukturkrise und Führungslosigkeit des DFB abzulenken verstand. Da die DFB-Auswahlmannschaften seit 2008 auf zwei Generationen erstklassige Fußballprofis zurückgreifen konnten und können, funktionierte das Sonnyboy-Tandem Bierhoff/Löw wie geschmiert. Der Titelgewinn 2014 legte über viele Unerträglichkeiten einen goldenen Schleier.

So nahm man achselzuckend zur Kenntnis, dass Löw nur selten die passende Aufstellung fand, in Sachen Fußball kaum etwas Bemerkenswertes sagte, weder in einer Fremdsprache noch in der deutschen Sprache zu Hause ist. Wir gewöhnten uns an seine Kunstsprache „Badenshoch“, störten uns nicht am Fingernägelkauen, Nasenbohren, Hodenkratzen, an seine getönten zum Pony gescheitelten Haare. Und dennoch blieb stets die Frage im Raum: Warum nur wurde Löw von der deutschen Sportpresse so nachsichtig behandelt?

Das Geheimnis eines der größten Fußballphänomene der jüngeren Sportgeschichte ist nicht schwer zu enträtseln: Joachim Löw war und ist die smartere Entsprechung von Schön/Derwall/Ribbeck: eigenschaftslos, freundlich, unbestimmt. Stets so schwätzend, als würde er eine Thekenmannschaft trainieren. Jogi Löw hat als Projektionsfigur für Millionen Bundestrainer hervorragend funktioniert. Jeder konnte Jogi sein, könnte besser als Jogi sein, wenn man ihn nur ließe.

Damit ist nun Schluss. Desolat und fahrig, taktisch unbeleckt, emotional untersteuert und völlig leidenschaftlos waren viele Auftritte der Nationalmannschaft, die mit dem aktuellen 0:6 einen Tiefpunkt erreicht hat. Die Kritik an diesem Auftritt entwickelt gerade eine Schwerkraft, die selbst den heiligen Weltmeister-Löw ins Tal der Sterblichen zieht.

93,78 Prozent von 179.337 Kicker-Lesern beanworteten die Frage mit NEIN, ob Löw noch der richtige Bundestrainer sei. Der Bundestrainer, der die deutsche Nationalmannschaft zu einer B-Truppe verkommen ließ, scheint selbst von einem Nichtentscheider-Präsidenten wie Fritz Keller nicht mehr vermittelbar zu sein. Wenn in einer Nationalmannschaft nicht die besten Kicker einer Nation spielen, dann ist das „Konzept Nationalmannschaft“ pervertiert. Löws ureigenes Erfolgskonzept wendet sich nun gegen ihn selbst: Er ist von jedem ersetzbar und der Zeitpunkt ist günstig wie nie.