DAZ - Unabhängige Internetzeitung für Politik und Kultur
Montag, 20.09.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Mitreißender Grusel für Jung und Alt

Hauffs „Das kalte Herz“ als Weihnachtsstück am Theater Augsburg

Von Frank Heindl

Dass Reichtum unglücklich macht, dass der Schuster bei seinen Leisten bleiben soll und der Köhler in seinem Wald, das hat man den Kindern seit jeher erzählt. Ob’s stimmt oder ob das nur Ammenmärchen sind, mit denen „die da oben“ sich vor „denen da unten“ ideologisch absichern möchten? Und ob die Zeiten momentan so sind, dass das nötig wäre? Ach Pustekuchen – das Stadttheater hat unter der Regie von Bettina Rehm aus Wilhelm Hauffs Kunstmärchen vom Anfang des 19. Jahrhunderts eine stimmige, gruselig-spannende und farbenprächtige Kindergeschichte gemacht.

Der Peter Munk (anfangs frech-pubertär: Thomas Kitsche) hat sein schmutziges Köhlerdasein gründlich satt. Wütend zieht er mit der Axt durch den Wald, kann, Sonntagskind, das er ist, mit einem Zauberspruch das Glasmännlein (Anton Koelbl) nicht nur hervorlocken, sondern auch zur Herausgabe von ein paar Beuteln Geldes überreden. Doch das reicht nicht lang, Schulden und der Amtmann drohen, nun muss Peter beim bösen Holländer-Michel Geld leihen.

Zu Anfang ermöglicht Peters plötzlicher Reichtum noch ein paar lustige Tänzchen (von links Philipp von Mirbach, Edith Konrath, Alexander Darkow/Thomas Kitsche, Sarah Bonitz) …

Zu Anfang ermöglicht Peters plötzlicher Reichtum noch ein paar lustige Tänzchen (von links Philipp von Mirbach, Edith Konrath, Alexander Darkow/Thomas Kitsche, Sarah Bonitz) …


An der rigiden Märchenmoral, dass das Streben nach Materiellem die Menschlichkeit zu kurz kommen lässt, mag vieles dran sein, und Hauff demonstriert das an Peter Munk Exempel durchaus drastisch. Zwar hat der sich vom Glasmännlein auch noch gewünscht, er möge besser tanzen können, als der Tanzbodenkönig (Alexander Darkow), zwar führt das zu einer vergnügten Szene, in der Peter nicht nur bei Volkstanz und Tango mithalten kann, sondern beim Gangnam-Style letztlich den Sieg davonträgt. Doch während er feiert und die Mutter (Edith Konrath) vor Freude fast ausflippt, geht der Held pleite – kaum eine Weile Hochgenuss im Turbo-Kapitalismus, da schlägt schont die Kälte der Finanzwelt zu.

Der Kredithai will nicht Zinsen, sondern das Herz

… doch dann ist erst mal Schluss mit lustig: Der Holländer-Michel fodert Peter Munks Herz (Anton Koelbl und Thomas Kitsche). Fotos: Nik Schölzel.

… doch dann ist erst mal Schluss mit lustig: Der Holländer-Michel fodert Peter Munks Herz (Anton Koelbl und Thomas Kitsche). Fotos: Nik Schölzel.


Nun steht Peter beim Kredithai Holländer-Michel in der Kreide (ein Rasta-Rübezahl, groß, bedrohlich, düster: Martin Herrmann), und der berechnet keine Zinsen, sondern nimmt Herzen in Zahlung. Diese Art von Organspende funktioniert nicht ganz schmerzfrei, doch das Ergebnis ist noch schlimmer: Reich, aber unglücklich reist der Held nun um die Welt und wirft, zurückgekehrt, nicht nur seine verarmte Mutter hinaus, sondern erschlägt im Jähzorn auch noch seine bettlerfreundliche Frau (Naivchen, aber gutherzig: Sarah Bonitz) – ein Moment, in dem manches Kind im Publikum sich noch ein wenig enger an Mama und/oder Papa kuschelt.

Auch die Szenen im düster-dunklen, windbewegten Wald (Bühne und Kostüme: Grit Dora von Zeschau) sind durchaus schauerlich – doch gegen die bedrohliche Stimmung hilft immer wieder das Glasmännlein, das, einem guten Geist, wenn nicht gar dem lieben Gott gleich, von oben herab zuschaut und so daran erinnert, dass der Peter ja noch einen weiteren Wunsch frei hat. Im richtigen Leben soll ja des Öfteren der Kredithai die Oberhand behalten – doch die Moral des Genres sieht andere, kinderkompatible Lösungen vor.

Ein Weihnachtsreißer nicht nur fürs Zielpublikum

So wird am Ende alles gut und sogar die geliebte Lisbeth wieder zum Leben erweckt. Dank der farbenprächtigen Kostüme, der großen Spielfreude des Ensembles, der heiteren Nebenrollen (es sind noch Anton Schneider und Philipp von Mirbach als reicher Spieler Ezechiel und unterwürfiger Schlurker zu erwähnen), dank der eindringlichen, Klischees meidenden, Moll und Dur exzellent vermengenden Musik von Adrian Sieber, und schließlich dank einer ideenreichen Regie, die das Opulent-Düstere in ebenso opulenter Fröhlichkeit aufhebt und dadurch gerade noch den Spagat schafft zwischen bebender Spannung und der Hoffnung aufs Happy End, dank all dieser bestens gemischten Zutaten wird Hauffs Märchen in Augsburg zurecht ein Reißer zur Weihnachtszeit werden, geeignet durchaus nicht nur für die Zielgruppe, sondern auch für deren Eltern.