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Freitag, 23.07.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Nach dem Ritterschlag in der Versenkung verschwunden

DAZ-Herausgeber Siegfried Zagler über Sascha Mölders

Großartiges Debüt: Sascha Mölders erzielte mit dem Kopf gegen den SC Freiburg beide Tore für den FCA (Bild: TF)

Sascha Mölders Debüt beim FC Augsburg fand gegen den SC Freiburg statt. Es war ein großartiges Debüt. Vor fast ausverkauftem Haus köpfte er am 7. August 2011 im ersten Bundesligaspiel der Augsburger das Leder zwei Mal wuchtig in das Tor der Breisgauer. Nach dem Schlusspfiff stand es  2:2 gegen einen vermeintlichen Konkurrenten um den Nichtabstieg. Eine Woche später zeigte Mölders, dass er es auch mit dem Fuß kann. Er erzielte den einzigen Treffer des FCA auf dem Betzenberg, damals reichte das zu einem Punktgewinn. Es war ein kühles Tor in Kaiserslautern, eines mit Klasse und Verstand. Mölders bewegte sich in beiden Partien sehr agil nach vorne und schuftete zugleich wie ein Berserker nach hinten. Fußball-Augsburg war entzückt. Er war die große Hoffnung. Dann verschoss er einen Elfmeter im darauf folgenden Heimspiel gegen Hoffenheim nach einer Drangperiode des FCA. Der Elfmeter war kläglich geschossen. Tom Starke hatte nicht die geringste Mühe das Schüsschen zu halten. Mein Tribünen-Nachbar brachte seine Verwandtschaft ins Spiel: „Den hätte meine Großmutter gehalten.“ Mölders tauchte nach diesem Spiel als Torjäger ab. Um es anschaulicher zu sagen: Mölders schoss nach dem zweiten Spieltag in der Saison 2011/12 in 20 folgenden Spielen, in denen er immer in der Startformation stand, nur noch zwei Tore. Das ist eine Quote von 0,1 Toren pro Spiel. Als er am 19. Spieltag am 28. Januar 2012 im “Rückspiel” gegen den FC Kaiserslautern zwei so genannte hundertprozentige Torchancen vergab, wurde er von den Fans im M-Block ausgepfiffen, bei jedem seiner Ballkontakte raunte das Publikum. Jos Luhukay hatte ein Einsehen und erlöste Mölders mit einer frühen Auswechslung.

Bei der ersten Aufholjagd war Mölders nur Zaungast

Im folgenden Spiel stand Mölders selbstverständlich wieder in der Startformation. Er spielte nämlich eine tragende Rolle in der damaligen Offensivstrategie des FCA. Luhukay ließ lange Bälle auf Mölders spielen, der, allein auf sich gestellt, diese bestenfalls behaupten, aber eben nicht verwerten konnte. Luhukay spekulierte mit dem zweiten Ball oder mit der Ballbehauptung durch Mölders, der die aufrückenden „Rückraumstürmer“ in den Angriff mitnehmen sollte. Mölders machte das sehr gut, kam selbst aber kaum zu Torchancen. Damals spielte der FCA fast alles hoch und zentral auf Mölders, doch langsam schien Jos Luhukay zu dämmern, dass der FCA so dem Abstieg nicht entgehen konnte. Am 23. Spieltag stellte Luhukay sein System um. Mölders verschwand aus der Startformation. Das war die Stunde von Ja-Cheol Koo und Torsten Oehrl. Der FCA gewann mit 3:0 gegen Hertha BSC und spielte von nun an dynamisch mit viel Tempo und überraschend direkten Kombinationen aus dem Mittelfeld heraus Richtung gegnerischen Strafraum, und zwar mit großem Erfolg. Bei der ersten großen Rückrunden-Aufholjagd des FCA war Mölders als Einwechselspieler nur Zaungast.

Der letzte Rumpler der Bundesliga: „Er treibt Ästheten in den Wahnsinn“

Sascha Mölders (Foto: sport-in-augsburg.de)

Sascha Mölders (Foto: sport-in-augsburg.de)


