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Dienstag, 04.12.2018 - Jahrgang 10 - www.daz-augsburg.de

„Mama, Papa, geht nicht weg“

„Die Apotheke im Krakauer Ghetto“ von Tadeusz Pankiewicz ist ein Buch von einer ungeheuerlichen Dimension. 57 Jahre nach der polnischen Erstveröffentlichung ist durch das Engagement von Jupp Schluttenhofer eine Neuauflage erschienen. Pankiewicz übernahm als junger Pharmazeut die seit 1909 bestehende väterliche Apotheke, die er durchgängig bis 1951 führte. Er konnte den Betrieb der Apotheke „Pod Orlem“ (zum Adler) während der Zeit des Krakauer Ghettos aufrechterhalten – und wurde so zu einem Kronzeugen der Vernichtungsmaschinerie des NS-Regimes.

Von Dieter Ferdinand

Tadeusz Pankiewicz mit seinen Mitarbeiterinnen (v.l.) Helena Krywaniuk, Aurelia Danek und Irena Drozdzikowska – Foto: © Historical Museum ofe the City of Kraków

Wer von der Krakauer Stadtmitte nach Süden fährt oder läuft, betritt das jüdische Viertel Kazimierz mit seinen sieben Synagogen. Dort spielt sich auch heute wieder buntes jüdisches Leben ab: Musik, Theater, ein aktives jüdisches Kulturzentrum, ehemalige Synagogen mit verschiedenen kulturellen Schwerpunkten. In zwei von ihnen werden heute noch Gottesdienste gehalten. Die älteste frühere Synagoge ist an einem schönen Platz zu finden und ein informatives historisches Museum. Der Platz fällt schon etwas ab nach Süden in Richtung Visla (Weichsel). 

Wer zu Fuß, mit Bus, Straßenbahn oder Auto die Visla überquert, gelangt in den Stadtteil Podgórce. Hier errichteten die Nazis 1941 ein jüdisches Ghetto. Mitten im Ghetto befand sich am „Friedensplatz“ die Apotheke Pod Orlem (Zum Adler). Ihr Besitzer, der Pharmakologe Tadeusz Pankiewicz, hatte sie 1933 von seinem Vater übernommen. Als einziger nicht jüdischer Bewohner erhielt er von den Nazis eine Sondergenehmigung, die Apotheke weiter zu betreiben und dort auch zu wohnen. Einen Passierschein erhielten die drei polnischen Krankenschwestern, die außerhalb des Ghettos wohnten.

Krakauer Ghetto-Mauer 2006 © Dieter Ferdinand

Die erste perfide Tat der Nazis bestand darin, dass sie Krakauer Juden zwangen, die Ghettomauer im Stil jüdischer Grabdenkmäler zu errichten. Sie zog sich in Ost-West-Richtung parallel zur Visla. Auch der in Krakau geborene Augsburger Ehrenbürger und Zeitzeuge Mietek Pemper (1920 – 2011) lebte im Ghetto und berichtete darüber in einem Kapitel seines Buches „Wie es zu Schindlers Liste kam“; früherer Titel: „Der rettende Weg“. Pankiewicz wurde – wie er schreibt – Zeuge „der furchtbaren Verbrechen und der ständigen Verletzungen der Menschenwürde durch die Besatzer. Das Ghetto umfasste etwa 320 Häuser mit zirka 16.000 Einwohnern“ (S. 27). Die Menschen wurden geschlagen und misshandelt. Sie „begannen, sich daran zu gewöhnen, die wilden Exzesse als natürlich und gegeben anzusehen“ (S. 41).

Im Ghetto entstanden Krankenhäuser, Altenheime, eine jüdische Post, eine Badeanstalt und ein Tanzcafé. Im Haus der Apotheke fand ein geheimer Unterricht in Judaistik statt, wertvolle Torarollen wurden versteckt, es gab viele Gesprächskreise. Die Mitarbeiterinnen brachten die Untergrundpresse mit.

