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Donnerstag, 23.09.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Nachts leiden die Götter daran, dass sie gewöhnliche Menschen sind

Der Augsburger Fotograf Walter Käsmair hat ein Fotobuch geschrieben, ein Buch, das sich zu lesen lohnt.

Von Siegfried Zagler

Spitalhof mit Kastenturm

Wenn man den 56jährigen Augsburger Fotograf Walter Käsmair fragt, wie oft er seine Heimatstadt bisher in seinem Leben verlassen hat, dann lautet die Antwort: „Natürlich nie.“ Womit deutlich wird, dass Käsmair diese Frage als ungeheure Obszönität empfindet, als würde man einen seit Jahrzehnten glücklich verheirateten Ehemann fragen, wie oft er denn seine Frau betrogen hat. Käsmairs Obsession ist nichts Geringeres als die Erfindung einer anderen Welt. Der fotografische „Sucher“ sucht nicht, sondern inszeniert. Der Künstler unter den Fotografen steuert den Lauf des Lichts in einem unentdeckten Raum. Der Raum heißt bei Käsmair „Augsburg“. Käsmair erarbeitet ein Augsburg, das es außerhalb seiner Lichtgemälde nicht gibt. Augsburg ist, das könnte man beim längeren Betrachten der fotografischen Kunstwerke Walter Käsmairs leicht vergessen, nämlich eine bewohnte Stadt, also voller umtriebiger Menschen und wie alle Städte geprägt von Verkehr, Lärm und Schmutz. In Käsmairs Fotogemälden ist Augsburg ein sakraler Ort, ein Kunstwerk, in dem gewöhnliche Menschen nicht vorkommen, besser: nichts verloren haben. Die Maximilianstraße, die Kahnfahrt, die Stadtmetzg, der Rathausplatz, die Altstadt, der Stempflesee: Es gibt keinen Ort, der ohne großes Geheimnis wäre. Augsburg als glanzvolle Dämmerung am Vorabend eines Ausbruchs, als atmender Ort einer versunkenen Geschichte, als Mitte einer Welt, die nur für Götter bestimmt zu sein scheint.

Authentizität ist die Illusion der Fotografie

„Manchmal hat man einfach nur Glück. Im Juni 2012 drehte ich einige meiner unzähligen Fotorunden und kam dabei wieder einmal am Heilig Geist-Spital vorbei. Es dämmerte bereits und, o Wunder, es war nicht nur das Tor offen, sondern der gesamte Hof frei von parkenden Autos. Wer selbst fotografiert kennt die Aufregung, die sich einstellt, wenn man ein Motiv vorfindet, das vielleicht einmalig ist. Ich stand unter Druck.“ So Käsmair in seinem großartigen Fotobuch „Mein Augsburg“. Walter Käsmair ist Lehrbeauftragter für analoge Fotografie an der Universität Augsburg und er vertritt gegenüber seinen Studenten ironischerweise die naive Auffassung, dass man die Fotografie für ein „weitestgehend authentisches Medium“ zu halten habe. Ein Medium kann nicht authentisch sein, sonst wäre es kein Medium. Weder die Fotografie noch der Film waren in keiner Phase ihrer Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte mehr als auf „die Wirklichkeit verweisende Zeichen“, um es mit Umberto Eco zu sagen. Zeichen, die wegen ihrer realistischen Abbildungswucht von Semiotikern als „Kurzschlusszeichen“ bezeichnet werden. Käsmair weiß das natürlich, deshalb spielt er mit der Illusion des Rezipienten, der sich beim Betrachten von Fotografien seit mehr als hundert Jahren einbildet, nachträglich an einem authentischen Moment teil zu haben. Ein vergangener, aber wirklich geschehener Augenblick im Lauf der Zeit: Das ist die Illusion jeder Fotografie.

Der erste Ausgang aus der platonischen Höhle: die schlafende Stadt

„Dass man keine Menschen auf dem Bild sieht, obwohl sie in Wirklichkeit reichlich vorhanden waren, hat einen einfachen Grund: Ich habe sie digital entfernt. Diese Technik habe ich genau bei zwei Bildern dieses Buches angewendet. Ich habe hier einfach Prioritäten gesetzt“, so Käsmair zu seinem Fotogemälde „Stempflesee“, das natürlich wie alle Fotografien von Käsmair eine Welt ohne Menschen abbildet. Für den Betrachter macht es keinen Unterschied, ob der Hof des Heilig Geist-Spitals tatsächlich von Käsmair nach zirka tausend Motivgängen erstmalig autofrei fotografiert wurde, oder ob Käsmair die Autos digital entfernt hat.

Jeder Nachtspaziergang eröffnet einen aufregenden, einen genaueren Blick auf die Stadt. Wer das noch nicht erfahren hat, sollte unter diesem Gesichtspunkt spazieren gehen. Wenn die Stadt schläft, dann ist sie nämlich der erste Ausgang aus der platonischen Höhle, also der Übergang in die wahre Welt aus Schatten und Licht, wo Stein und Beton nicht abbilden, sondern erzählen. Das schlafende Augsburg begeht und erforscht mit unerreichter Obsession und Kunstfertigkeit der Fotograf Walter Käsmair. Es ist nicht leicht zu verstehen, dass die Welt zwar farbig ist, doch die Schwarz-Weiß-Fotografie realistischer wirkt. Die Verfremdung suggeriert Realität, die man für wahr hält. Das ist der Zauber der großen Fotografie. Käsmair zeigt uns mit seinen schwarz-weißen Lichtgemälden – und mit jener Geduld und Beharrlichkeit, die nur großen Künstlern zu eigen ist, dass wir in Wirklichkeit gerne Götter wären. Und Käsmairs Augsburg zeigt uns zugleich, dass wir daran leiden, dass wir keine sind. Wer das nicht einsehen mag, sollte sich das Buch kaufen.

Walter Käsmair: Mein Augsburg. Panoramafotografien einer schwäbisch-bayerischen Stadt. 26,90 Euro. Erschienen im Eigenverlag des Autors. Das Fotobuch ist seit wenigen Tagen in ausgesuchten Augsburger Buchläden erhältlich.