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Sonntag, 05.12.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

„Mit viel Leidenschaft dabei“

DAZ-Gespräch mit Dramaturgin und Schauspielern des „jungen team theaters“

Von Frank Heindl

Es ist fünf Uhr nachmittags. Im „Al teatro“ neben der Komödie ist’s noch ruhig, als Dramaturgin Maria Schneider und die Darsteller Sophia Brocker (20) und Benedikt Klonowski (19) zum DAZ-Gespräch eintreffen. In 75 Minuten beginnt das Warm-up für „Liebesspielzeug“ – ein vom „jungen team theater“ (jtt) selbst entwickeltes Stück, das an diesem Abend zum dritten Mal auf die Bühne kommen wird (die DAZ berichtete). Sophia Brocker heißt auch im Stück Sophia und hat gleich zu Anfang eine Szene, in der sie sich sehr echauffieren muss, weil sie einen Partygast beim „Stehpinkeln“ erwischt hat. Benedikt Klonowski heißt auf der Bühne „Bene“ und kommt im Laufe der Stücks seiner Angebeteten nur zögerlich nahe – sie ist ihm zu stürmisch. Die drei Interviewgäste sind entspannt und „gut drauf“, von Lampenfieber ist nichts zu spüren. Das Gespräch führte DAZ-Redakteur Frank Heindl am Dienstagnachmittag.

DAZ: Frau Brocker, Herr Klonowski, wie sind Sie zum jtt gekommen?

Brocker: Ich bin jetzt schon das vierte Jahr dabei. Ich hatte viel vom jtt gehört, und dann hab ich angerufen, und man gesagt, ich soll einfach vorbeikommen.

DAZ: Haben Sie vorher schon Schultheater gemacht?

Brocker: Ja, an der Realschule Neusäß.

Klonowski: Ich war am Leonhard-Wagner-Gymnasium in Schwabmünchen, hab dort über einen Freund vom jtt gehört und bin erst seit dieser Spielzeit dabei. Als ich mich zum ersten Mal anmelden wollte, war’s schon voll.

„Wir haben ’nen riesigen Andrang“

Schneider: Wir haben echt immer ’nen riesigen Andrang – wir könnten, wenn wir wollten, mit sechzig Leuten arbeiten.

DAZ: Und wie wählen Sie aus – gibt’s da ein Casting?

Schneider: Zum ersten Treffen kann jeder kommen. Dann fängt man so langsam an, sich anzunähern, mit Übungen, Improvisationen – da verabschieden sich dann einige schon wieder. Viele können schon aus Termingründen bei dem Projekt in der Komödie gar nicht mitmachen, weil das ja super zeitintensiv ist. Manche müssen Abitur machen oder andere wichtige Sachen – so fallen dann auch wieder welche raus. Aber tatsächlich ist der Andrang im Moment so groß, dass wir uns was überlegen müssen. Auf keinen Fall gibt es ein Casting – wir sind ja keine Kaderschmiede.

Brocker: Es gibt immer Leute, die sind am Anfang total verschüchtert und haben am Ende ganz viel Talent. Die müssen ja die Chance bekommen, sich zu entwickeln.

Schneider: Das Talent hat natürlich nicht jeder. Talent ist aber auch das falsche Wort für das, was wir am Theater brauchen. Das hat ganz viel mit Präsenz zu tun, mit ’ner beobachtenden und dadurch dann auch darstellenden Kompetenz: Wie gut nehme ich meine Umwelt war, um sie dann eben auch auf der Bühne darstellen zu können. Und es hat ganz wenig damit zu tun, dass jemand beim Schultheater gesagt hat, du hast Talent, weil du immer der bist, der den Obervampir spielt. Als Theaterpädagogin sage ich, es muss nicht jeder, der beim jtt mitmacht, mal Schauspieler werden oder Schauspieler werden wollen.

DAZ: Aber es gibt doch bestimmt einige, die wollen …

Brocker: Es gibt schon einige …

DAZ: Gehören Sie auch dazu?

Sophia: Naja, wenn’s klappen würde, wär’s schon toll …

„Die eigene Person zeigen“

DAZ: Nehmen denn manche zusätzlich Unterricht?

