DAZ - Unabhängige Internetzeitung für Politik und Kultur
Samstag, 18.09.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

„Manchmal darf man auch Arschloch sagen, wenn es die Wahrheit ist“

Zwei Frauen besuchen einen Schreibkurs in der Volkshochschule und machen danach etwas, wovon sie schon immer geträumt haben: sie schreiben einen Roman. Das ist kein Blondinen-Witz, sondern Realität. Es handelt sich um einen Plapper-Roman, der besser nie erschienen wäre.

Von Siegfried Zagler



Als einer der größten Ich-Erzähler des 20. Jahrhunderts seinen ersten Roman geschrieben hatte und einen Verleger fand, ging er im Paris der 30er Jahre jeden Tag an einer Buchhandlung vorbei, die diesen Roman ins Schaufenster gestellt hatte. Er wollte sich täglich vor Augen halten, dass er mehr ist als ein mittelloser Nobody, der die meiste Zeit damit beschäftigt war, nicht zu verhungern. Henry Miller ging in jenen Jahren oft nachts auf die Straße, um zu betteln, und zwar meist dorthin, wo das Publikum aus einer Musiktheater­vor­stellung strömte. Was immer Menschen dazu treibt, sich dem anstrengenden Prozedere des Schreibens zu unterwerfen: Selbstvergewisserung gehört immer dazu.

Zwei Frauen lernen sich im Kindergarten ihrer Kinder kennen und besuchen gemeinsam einen Schreibkurs der Augsburger Volkshochschule, um danach ein Projekt zu starten, von dem beide immer geträumt haben: sie schreiben einen Roman. Das ist kein Blondinen-Scherz aus der Feder Henry Millers, sondern tatsächlich geschehen. „22.44 schwindelfrei unterwegs“ von Gisa Feldmayer und Andrea Schmied ist im „Der Kleine Buch Verlag“ erschienen und liegt zum Beispiel im Schaufenster der Buchhandlung am Obstmarkt aus. Kurt Idrizovic hat das Projekt zu Beginn unterstützt und er fördert es heute noch, indem er Feldmayer und Schmied in Sachen PR zur Seite springt. Besser wäre es gewesen, Idrizovic hätte den beiden Frauen davon abgeraten, das Buch zu schreiben.

Valeska Kammermeyer wird auf ihrer Hochzeit von „ihrem Adam“ sitzen gelassen, zieht anschließend mit 36 Jahren in eine Wohngemeinschaft und findet schließlich zu ihrem Mann der Träume. Dazwischen geht es um die „kleinen, alltägliche Dinge im Leben“, die schwierig zu bekommen sind, also „Jeans, die auf Anhieb passen und eine gute Figur machen, Lippenstift, der sich nicht im Lauf eines Vormittags unschön in all die kleinen Fältchen der Lippen setzt, und eine Parklücke, in die sich das Fahrzeug beim ersten Versuch rückwärts einparken lässt.“

So beginnt ein „Roman“, der literarisch nicht ganz so tief hängt wie die Loeb-Krimis, aber dennoch zweifelsfrei zur Kategorie „unlesbare Literatur“ gehört. Außer dem permanenten Begleitton „Alles wird gut“ kaum Subtext, aber jede Menge Klischees, die von Klischees unterfüttert werden, und nichts davon führt in einen zwielichtigen oder erhellenden Bereich. Die Ich-Erzählerin stolpert von einer Situation in die andere, ohne dabei mehr sein zu wollen als ein „typisches Ich“. Es geht um Weihnachten, beste Freundinnen, Liebeskummer, To-do-Listen, um Torschlusspanik und natürlich ums Essen und ums Einkaufen.

Falls es das Genre „Frauenliteratur“ geben sollte, dann ist dieses Buch das Klischee eines Phänomens, das Marcel Reich-Ranicki einst „geschlechts­spezifischen Unsinn“ nannte. Wollte man dem Buch etwas Gewinnendes abringen, könnte man versuchen, es als Parodie auf geschlechts­spezifi­schen Unsinn zu lesen. Einige Passagen geben diese Lesart zumindest ansatzweise her: „Was soll ich denn erzählen, wenn ich dieses dämliche Warum selbst nicht wusste und es niemand anderer mir erklären konnte? Pippa hatte damals etwas gesagt, um mich aufzufangen: ‘Er ist so ein Arschloch. Und das war er wahrscheinlich schon immer und du hast es bloß nicht bemerkt.’ – Manchmal darf man auch ARSCHLOCH sagen, wenn es die Wahrheit ist.“

Die Ich-Erzählerin plappert sich den Schmerz von der Seele und hört damit nicht mehr auf, bis „alles gut ist“.

22.44 schwindelfrei unterwegs

von Gisa Feldmayer & Andrea Schmied

Roman, 305 Seiten, 14,95 €

ISBN: 978-3-942637-17-6