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Sonntag, 28.11.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Motorradrennen für Zither, Hackbrett und Gitarre

Hinreißend: das Lanzinger Trio im Parktheater

Von Frank Heindl

Wenn das Lanzinger Trio nicht so gute Musik machen würde, könnte man in seine Konzerte auch einfach gehen, weil die drei Musiker ihre Liedtitel so schön erklären. Wie, beispielsweise, aus dem fröhlichen Kaugeräusch der kleinen Tochter ein „Antonowka Kolo im Apfelrhythmus“ wurde oder wie aus dem falsch verstandenen Angebot für einen Darjeeling Tee ein Gebäck namens „Datschi Lin-Dee“ entsteht und daraus dann ein verträumt-fesselndes Musikstück – einfach hinreißend.

Das Lanzinger Trio spielte im Parktheater. Von links Reinhard Schelzig, Komalé Akakpo und Jörg Lanzinger (Foto: Frank Heindl).

Das Lanzinger Trio spielte im Parktheater. Von links Reinhard Schelzig, Komalé Akakpo und Jörg Lanzinger (Foto: Frank Heindl).


Das Lanzinger Trio besteht aus Jörg Lanzinger (Zither), Komalé Akakpo (Hackbrett) und Reinhard Schelzig (Gitarre). Mit ihren der Volksmusik entstammenden Instrumenten machen die drei – nun ja, eigentlich schon Volksmusik: Im Programm finden sich Menuette, Walzer, Zwiefache und auch solche urtümliche Formen wie Schleuniger und Jodler. Allerdings entspricht das, was sich hinter diesen Etiketten verbirgt, dann nicht immer ganz konservativen Erwartungen. Dass Volksmusik in ihrem Verständnis nicht unbedingt einfach sein muss, zeigen die Musiker mitunter durch verblüffende Harmonie- und Tonartenwechsel. Und dass sie sich in ihrer Freizeit auch andere Stile anhören – das hört man an beinahe jedem Takt ihrer Musik.

AHDS, Periodensystem und Habagaukl

In „Captain Future sei Muadr“ etwa, vom Titel her Anspielung auf eine Trickfilm-Weltraumserie aus den 80ern, verstecken sich nicht nur mehrere „Segmüller-Canapés“ zum Ausruhen für die „Muadr“, die, so erklärt Komalé Akakpo das, heutzutage weniger in der Zukunft als vielmehr in der Altersteilzeit beschäftigt ist. Im Stück steckt auch ein hektisch schneller 8/8-Takt, der Raumfahrt-Feeling akustisch umsetzt. In „Jahrmarkt der Zeiten“ sind Jugenderinnerungen ans Alan Parsons Project musikalisch verarbeitet, im „Thüringer Waldzither Blues“ hat sich erkennbar eine Hommage an James Bond versteckt, und im „Geh’ma-Schweinauer“ steckt nicht nur Kritik an der Verwertungsgesellschaft GEMA, die den Musikern mal schlechtere, mal bessere Honorare auszahlt, sondern auch ein wunderbarer Zwiefacher. Im „Erziehungsheimer ADHS-Marsch“ gibt’s neben dem erwarteten Rabauken-Chaos eine kleine Gesangseinlage („Ritalin, Ritalin, aber schnell!“) und in „Kaliberg“ wird gejodelt. Und zwar was? Natürlich das Periodensystem, mit Betonung auf Halogenen und Erdkalimetallen. In der „Eismusik“ kommen Jazzeinflüsse zutage und der „Habagaukl“ – schwäbisch für Weberknecht – bewegt sich bei den Lanzingern im swingenden Walk-Rhythmus, dessen Bass die Zither übernimmt, während Hackbrett und Gitarre sich in wunderbarem Break-Wechselspiel austoben.

So viel Leichtigkeit, so viel Wohlklang

Schelzigs Gitarre dient im Trio „vor allem dem groove“, wie er selbst sagt, aber das ist dann doch deutlich untertrieben. Auch das Hackbrett erfreut durch sehr rhythmisch-perkussive Passagen. Die faszinierenden Zither-Soli sind oftmals sowohl von der Geschwindigkeit, als auch von Sound und Ausdruck her nur schwer von der Gitarre zu unterscheiden. Und Blue Notes bis hin zu rockigen Schlenkern steuern natürlich alle drei gehörig bei. So viele Saiten (alleine auf dem Hackbrett sind 169 davon gespannt), so viel Leichtigkeit, so viel Wohlklang, ohne je kitschig zu sein – das hört man selten. Und so viel charmanten Witz beim Zwischenmoderieren auch nicht. Klar, dass drei Zugaben gefordert und gegeben wurden. Glücklicherweise, denn sonst hätte man auf ewig rätseln müssen, wie sich wohl „die musikalische Umsetzung eines Motorradrennens der 125-ccm-Klasse“ anhört. Und man wäre bei seinem Vorurteil geblieben, dass man auf der Zither heutzutage alles spielen kann, nur bitte nicht den allzu abgenudelten „Harry Lime Cha-Cha“. Siehe da: Sogar der kam noch als origineller Hörgenuss daher.

» Die Website des Lanzinger Trios

» Das Lanzinger Trio in einem Fernsehbeitrag von atv