Schneider: Ich glaube, dass wäre der falsche Weg. Um auf ’ner Schauspielschule vorzusprechen, braucht man keinen persönlichen Coach. Da geht’s eher darum, dass man sich öffnen kann, dass man durchlässig ist, dass man auf der Bühne erstmal die eigene Person zeigen kann. Und dafür ist das optimal, was wir in dieser Spielzeit gemacht haben, weil man nicht gleich von der ganz großen Rolle ausgeht, sondern von einzelnen Situationen, von Gedanken zur Liebe. Und damit geht man dann auf die Bühne.

DAZ: Spielen die Schauspieler bei „Liebesspielzeug“ sich selbst?

Brocker: Nicht total, aber paar Anlagen sind auf jeden Fall drin. Das ist zwangsläufig so, weil das Stück ja aus Improvisationen entstanden ist – aber wir bringen unseren Charakter nicht eins zu eins auf die Bühne.

„Ich kann’s schon ziemlich impulsiv sein“

DAZ: Und bei Ihnen persönlich?

Brocker: Ich bin ja gleich in der ersten Szene sehr hysterisch – ich würde jetzt nicht sagen, dass ich in Wirklichkeit genauso bin, aber ziemlich impulsiv kann ich schon sein. Es gibt Aspekte von mir, die in der Rolle drin sind, aber das bin ich nicht zu hundert Prozent.

DAZ: Wie ist das bei Ihnen, Herr Klonowski?

Klonowski: Bei mir ist das ähnlich. Ein Großteil meiner Rolle bin schon ich, aber eben nicht ganz. Es gibt auch Leute, die sagen, sie haben im Laufe der Zeit den Charakter entwickelt, den sie darstellen.

DAZ: Frau Schneider, was ist denn Ihre Aufgabe bei dem Ganzen?

Schneider: Ich leite zwar die Theaterpädagogik am Stadttheater, komme aber aus der Dramaturgie. Bei „Liebesspielzeug“ standen beide Aspekte genau gleichwertig nebeneinander. Als Pädagogin gucke ich, dass die Gruppe sich wohl fühlt, dass es den einzelnen Leuten gut geht, dass sie betreut werden und eine Anlaufstelle haben. Als Dramaturgin bin massiv am Stück beteiligt gewesen, habe gemeinsam mit der Regisseurin Szenen entwickelt, geschrieben, umgestellt, Rhythmen verändert, eingestrichen und so weiter, bis dann letztlich dieser Abend raus gekommen ist.

DAZ: Wie lange hat das gedauert?

In den Pfingstferien jeden Tag Probe

Schneider: Wir haben im September angefangen mit wöchentlichen Proben, aber es hat ziemlich lange gedauert, bis wir in die Pötte gekommen sind. So eine Gruppe muss erst zusammenfinden – die Hälfte war neu, sodass man erst mal mit Grundübungen begonnen hat. Es gab dann so kleine Treffen, wo wir über die Liebe geredet, Stories gesammelt haben. Da kamen zum Beispiel die Geschichten mit der Zahnspange und mit dem Telefonat raus, die wir zunächst als Improvisationen gespielt haben. Im April waren wir, wie jedes Jahr, zusammen im Schullandheim in Herrsching, danach stand die Struktur des Stücks. Und dann kam schon die Endprobenphase – in den Pfingstferien jeden Tag.

DAZ: Und das geht so nebenbei? Was machen Sie denn sonst noch so?

Brocker: Ich habe vor zwei Wochen mein Fachabitur gemacht an der FOS. Das war zeitlich schon bisschen knapp zwischendrin, aber es hat einigermaßen funktioniert. Meine Noten habe ich allerdings noch nicht gesehen …

Klonowski: Ich hab Zivildienst gemacht und hatte das Glück, dass meine Urlaubszeiten genau so gelegen ha-ben, dass sich Arbeit und jtt nicht in die Quere gekommen sind.

Schneider: Wir gucken natürlich auch, dass wir die Termine langfristig vorher festlegen.

Brocker: Und es ist schon so, dass alle „jtt-ler“ mit sehr viel Leidenschaft dabei sind – deshalb klappt das dann auch.

Weitere Aufführungen von „Liebesspielzeug“ gibt’s am heutigen 18. sowie am 21. und 22. Juni und letzt-mals am 4. Juli. Zu sehen ist das Ensemble auch in der „jtt-Werkstatt“ am 27. und 28. Juli im Hoffmann-Keller.

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