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Dienstag, 04.12.2018 - Jahrgang 10 - www.daz-augsburg.de

Nationalmannschaft: Kein Umbruch, keine Wiedergutmachung

Titelverteidigung war das Ziel, als Gruppenletzter ist die deutsche Fußballnationalmannschaft ausgeschieden. Das positive Deutschland-Image, der gesellschaftliche Wandel und das Ansehen im Ausland bilden sich in dieser Mannschaft ab. Bis zum Russland-Desaster galt sie als Blaupause eines fortschrittlichen und liberalen Deutschlands: multikulturell, elegant, effizient. Doch seit der WM in Russland befindet sich das Aushängeschild zerdeppert am Boden. Träge und unorganisiert – ohne Inspiration aber mit arroganter Lässigkeit verschwand die Legende einer Mannschaft im Nichts. 

Die sportlichen und politischen Analysen sind erfolgt. Eine „Wiedergutmachung“ ist nicht möglich, da ein vergleichbares Ereignis erst wieder in zwei Jahren ansteht. „Was tun?“, lautete also die brennende Frage, die erstmalig auch eine politische Dimension beinhaltete, und die Antwort ließ lange auf sich warten, fiel aber dafür eindeutig aus: „Nichts!“

Kommentar von Siegfried Zagler

Kaum wahrgenommen: Verhaltener Protest gegen ein Totalversagen Foto © DAZ

Spätestens nach der Partie gegen den neuen Fußballweltmeister Frankreich am vergangenen Donnerstag kann man sicher sein, dass der DfB nach dem Russlanddesaster mit seinem Flaggschiff  Nationalmannschaft weiterhin in seichten Gewässern schippert. Jogi Löw, Oliver Bierhoff und Präsident Reinhard Grindel stehen zwar unter verschärfter Beobachtung, behalten aber ihre Positionen. Daran wird sich bedauerlicherweise in absehbarer Zeit nichts ändern. Die gesamte Stimmung rund um das Länderspiel in München lässt keinen anderen Schluss zu. 

Die DfB-Verlautbarung von einem „großen Umbruch“ sollte ohnehin als große Nebelkerze in die Sportgeschichte eingehen. Einen großen Umbruch im sportlichen Bereich kann es nicht geben, solange die meisten aktuellen Nationalspieler besser sind als die potentiellen, was nicht der Fall ist. Ein „Umbruch“ wäre also gegeben, wenn an der Spitze neue Köpfe das Denken übernehmen würden. 

Ein politischer Umbruch finge beim Präsidenten Grindel an, der bei der Erdogan-Affäre gewogen und als zu leicht erkannt wurde. Ein sportlicher Umbruch müsste bei Joachim Löw beginnen, dessen Arbeit zuvorderst darin besteht, dass ein Team von Hochbegabten auf den Punkt funktioniert und in der Lage ist, alle zwei Jahre ein Turnier zu gewinnen. In Russland war die deutsche Nationalmannschaft vom Endspiel weiter entfernt als Tunesien oder Peru. Es wurden wichtige Spieler nicht mitgenommen, falsch aufgestellt und eindimensionale Match-Pläne erstellt.

Das Länderspiel gegen Frankreich unterstrich nun eindrucksvoll, dass beim DfB unverfroren weitergearbeitet wird, als wäre nichts geschehen. Auf der rechten Außenseite spielte mit Matthias Ginter ein Innenverteidiger, der dort „völlig überraschend“ wie ein Innenverteidiger agierte, auf der linken Außenbahn spielte mit Rüdiger ebenfalls ein gelernter Innenverteidiger, der auf der ungewohnten Position nach vorne keine Wirkung entfalten konnte. Beide gaben ihr Bestes, sollten aber nach vorne wirkungslos bleiben. Dass man mit vier klassischen Innenverteidigern keine Viererkette bilden sollte, sollte Löw allerdings aus der WM 14 gelernt haben, wo es erst lief, als Lahm wieder außen verteidigte und marschierte. Dass Joshua Kimmich als „neuer Lahm“ gegen Frankreich zentral als defensiver Sechser nicht schlecht spielte, lag vor allem daran, dass die Offensivkräfte Leon Goretzka, Toni Kroos, Thomas Müller, Marco Reus und Tobias Werner stark gegen den Ball arbeiteten und somit Frankreich wenig Raum für Konter hatte. 

Aus dem Mittelfeld heraus kamen allerdings wieder zu wenig Impulse und Ideen nach vorne, was auch an Thomas Müller und Leon Goretzka lag, die gegen die französischen Abwehrkräfte keine Schnittstellen fanden. Auch Reus stand oft auf verlorenem Posten. Lediglich Werner sorgte mit seiner Schnelligkeit auf der linken Seite für Gefahr. Nach wie vor besteht die deutsche Mannschaft aus hervorragenden Einzelspielern, die nach dem russischen Trauma ihre verlorene Sicherheit zurückgewinnen müssen. 

Dass man diesen Zustand der Elite des deutsche Fußballs attestieren kann, ist mit dem Namen Löw in Verbindung zu bringen. Aus diesem Grund und aus vielen anderen Analysen heraus ist es unverständlich, dass Löw nicht nachhaltig im Feuer steht. In München gelang es dem DfB mittels Einladungen 27.000 Jugendliche ins Stadion zu bringen. Die Stimmung glich einem Kindergeburtstag, Pfiffe gegen Löw und Co. blieben aus. Ein Anti-Löw-Transparent wurde kaum wahrgenommen. 

Der Mehrwert eines Versagens besteht darin, die Ursachen, die dazu führten, als solche zu erkennen und zu beseitigen. Davon ist der DfB meilenweit entfernt.



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