Bald wurden alte Menschen verspottet, misshandelt und ermordet, die ersten Kinder im Heim erschossen. Später wurden die Kinder von den Eltern getrennt und die Eltern abtransportiert. Die Kinder hielten sich am Stacheldraht fest: „Mama, Papa, geht nicht weg, lasst mich nicht hier, nehmt mich mit“ (S. 212). Die meisten wurden erschossen, viele aber auch versteckt. Durch mancherlei Mittel gelang es Pankiewicz, die Menschen aufzurichten und viele zu retten. Die Apotheke wurde zum Anlaufpunkt und zum Zentrum des helfenden Wirkens. Das führte auch dazu, dass diejenigen, die in den Tod abtransportiert wurden, aufrecht gingen: „Ich habe kein Betteln gehört, ich habe kein Weinen gesehen. Dem Tod wurde ruhig ins Auge gesehen, mit Resignation, aber auch mit Stolz. Die Deutschen schafften es nicht, ihre Opfer in Angst oder um Mitleid wimmern zu sehen“ (S. 220). 1943 wurden die wenigen noch Lebenden in die KZs Plaszów südlich von Krakau, nach Treblinka und Auschwitz deportiert.

Tadeusz Pankiewicz schrieb 1946/47 „unter Schmerzen“ auf, was er im Ghetto erlebt hatte. Seine Erinnerungen erschienen erst 1960 vollständig in der polnischen Sprache. Er gab vielen Ermordeten ihre Namen zurück und benannte zahlreiche polnische Helfer. Er veröffentlichte die Namen der Täter und sagte bei den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen aus. 1983 wurde Tadeusz Pankiewicz mit dem israelischen Ehrentitel „Gerechter unter den Völkern“ ausgezeichnet. Er hielt auch nach dem Krieg Kontakt mit Überlebenden in England, den USA und vor allem in Israel. 1993 starb er 85jährig in Krakau. Die erste deutsche Ausgabe in deutscher Sprache von 1995 erlebte er nicht mehr. Sie wurde in vielen Zeitungen sehr positiv besprochen. Trotzdem druckte der damalige Verlag keine weitere Auflage.

Bei einem Bericht über eine Reise nach Krakau 2017 schilderten Sprachgestalterinnen vom Sprachseminar München, was Tadeusz Pankiewicz in der Zeit des Ghettos erlebt hatte. Der Mediator und Immobilien-Fachmann Jupp Schluttenhofer aus Friedberg bei Augsburg war von den Berichten so betroffen, dass er eine Lizenz zum Nachdruck des Buches „Die Apotheke im Krakauer Ghetto“ beantragte. Diese Bemühung hatte Erfolg, und mit Hilfe von Darlehensgebern wurde ein Reprint gedruckt. Schon bei der ersten deutschen Auflage 1995 schrieb Ignatz Bubis, damals Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, das Vorwort, und der frühere Jerusalemer Oberbürgermeister Teddy Kollek steuerte ein Geleitwort bei. Beide Beiträge sind im Nachdruck zu lesen. Ebenso zu finden ist ein Ausschnitt aus Thomas Keneallys Buch „Schindlers Liste“.

In der Apotheke wurde in den 80er Jahren am heutigen Plac Bohaterów (Heldenplatz) ein Museum eingerichtet. Dort finden sich Gegenstände und Geräte einer alten Apotheke. Vor allem aber dokumentiert das Museum das Martyrium der Ghettobewohner und das helfende Wirken des Apothekers.

Heute, da Leugnung des Holocaust, Antisemitismus und Angriffe auf jüdische Menschen und Einrichtungen zunehmen, ist das Buch ein wichtiger Beitrag zur Wachsamkeit, gegen das Vergessen und für die Gestaltung einer friedvollen Zukunft.

Tadeusz Pankiewicz – Die Apotheke im Krakauer Ghetto – 286 Seiten – 25 Euro – © Jupp Schluttenhofer – Friedberg 2017

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Zum Autor: Dieter Ferdinand saß 24 Jahre für die Grünen im Augsburger Stadtrat (1990-2014). Von 2002 bis 2008 war er Fraktionschef der Grünen und gehörte somit in der Regenbogen-Ära zu den großen Aktivposten der politischen Stadt. Von 1979 bis 1985 zählte er zu den Machern des linksalternativen Stadtmagazins „Podium“.

 



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