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Dienstag, 04.12.2018 - Jahrgang 10 - www.daz-augsburg.de

Mozartfest: Luther, Telemann und der Horror Vacui

Unter der Leitung des Telemann-Experten Reinhard Goebel überzeugten die Mozartbotschafter der in Augsburg beheimateten Bayerischen Kammerphilharmonie und der Chor „Das Vokalprojekt“ aus Berlin hinter der barocken Fassade der evangelischen Ulrichskirche mit einem ebenso barocken Vortrag auf höchstem Niveau. Als Solisten brillant: Sarah Wegener (Sopran), Jan Kobow (Tenor), Benjamin Appl (Bariton) und Raimund Nolte (Bass). Das Publikum applaudierte der hervorragenden künstlerischen Darbietung lange und teilweise stehend.

Kommentar von Bernhard Schiller

Zwei für Augsburger Verhältnisse bedeutende Werke von Georg Philipp Telemann (1681-1767) standen auf dem Programm: Die Kantate „Seid tausendmal willkommen“, die Telemann im Jahr 1730 zur 200-Jahrfeier der Confessio Augustana schrieb, sowie das Oratorium „Holder Friede, heil’ger Glaube“, entstanden 1755 anlässlich der 200-Jahrfeier des Augsburger Religionsfriedens. Beide Werke wurden als religiöse und politische Festmusik verfasst.

In allen Höhen und Tiefen macht Telemanns Komposition die protestantische Gemütslage erlebbar. Schleppende, langatmige Erzählungen von Unterdrückung und Finsternis im Wechsel mit triumphalen Fanfaren, die im Zusammenspiel mit dem Chorgesang die errungene Freiheit der Lutheraner feiern. Das knochenharte Holz der evangelischen Ulrichskirche vibriert spürbar mit und infiziert die anwesenden Leiber mit Euphorie.

An diesem Abend zeigte sich aber auch, weshalb ein Oratorium nicht auf die Ästhetik der Gestalt reduziert werden kann und weshalb ein exzellentes Orchester samt Gesang manchmal nicht viel mehr verkörpert, als das musikalisch-verführerische Vehikel höchst zweifelhafter Botschaften. Letztere sind, einmal als solche erkannt, von der Form nicht mehr zu trennen und reißen die Komposition letztlich unabwendbar mit hinein ins Verdikt.

Bei „From Hamburg with Love“ stehen zwei programmatische, weltanschauliche Werke aus der Mitte des 18. Jahrhunderts musterhaft für das historische Entwicklungsstadium zwischen der nationalistisch gefärbten Erlösungslehre Martin Luthers und dem völkischen Coming Out des deutschen Protestantismus. Um dieses Muster zu erspüren, genügt es zunächst, die mächtigen Vokabeln aus den (von den Veranstaltern des Mozartfestes eigens ans Publikum ausgehändigten) Gesangstexten zu bündeln. Da ist die Rede vom Volk, von der Burg, vom Sieg, Blut und Opfer, von Treue, Plagegeistern, Ruhm, Kampf, Zorn, Schwäche, Pflicht, Tapferkeit, Mut und Freiheit, vom Schwur und vom Gehorsam, von Ehrfurcht, Zuversicht, Treue und natürlich von der Wahrheit. Dies alles (so sahen es Telemann und sein Texter Joachim Johann Daniel Zimmermann) als Ausdruck der Vorsehung, welche das „werte Luthertum“ – und nur das – zu Freien und zum auserwählten Volk Gottes gemacht habe. Zwar werden in diesem christlich-martyrologischen Blut-und-Ehre-Text die Waffen der Ideologie und die Waffen aus Stahl noch als feindlich auseinandergehalten: „Du mordest nur und ich bekehre.“ Doch können Telemann/Zimmermann im Jahr 2017 auch mit ganz viel Love nicht mehr darüber hinwegtäuschen, dass Luther ein Mann gerade der physischen Gewalt war. Wen Luther nicht bekehren konnte, dem galt sein Hass.

Dem als weltoffen und musikalische Grenzen überschreitend beschriebenen Hamburger Musikdirektor Telemann mögen Luthers Schriften im Detail nicht geläufig gewesen sein. Vom Theologen Zimmermann (1710-1767) jedoch kann erwartet werden, dass er Luthers Schriften gelesen hatte, vermutlich auch den darin enthaltenen Antijudaismus und die unsäglichen Aufrufe zur Gewalt. Telemann und Zimmermann erlebten als Angehörige der herrschenden Gesellschaft im evangelischen Hamburg des 18. Jahrhunderts einen anderen Alltag, als etwa die Juden, die immer wieder im Streit zwischen lutherischer Orthodoxie und politischen Pragmatikern aufgerieben wurden. Just in dem Jahr 1730, als Telemann die Kantate „Seit tausendmal willkommen“ verfasste, kam es in Hamburg zu einem mehrtägigen „Judentumult“, ein weiteres Pogrom folgte 1747, acht Jahre bevor Telemann das Oratorium „Holder Friede, heilg’er Glaube schrieb. Wohnhäuser der Juden und eine Synagoge wurden geplündert und zerstört. Ganz so, wie Luther es einst ausdrücklich verlangt hatte. In der Kantate danken Telemann/Zimmermann ihrem Gott dafür, dass „er an sein Volk gedacht, und seine Wunderhand hat zeigen wollen.“ Als das Volk Gottes gelten hier längst nicht mehr die Israeliten, sondern jetzt endlich die „wahren evangel’schen Christen“.

Je öfter Zimmermann die Wundertat des Herrn beschwört, desto redundanter erscheint auch Telemanns musikalische Erzählung. Je länger da im Wechsel Trübsal geblasen und jubiliert wird, desto seichter die Dramaturgie. Im Oratorium Jubelgesang: „weil Luther lebt“. Luther, der Erlöser. National-religiöser Personenkult bis heute. Das offizielle Logo des Reformationsjubiläums ist denn auch ein Luther in Schwarz-Rot-Gold, der Staat feiert mit. „From Hamburg with Love“ wurde von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien gefördert, die das Reformationsjubliäum laut Homepage der Bundesregierung unter anderem deshalb begeht, weil hier der „Kern unserer Identität“ zu verorten sei. Unserer?

Das Reformationsjubiläum stellt nicht mehr und nicht weniger dar, als ein identitätspolitisches Placebo gegen den immerwährenden Horror Vacui der deutschen Befindlichkeit. Die Confessio Augustana und der Augsburger Religionsfrieden verhießen Akzeptanz und „Frieden“ nur für die zwei dominierenden Glaubensgruppen der Protestanten und der Katholiken. Für andere, wie Täufer und Juden, bedeuteten sie Gefahr für Leib und Leben. Es gibt also heute, 500 Jahre nach Luthers Hasstiraden und 72 Jahre nach dem „Meine Ehre heißt Treue“-Deutschland keinen plausiblen Grund für ein derart überhöhtes und überhöhendes kulturprotestantisches Ritual.

Im Programmheft zum Augsburger Mozartfest wird der „Schwerpunkt Reformation“ nicht ernsthaft begründet: Die Reformation habe durch die „Vertonung deutschsprachiger Lutherchoräle“ eine „gewaltige Schubkraft“ besessen. Das ist ein Allgemeinplatz. Dem Kritiker jedenfalls graut vor so viel blinder Schubkraft, die Luthers Choral „Ein feste Burg“ 1805 zum „Kriegslied des Glaubens“ (Brentano/von Arnim) machte, dessen Melodie in Richard Wagners „Kaisermarsch“ von 1871 und dann im NS-Propagandafilm „Der große König“ von 1942 erscholl.



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