In der zweiten Bundesligasaison verstärkten sich die Augsburger in der Sturmmitte, indem sie Aristide Bance verpflichteten. Mölders zog sich in der Vorbereitung auf die Saison 2012/13 eine schwere Knöchelverletzung zu. Seine Zeit beim FCA schien abzulaufen, doch dann konnte Bance die Erwartungen nicht erfüllen und Mölders feierte ein vielversprechendes Comeback am 11. Spieltag gegen Dortmund. Damals hatte der FCA nur sechs Punkte auf dem Konto. Nach sieben Spielen mit Mölders in der Startformation (und vier Toren von Mölders in diesen sieben Partien) hatte der FCA nach 17 Runden nicht mehr als drei zusätzliche Punkte erobert, also zur Halbzeit lächerliche neun Punkte auf dem Konto. Den Umschwung hatten Mölders Einsätze und seine vier Tore bis zu diesem Zeitpunkt nicht gebracht. Die Wende kam in Düsseldorf als Mölders von zwei krassen Abwehrfehlern der Fortuna profitierte und quasi ohne großes Zutun zwei absurde Treffer zum ersten Auswärtserfolg der Augsburger beisteuerte (2:3). Danach schoss Mölders am 21. Spieltag sein siebtes Tor gegen Mainz (1:1) und schließlich sein achtes in Leverkusen. Diese Partie verlor der FCA mit 1:2. Am 23. Spieltag gewann der FCA seine “Schicksalspartie” gegen Hoffenheim mit 2:1. Mölders schoss den Führungstreffer, sein 9. Tor in seiner 13. Partie der Saison 2012/13. Das entsprach einer Quote von 0,7 Treffer pro Spiel. Diese Serie und ein gebrochenes Nasenbein brachten ihn in die großen Schlagzeilen. Die Nobody-Truppe des FCA hatte plötzlich für die Medien ein Gesicht, nämlich das von Sascha Mölders mit der gebrochenen und blutverklebten Nase. Es sollte ein Ritterschlag folgen: Nach Helmut Haller wurde mit einem zeitlichen Abstand von 40 Jahren der zweite Augsburger Fußballspieler ins Aktuelle Sportstudio eingeladen. Schauspieler Michael Günther Bard vom Hessischen Staatstheater las eine Hommage an den letzten Mittelstürmer-Rumpler der Bundesliga vor: „Sascha Mölders spielt keinen Fußball, er arbeitet ihn. Jede Sekunde seines Spiels erinnert an dreckigen Kreisliga-Fußball auf nassen Ascheplätzen. Er treibt Ästheten in den Wahnsinn. Er ist ein Sturmbulle. Gefangen im Körper eines Riesenbabys. Er beschränkt sich auf die Grundtugenden des Spiels: Laufen, passen, schießen. Das ist so herrlich und erfrischend anzusehen.“

Mölders friert das Spiel nach vorne ein

Das war zu viel des falschen Weihrauchs. Der hochsensible Mölders verschwand als Torschütze wieder in der Versenkung. Seit dem 23. Spieltag der zurückliegenden Saison schoss Mölders nur noch ein Tor in einem Pflichtspiel, und zwar am 31. Spieltag Ende April beim 3:0 Heimsieg gegen Stuttgart.  Als sich der FCA in seiner zweiten Bundesligasaison ein zweites Mal im Schlussspurt aus der Abstiegszone herauskatapultierte, schossen die Tore andere. Mölders war außerhalb der Medien-Poetik nie das Gesicht des FCA und auch nicht sein Retter. In den letzten elf Spielen der Vorsaison schoss Sascha Mölders wie gesagt ein Tor. Das entspricht einer Torquote von 0,09 Toren pro Spiel. Nimmt man die  drei torlosen Pflichtspiele der aktuellen Saison dazu, dann könnte man langsam einen Rechercheauftrag mit der Fragestellung ins Auge fassen, ob es jemals einen Mittelstürmer mit einer schlechteren Torquote im Profifußball gegeben hat. Seit sechs Pflichtspielen hat Mölders kein einziges Tor erzielt. Man hat derzeit den Eindruck, dass sich an dieser Flaute nie etwas ändern wird. Das Spiel von Sascha Mölders ist nicht „herrlich und erfrischend anzusehen“, sondern in allzu langen Phasen eine brotlose Kunst, die in erster Linie davon lebt, im Strafraum eine Direktabnahme zu suchen. Die Fixierung auf  Direktabnahmen ist bei Mölders zu stark ausgeprägt und bringt deshalb in der Summe zu wenig, und zwar nicht nur deshalb, weil er dabei zu wenig Tore macht, sondern auch deshalb, weil er für den ballführenden Spieler flach kaum anspielbar ist, weil er zu wenig die Schnittstellen sucht, zu wenig kreuzt und somit kaum Räume für Passgeber generiert. In Eins zu Eins Situationen wirkt Mölders in der Tat wie ein Kreisklassespieler. Das Gleiche gilt für seine Fähigkeit, eigene Mitspieler in Szene zu setzen. Mölders friert das Spiel nach vorne ein. Das macht das Offensivspiel des FCA für jede Abwehr leicht berechenbar. Mölders legt mit seinen linierten Laufwegen das Augsburger Angriffsspiel zu statisch an.

Offensichtlich hat das Stefan Reuter längst erkannt. Die Verpflichtung Raul Bobadillas lässt darauf schließen. Nach der Verletzung Bobadillas gibt es beim FCA zu Sascha Mölders aktuell aber keine Alternative. Das ist das Problem und zugleich die Lösung. Sascha Mölders hat nämlich eine wunderbare Qualität: Er kann auch ein langes Tief überwinden. Er braucht ein Tor, ein Erfolgserlebnis, die erholsame Müdigkeit nach einem Sieg und die Leidenschaft des Publikums. Er braucht Adrenalin und den kühlen Verstand eines Trainers. Mölders kann mehr als nur geradeaus in den gegnerischen Strafraum laufen. Er braucht einen Trainer, der ihn stärker ins Spiel einbindet, ihn weiter entwickelt. Die Zeit dafür ist da. Mölders Vertrag ist kürzlich bis 2017 verlängert worden.