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Dienstag, 04.12.2018 - Jahrgang 10 - www.daz-augsburg.de

Mit „Herz aus Gold“ stirbt das Stadttheater Augsburg

Am gestrigen Samstag ging mit der letzten Vorstellung des Musicals „Herz aus Gold“ die letzte Theater-Saison des Augsburger Stadttheaters zu Ende. Es handelte sich um eine künstlerisch überzeugende und um eine erfolgreiche Spielzeit der neuen Intendanz unter der Leitung von André Bücker, der mit dieser Saison die lange Ära des Augsburger Stadttheaters zu einem würdevollen Ende brachte. Das Stadttheater ist tot, es lebe das Staatstheater! Im September treffen wir uns im „Staatstheater Augsburg“. Der letzte Schrei des Stadttheaters: ein packendes Spektakel mit ergreifender Musik.

Von Dr. Helmut Gier

Packendes Spektakel: Herz aus Gold   Foto: © Jan-Pieter Fuhr

Während sich die Stadt selbst anläßlich ihres geschichtlichen Feiertags am 8. August mit dem multikulturellen Zusammenleben in der Gegenwart auseinandersetzt, schenkte nun das Theater Augsburg der einstigen Reichsstadt ein historisches Festspiel „Herz aus Gold“ zum 500. Jubiläum des Reichstags von 1518, des Verhörs von Luther durch Cajetan und der Wahl Kaiser Karls V.. Dass dieses historische Festspiel mit geradezu einer Apotheose des Reformators am Ende in Gestalt eines Fugger-Musicals daherkommt, bescherte der Verlebendigung des Goldenen Zeitalters der Reichsstadt 35.000 Zuschauer. In der letzten (ausverkauften) Vorstellung zeigte sich das Publikum begeistert: Leuchtstäbe schwenkend und zu stehenden Ovationen hingerissen, von dem, was auf der Freilichtbühne geboten wurde. Ein Projekt zu schaffen, das auf ganz eigene Weise in die Stadtgesellschaft hineinwirkt, ist Bücker auf überzeugende Weise gelungen.

Wie keine andere Persönlichkeit steht Jakob Fugger für die Glanzzeit der Augsburger Geschichte, als die Stadt die heimliche Haupttadt des Reichs war. Wenn mittlerweile sogar ein amerikanischer Journalist, der auch für das Wall Street Journal arbeitet, „the richiest man who ever lived“ entdeckt und glaubt, dass Fugger sogar Rockefeller und Bill Gates in den Schatten stellt, dann scheint eine solche Figur ja wie geschaffen, einmal Hauptfigur eines großen Augsburger Musicals zu werden.

Trotzdem bleibt es eine Herausforderung, die Persönlichkeit eines einflussreichen und kapitalkräftigen Geschäftsmanns, der vor über 500 Jahren gelebt hat, auf die Bühnen zu bringen, da uns die ökonomischen und politischen Voraussetzungen fremd geworden sind. Zuviele Schlacken der Geschichte stören die Identifikation. Das Musical „Herz aus Gold“ geht den Weg des klassischen „Biopics“, umfasst also mehrere Jahrzehnte im Leben Jakob Fugger von seiner Rückkehr aus Venedig 1487 bis zum Aufenthalt Luthers in Augsburg im Oktober 1518. Das bringt es mit sich, dass eine übergroße Fülle von Vorgängen und Ereignissen in dem Musical angetippt und in es hineingepresst wird: Bank- und Darlehensgeschäft, Engagement im Tiroler Bergbau, Finanzierung des kaiserlichen Hofs, Geschäfte mit der Neuen Welt, Ablasshandel und Reformation, zu denen Konflikte in der Stadtgesellschaft und in der Familie hinzukommen.

Doch setzt das Musical vor allem musikalisch ganz auf Herz und Schmerz, nämlich die unglückliche Beziehung zu den Sybilla senior und junior genannten Frauen, Mutter und Tochter. Jakob Fugger wird nicht nur als nüchterner Geschäftsmann vorgeführt, sondern auch als jemand, der seiner Jugendliebe die Treue gehalten hat, und als Heimkehrer aus der Fremde eine große Enttäuschung erlebt, als er seine Jugendliebe verheiratet mit einer Tochter wiederfindet. Die spätere Heirat mit dieser aus Vernuftgründen vermag ihn darüber nicht hinwegzutrösten. 

Durch die Betonung auf dem Liebes- und Ehekonflikt bekommt das Musical, vor allem im zweiten Teil, etwas Kammerspielhaftes, häufig sind nur ein oder zwei Personen auf der Bühne, so dass die Weite der ungemein stimmungsvollen Freilichtbühne oft zu wenig ausgenutzt wird. Immerhin bietet sie Raum für die gute alte Showtreppe. So entsteht insgesamt eine Mischung aus einem modernen Musical mit großen gefühlsbeladenen Songs, einer Spieloper und einem Historiendrama, dessen Sprache teilweise etwas gestelzt wirkt. Manche Szenen umweht der Hauch einer Mixtur von Pathos und Schulfunk.

Nachdem die kommerziellen Musiktheater aufgrund des hohen Kostendrucks schwächeln, schlägt seit geraumer Zeit die Stunde der hoch subventionierten staatlichen und städtischen Bühnen in dieser Gattung, vor allem wenn es darum geht, große Zuschauerzahlen zu erreichen. Den Zwang zum schlanken Produzieren merkt man aber auch dieser Aufführung auf der Freilichtbühne an.

Welche Chance zu einem großen Aufzug, eventuell sogar mit Pferden, und zur Prachtentfaltung hätte etwa die Ankunft der Reichstagsteilnehmer auf der Bühne vor dem Roten Tor geboten?! Stattdessen spaziert Kaiser Maximilian mutterseelenallein in die Stadt. An Mut zu Lokalpatriotismus sowie Fahnen und Wappen, da wären auch etwas mehr ‚pomp and circumstances‘ angebracht gewesen. 

Doch entfaltet sich immerhin ein packendes Spektakel, das von der eingängigen, zum Teil emotional ergreifenden Musik lebt. „Augsburg, Augsburg du herrliche Stadt“, singt der Chor zu Beginn. „Augsburg, Augsburg, du mächtiger Ort“. Das Stück hat Potential, es sollte weiterentwickelt werden. Es könnte zu dem Augsburg-Stück werden, auf das die Stadt nach verschiedenen (missglückten) Anläufen schon lange wartet. Auf jeden Fall ist es sehr zu begrüßen, dass das Musical nicht nach zwanzig Aufführungen wieder in der Versenkung verschwinden soll.



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