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Freitag, 30.09.2022 - Jahrgang 14 - www.daz-augsburg.de

Musik von der „Insel der Seligen“

Parktheater: Grundschüler spielen mit dem Philharmonischen Orchester

Von Frank Heindl

„Wir wollen, dass es sich ganz schön anhört, war wir machen!“

Marie* und Nathalie*: „Wir wollen, dass es sich ganz schön anhört, was wir machen!“


„Willkommen auf der Insel der Seligen“, sagt Ulrich Hierdeis zur Begrüßung, und man muss dazu schon anmerken, dass die Begegnung nicht auf einer schönen Urlaubsinsel stattfand, sondern in einer Schule. Genauer gesagt: In der Grundschule des Neusässer Ortsteils Täfertingen, deren Leiter Hierdeis ist. Nur vier Klassen werden hier in idyllischer Ortsrandlage unterrichtet, durch die großen Fenster der Klassenzimmer blickt man auf Wald und verschneite Wiesen, in der Pause rodeln die Kinder auf Schlitten einen kleinen Hang hinunter – auf Hierdeis‘ „Insel der Seligen“ herrschen tatsächlich nahezu paradiesische Zustände. Und es kommt noch besser.

Grund für den Besuch an einem kalten Vormittag im Januar war nämlich nicht die Sehnsucht nach der Insel – von der hatte der DAZ-Redakteur gar nichts geahnt. Anlass hatte vielmehr ein Gespräch mit Ute Legner gegeben. Ihr Projekt „Mehr Musik!“ gehört zum „Netzwerk Neue Musik“, einem Förderprojekt der Kulturstiftung des Bundes, und will „Kinder und Jugendliche in Augsburg und der Region an Neue Musik und ihre vielseitigen Klangsprachen heranführen.“ An einem der vielen Projekte von Legner und ihrem Team arbeitet man hier, auf der „Insel der Seligen“ – in der vierten Klasse der Grundschule Täfertingen.

Laptops und Vivaldi

Michaela* und Thomas* mit Komponist Stefan Schulzki

Gebannter Blick auf Vivaldis Audiofiles: Michaela* und Thomas* mit Komponist Stefan Schulzki


Nun kommt der Komponist Stefan Schulzki ins Spiel. Er ist heute zum fünften Mal hier. Man arbeitet an dem berühmten Barock-Opus „Die vier Jahreszeiten“ von Antonio Vivaldi. Und deshalb begann das Ganze auch ganz „schulmäßig“ mit einer Einführung zu Vivaldi und seiner Zeit (er lebte von 1678 bis 1741) und mit Hören und Besprechung der „Vier Jahreszeiten“. Danach begann das Komponieren. Komponieren? Mit zehnjährigen Schülern? Nun gut, man muss einen modernen Begriff von Komposition haben und ein bisschen was von Computertechnik verstehen, um da folgen zu können. Denn „Mehr Musik!“ und Stefan Schulzki haben große Pläne mit den Täfertinger Schülern: „Wir machen ein Laptop-Konzert“, erklärt Leonie*, „wir treten am 16.März auf.“ Und zwar nicht nur mit Laptops, sondern zusammen mit dem Augsburger Philharmonischen Orchester, nicht in irgendeiner Schul-Turnhalle, sondern im Augsburger Parktheater, und nicht nur einmal – die Uraufführung findet vormittags statt, ein zweites Konzert folgt am selben Abend.

Was es dabei zu hören geben wird, ist sehr moderne Kompositionsmusik. Schulzki hat den Kindern Auszüge aus Vivaldis Konzert zum „Experimentieren“ übergeben, sie haben sich die Stücke auf ihre Laptops geladen und bearbeiten sie nun mithilfe der Software „Audacity“. Die Schüler können damit beispielsweise, einzelne Sequenzen ausschneiden, sie in andere Zusammenhänge hineinkopieren, sie rückwärts abspielen, beschleunigen oder verlangsamen, sie „loopen“ (das heißt immer wieder wiederholen), sie mit Hall oder Echo versehen und vieles mehr. Damit die Kinder nicht willkürlich herumspielen, sondern die Effekte sinnvoll planen, hat Schulzki ihnen in den vorangegangenen „Sitzungen“ bereits einiges übers Komponieren beigebracht: Wie erzeugt man Überraschung, wie baut man Spannung auf, was ist Rhythmus – und wie hat Vivaldi das gemacht? Was ist ein Pizzicato, wie liest man eine Partitur, was heißt Collage in der Musik – und wie können wir das selbst machen? Schon nach kurzer Zeit wusste Schulzki: „Da kommen tolle Ergebnisse.“

Eines der Ziele: Persönlichkeitsbildung

Rektor Ulrich Hierdeis löst hier mit Viktor* und Karla* kein musikalisches, sondern ein EDV-Problem

Technische Probleme auf der „Insel der Seligen“: Rektor Ulrich Hierdeis löst hier mit Viktor* und Karla* kein musikalisches, sondern ein EDV-Problem


Die Kinder haben mit dieser Art von musikalischer Arbeit Erfahrung – ihr rühriger Schulleiter hat schon im vergangenen Jahr mit Sponsorenhilfe Laptops und Software besorgt, hat mit ihnen bereits ein musikalisches Projekt durchgezogen. Es gehe ihm dabei zwar auch um die Musik, aber nicht nur um diese, postuliert Hierdeis, sondern um viel mehr: „Um Persönlichkeitsbildung – und also um die wichtigste Sache des Lebens.“ Diese Einstellung freut die Initiatoren von „Mehr Musik!“!, denn das wollen auch sie zeigen: Musik ist mehr als Radiohören, moderne Kompositionsmusik kann das Leben bereichern, Musikmachen fördert die kindliche Persönlichkeit, die Kreativität – und macht das Leben schöner.

