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Samstag, 04.12.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

„Man greift nur denjenigen an, der den Ball hat“

Interview mit Richard Goerlich

In die Augsburger Kulturszene ist Bewegung gekommen. Aber es ist nicht die Ersatzspielstätte für das Stadttheater im Anflug, sondern ein neues Jugendfestival im Rahmen der Frauenfußballweltmeisterschaft im kommenden Jahr. Der programmatische Arbeitstitel: „Modularge“ ist selbsterklärend. Eine Kreuzung zwischen zwei hoch akzeptierten Marken im Augsburger Festivalsektor: X-Large und Modular. Nach der Vorstellung der Pläne sind die Projektentwickler der neuen Marke schwer in die Kritik geraten, allen voran der Popkulturbeauftragte der Stadt Augsburg, Richard Goerlich, der im DAZ-Interview mit zwei großen Denkern der Kulturgeschichte kontert: Boris Groys und Bruce Lee.

Richard Goerlich: "Für mich gibt es kein altes und neues Konzept"

Richard Goerlich: "Für mich gibt es kein altes und neues Konzept"


DAZ: Herr Goerlich, Sie stehen derzeit aufgrund des veränderten Modularfestivals unter Beschuss. Die DAZ reicht Ihnen den kernigsten Kritikpunkt unverblümt weiter: Wurde das Modularfestival, einem gelungenen Rahmenprogramm der Frauen-WM zuliebe, durch einen auf oberflächliche Effekte abzielenden Event ersetzt?

Goerlich: Ich wundere mich ein bisschen: Niemand außer dem WM-Büro und seinen Mitarbeitern sowie dem WM-Steuerungskreis kennt den aktuellen Stand des neuen, von mir und meinem Team konzipierten WM-Rahmenprogramms. Niemand außer mir, Kulturreferent Grab und dem Stadtjugendring weiß, was genau das Modularkonzept sein soll, bis auf die Tatsache dass wir Open Air gehen wollen. Trotzdem wird in der Stadt gemutmaßt und es werden Gerüchte gestreut, dass sich die Balken biegen. Wir haben mit der Pressekonferenz am vergangenen Montag aus Gründen der Transparenz ein Update zum aktuellen Planungsstand gegeben – mehr nicht. Den Rest entscheiden doch ohnehin Ausschüsse und Stadtrat!

DAZ: Der Stadtjugendring hat vom Stadtrat ein anderes Konzept des Modularfestivals genehmigt bekommen. Ist es nicht ein wenig „wild drauf los marschiert“, ohne politisches Mandat eine dergestalt gravierende Umgestaltung vorzunehmen und das Festival mit einer anderen Leitung auszustatten?

Goerlich: Den ersten Teil der Frage müssen Sie dem Stadtjugendring stellen. Aus meiner Sicht: Workshops und Partizipation verbleiben und werden mit dem neu gegründeten Jugendhaus-Kombinat sogar gestärkt! An anderer Stelle wird halt was verändert. Was ist daran denn so schlimm? Fanden denn wirklich alle das Modular, so wie es war, einhundertprozentig super? Ich habe eine Menge anderer Stimmen gehört. Zudem frage ich mich, warum in der Augsburger Kulturlandschaft immer negativ antizipiert wird, anstatt mal zu sagen: Mensch, da sind ein paar neue Köpfe im Spiel, schauen wir mal was die drauf haben! Könnte ja sogar gut sein!

DAZ: Ist das neue Konzept der Frauen-WM geschuldet? Anders gefragt: Geht Modular nach 2011 wieder zum alten Konzept zurück?

Goerlich: Wie gesagt –für mich gibt es kein altes und neues Konzept. Es gibt Vorschläge für Modifikationen und Verbesserungen. Diese und die Open-Air-Veranstaltungen sollen bleiben, solange wir dies vom Stadtrat genehmigt bekommen. Dies gilt  für 2012 und auch für 2013. Es ist doch ein gutes Zeichen der Politik, dass es weiterhin ein solches Festival mit einem starken städtischen Zuschuss geben soll. Ich kenne Städte, da wurde zuerst an Jugend- und Popkultur gespart! In Augsburg nicht – gute Sache, oder etwa nicht? Man verzichtet sogar darauf, dass man es aus Gründen politischer Eitelkeit umbenennt und bestärkt die Marke Modular. Warum sagt denn niemand mal: Das ist doch ein positiver Schachzug, gut für Augsburg!

DAZ: Welche konzeptionellen Leitlinien verfolgt das 2011er Modular denn nun genau?

Goerlich: Auch diese Frage gebührt eigentlich dem Stadtjugendring und dem neuen künstlerischen Leiter. Aus meiner Sicht: Partizipation, hohe künstlerische-popkulturelle-jugendkulturelle Qualität, größere Zielgruppenansprache, ein Festival für alle. Oder, um es mit dem Kunsttheoretiker Boris Groys zu sagen: „Die Grenze zwischen Hochkultur und Massenkultur aufzuheben bedeutet nicht länger, vor der Massenkultur zu kapitulieren, sondern einen Mittelweg zu finden, der erlaubt, oberflächliche Unterhaltung ebenso zu vermeiden wie elitäre Wirkungslosigkeit.“ Das ist der Plan!

DAZ: Boris Groys klingt gut. Ein anderer Plan verlangt andere Köpfe. Ist Sebastian Kochs deshalb ausgebootet worden?

Goerlich: Wir alle würden gerne mit Kochs, dem höchster Respekt für seine Arbeit gebührt, weiterarbeiten und haben die Position des künstlerischen Leiters nie als Ausbootung verstanden. So jemand gab es mit Markus Mehr im ersten Modularjahr schließlich auch. Ich verstehe deswegen das ganze Gezeter nicht. Stefan Sieber ist ein national angesehener Künstler, ein finanziell unabhängiger, erfahrener und offener, herzensguter Mensch, der Augsburg in diesem Bereich nur gut tun kann. Es tut mir leid für ihn, dass er so in die Schusslinie geraten ist. Augsburg sollte sich freuen, dass sich ein so hochkompetenter Mann für die Sache engagiert.

DAZ: Wie erklären Sie sich die Anfeindungen aus einem Teil der „Szene“ und der Rathausopposition?

Goerlich: Ich sehe das sportlich und zitiere in diesem Falle Bruce Lee: „Wenn du kritisiert wirst, dann musst Du irgend etwas richtig machen. Denn man greift nur denjenigen an, der den Ball hat.“ Zudem bekomme ich stark positives Feedback aus vielen, vielen anderen Teilen der „Szene“, so dass ich jeden Tag mit sehr viel Freude an meine Arbeit gehe. Angriffe unter der Gürtellinie ignoriere ich. Jeder in Augsburg, der mit mir zusammenarbeitet, weiß, dass ich diese Arbeit sehr ernst nehme und meine Entscheidungen und Projekte immer fundiert begründe und theoretisch hinterlege.

DAZ: Herr Goerlich, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview fand per zeitnahen Mailaustausch statt.

Fragen: Siegfried Zagler