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Mittwoch, 04.08.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Michael Kohlhaas: Viel Klamauk und kein Tiefgang

Der literarische Prototyp des Kämpfers um Recht und Gerechtigkeit kann auf der Augsburger Brechtbühne nicht überzeugen

Von Halrun Reinholz

Erzählungen oder gar Romane auf die Bühne zu bringen ist mittlerweile eine häufig gepflegte Erscheinung (um nicht zu sagen Unart) an den Theatern. Die neue Spielzeit beschert Augsburg nun Michael Kohlhaas auf der Brechtbühne, sperrige Schullektüre um einen Mann, den der bedingungslose Gerechtigkeitssinn zu ungesetzlichen Taten treibt.



Nicht nur für Schüler ist die Gestalt des Kohlhaas schwer fassbar, auch das Wiederlesen im Erwachsenenalter fördert das Verständnis für die kompromisslose Haltung der Hauptperson kaum. Doch die Sprache, in der Kleist das vor zweihundert Jahren geschrieben hat, besticht und fasziniert auch heute noch. Sie bietet wohl auch Potenzial für die Bühne. Deshalb ist es nicht verwunderlich und prinzipiell richtig, dass Regisseur Ramin Anaraki auf deren Kraft vertraut, um das doch sehr epische Geschehen dramatisch zu entwickeln. Den vier Darstellern Helene Blechinger, Tjark Bernau, Florian Innerebner und Thomas Kitsche hat er keine Rollen zugeordnet. Sie sprechen den Text abwechselnd, wie bei einer Lesung, und schlüpfen dabei in verschiedene Rollen. Ein Kleiderständer ermöglicht die optische Umwandlung in die jeweilige Figur, inklusive Pferde. Der Ansatz ist zunächst noch nachvollziehbar: Wie im Improtheater wird der Text immer wieder verlassen, um das Geschehen szenisch und sprachlich frei darzustellen.



Für den Zuschauer ergibt sich daraus nicht nur ein (durchaus manchmal verwirrender) Perspektivwechsel, sondern auch die abrupte Änderung der Sprachebenen bis hin zu zeittypischer Fäkalsprache. Wohl dem, der seinen Kleist gut im Gedächtnis hat, denn aus dem Bühnengeschehen lässt sich der Handlungsverlauf oft nicht ohne weiteres erschließen. Auflockernde Elemente wie das Pferde-Spiel der Darsteller sorgen zwar für Lacher, bleiben aber Klamauk und zeigen keine Perspektiven im Handlungsverlauf. Auch der Kinderchor, der anfangs vielversprechend sowas wie “Himmel und Hölle” spielt, verliert im weiteren Verlauf seine Wirkung als Handlungsbegleiter und wird zur reinen Dekoration. Durchgehend fehlt bei allem hektischen Geschehen auf der Bühne ein roter Faden. Ein fester Hauptdarsteller des Kohlhaas hätte so etwas sein können, um diesen wäre wechselndes dramatisches Geschehen wohl nicht so negativ aufgefallen, weder perspektivisch noch sprachlich. So wurde aus dem Kohlhaas letztlich nichts als ein trotziger Junge in kurzen Hosen, der zum Schluss gebetsmühlenartig und exzessiv in allen Tonlagen “Ich will meine gesunden und wohlgenährten Pferde wiederhaben” von sich gibt. Das lebende Pferd auf der Bühne ist dabei ein weiterer Gag ohne tieferen Sinn. Hervorragend allerdings die Leistung der Schauspieler, die die Gelegenheit nutzen, viele Facetten ihres Könnens zur Schau zu stellen, inklusive langer Textpassagen des Originalwerks. Ob sich Kleists Kohlhaas zur Bühnendarstellung eignet, ist zweifelhaft genug. Dieser Versuch kann jedenfalls nicht überzeugen.

Fotos: Eckhart Matthaeus