Für den Augsburger Stefan Schulzki wiederum ist die Arbeit mit den Schülern eine Ergänzung seiner eigenen Ziele. Seinen Lebensunterhalt verdient er als freischaffender Filmkomponist – zu etwa 70 Filmen hat er die Musik geschrieben, aber auch fürs Theater und für die Amtseinführung von Bundespräsident Köhler, schon als Student war er mal für den Oscar nominiert. Seine wahre Leidenschaft aber gilt der Neuen Musik – diesem Thema will sich der Vierzigjährige verstärkt widmen. Im Film, sagt er, dürfe Musik „nicht groß auffallen“, sie dürfe „nicht stören“ – nun steht ihm der Sinn nach mehr, „nach einer eigenen musikalischen Sprache, nach der Entwicklung einer eigenen Handschrift.“

Funken schlagen aus der Reibung von Alt und Neu

Besonders reizvoll erschien ihm da die Idee, das Alte mit dem Neuen zu kombinieren, zwei Welten miteinander zu konfrontieren, die barocke Schwelgerei des Antonio Vivaldi sich reiben zu lassen an verfremdeter, am Computer zerstückelter, elektronisch neu zusammengesetzter, rhythmisierter Elektronikmusik. Das könnte Funken schlagen, meint er. Und fügt der Arbeit der Kinder noch seine Handschrift mit eigenen Kompositionen bei, die das Konzert ergänzen. Wird das Moderne dominieren, Vivaldi nur als Beiwerk erscheinen? Wird Vivaldi durch die modernen „Beigaben“ in neues Licht gerückt? Das wird der Konzertabend zeigen und man darf gespannt sein.

Schon jetzt aber steht fest, dass die Kinder großen Gewinn und maximalen Spaß an dieser Arbeit haben. Einer stopft sich noch schnell ein hartes Ei in den Mund – dann wird mit heller Begeisterung experimentiert, und als es zur Pause klingelt, bleiben manche sitzen, um weiter zu jonglieren: Vivaldis Streichersätze tragen den Sieg davon über frisch gefallenen Schnee und ausgelassenes Rodeln! Danach sitzt man zusammen und hört zu: Jedes Zweierteam spielt seine Ergebnisse vor. Ohne dass die Schüler es bemerken, wird auch jetzt gelernt, werden didaktische Ziele nicht nur verfolgt, sondern auch erreicht: Einander Zuhören, künstlerische Entscheidungen treffen, konstruktiv kritisieren, ohne zu verletzen, mit Kritik umgehen. Und in der Gruppe ein Ergebnis erreichen, hinter dem am Ende alle stehen. „Soziale Kompetenzen“ – die Persönlichkeitsbildung eben, von der Ulrich Hierdeis spricht und von der in trockenen Curricula immer so theoretisch die Rede ist: hier wird sie plastisch und lebendig, hier wird sie – Musik!

Kurz vor Schluss gespannte Nervosität

Wie sich das Ganze dann mit dem Orchester zusammen anhören wird, stand Mitte Januar noch in den Sternen. Ganz so paradiesisch, wie man es von der „Insel der Seligen“ erwarten könnte, wird’s wohl nicht klingen. Klar war nur: Das Orchester spielt die „Vier Jahreszeiten“ so, wie Vivaldi sie geplant hat. Unterbrochen wird es von den Laptop-Einsätzen der 22 Täfertinger Schüler – deren Beiträge nehmen im Gesamtkonzept etwa zehn Minuten ein. Und dazu kommen weitere Interludien, die Stefan Schulzki beisteuert. An diesem Wochenende stehen die Proben an, am Dienstag beim Konzert wird man das Ergebnis zu hören bekommen. Gespannte Nervosität ist dem Publikum erlaubt, dem Lampenfieber der Schüler versuchen Schulzki und Hierdeis „vorzubeugen“ – ganz zu vermeiden wird es nicht sein (siehe nebenstehendes Interview mit Stefan Schulzki).

Fotos: Frank Heindl

* Die Namen der Kinder wurden von der Redaktion geändert.

Das Konzert ist unter dem Titel „Zeit / Räume“ am Dienstag, 16.3., im Parktheater Göggingen zweimal zu hören: um 11.00 Uhr und um 19.30 Uhr. Kinder zahlen 5, Erwachsene 8 Euro.

» www.mehrmusik-augsburg.de

» www.parktheater.de

» www.stefanschulzki.com