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Freitag, 08.10.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Macht und Ohnmacht des Bankers

Ibsens „John Gabriel Borkman“ als erste Stadttheater-Premiere der Saison

Von Frank Heindl

Es wäre zu einfach gewesen, sagte Intendantin Juliane Votteler im Anschluss an die Premiere, Henrik Ibsens Schauspiel von 1896 über den gescheiterten Banker John Gabriel Borkman mit DAX-Kurven und Kurszetteln zu aktualisieren. Könnte aber auch sein, dass genau dies dem Drama nicht nur mehr Aktualität, sondern auch mehr Spannung verliehen hätte.

Spricht hier jemand von Glück? Dafür haben John Gabriel Borkman (Martin Herrmann) und Ella Rentheim (Klara Höfels) nur überhebliches Grinsen und schrilles Lachen übrig).

Spricht hier jemand von Glück? Dafür haben John Gabriel Borkman (Martin Herrmann) und Ella Rentheim (Klara Höfels) nur überhebliches Grinsen und schrilles Lachen übrig).


John Gabriel ist gescheiterter Banker. Er hat das Geld seiner Kunden veruntreut, Armut über Tausende gebracht und zusätzlich Ruf und Ehre seiner Familie zerstört. Er ist im Gefängnis gelandet und nach Hause zurückgekehrt – wo er seit acht Jahren isoliert und ohne Kontakt zur Familie haust, während eine Etage unter ihm seine Frau Gunhild (Eva Maria Keller) und der gemeinsame Sohn Erhart leben. Bewegung kommt in die verhärteten Verhältnisse, als Gunhilds Schwester Ella auftaucht. Sie hat Erhart viele Jahre lang erzogen, bevor die leibliche Mutter ihn zurückholte – nicht aus Mutterliebe, sondern um ihn für seine „Mission“ zu erziehen, die Familienehre wieder herzustellen.

Ella ist todkrank und will Erhart wieder haben, um die letzten Monate nicht alleine verbringen zu müssen. So jedenfalls kann man es bei Ibsen verstehen. In Ramin Anarakis Version für die Augsburger Brechtbühne allerdings ist auch Ella eine von Neid, Hass und Rachegelüsten zerfressene Egoistin, die alle menschlichen Beziehungen in den Dienst ihrer Ziele stellt – wie alle Borkmans. Klara Höfels spielt diese Schwester als zynische, sarkastische, aber auch tief verletzte Mittäterin, die zwischen Mitleid und Verachtung so schnell wechselt, dass man ihr weder diese noch andere Gefühle mehr abnehmen mag – trotz zitternder Unterlippe und bebender Stimme strahlt sie eine beeindruckende Eiseskälte aus. Der Banker Borkman (Martin Herrmann zwischen gequälter Einsamkeit in unbewusstem Flüstern und grölendem Machtwahn) hat Ella einst geliebt, hat sie aber dann doch einem überlassen, der seine Karriere förderte – und stattdessen die Schwester geheiratet. Um ihren Ziehsohn Erhart kämpft Ella vor allem, um Borkman zu bestrafen und Gunhild, wenn schon nicht den Mann, so diesmal doch den Sohn wegzunehmen.

Der Sohn soll für „Reputation“ und „Rehabilitierung“ sorgen

Erhart (Thomas Kitsche) wird den Vater versuchsweise vom Podest stoßen – aber dann doch mit Fanny (Stefan Drücke) das Weite und das Glück suchen (Fotos: Nik Schölzel).

Erhart (Thomas Kitsche) wird den Vater versuchsweise vom Podest stoßen – aber dann doch mit Fanny (Stefan Drücke) das Weite und das Glück suchen (Fotos: Nik Schölzel).


Doch für Gunhild und John Gabriel ist der Verlust des Sohnes hinnehmbar – benötigen sie ihn doch ebenfalls nur, um ihre eigenen Zwecke zu verfolgen. Die Mutter (Eva Maria Keller lässt in Gunhilds gespielter Zuversicht die blanke Existenzangst aufflammen) erhofft Wiederherstellung ihrer „Reputation“ durch den wirtschaftlich-gesellschaftlichen Wiederaufstieg Erharts, der Vater will ihn zum Kompagnon seiner „Rehabilitierung“ machen, seines erneuten Aufstiegs zu Kapital, Macht und Ehre. Beide Pläne gehen nicht auf, denn Erhart (Thomas Kitsche, zunächst fast zu hübsch, später kaum mehr Ich, nur noch Produkt von Zwängen und selbst in der verzweifelten Flucht unfrei Getriebener) entflieht in spätpubertär anmutender Auflehnung mit Fanny. Aus dieser Verführerin hat Anarakis Regie den Ernstfall elterlicher Toleranzüberforderung gemacht hat: Sie (Stefan Drücke) ist ein Transvestit, Mann in Frauenkleidern und damit radikale Absage Erharts an Ehrbegriffe und bürgerliche Welt der Eltern wie auch an „männliche“ Macht über Welt und Familie.

Bühnenbildner Marc Bausback hat die Bühne, dem heruntergekommenen Status der Borkmans angemessen, lediglich mit Plastikkisten ausgestattet. Nach hinten begrenzt er den Raum mit einer verspiegelt-durchsichtigen Wand. Sie lässt die abwesend Beteiligten im Hintergrund schemenhaft anwesend und verantwortlich bleiben, während sie von vorn gesehen die aktiven Akteure zur Kenntlichkeit verzerrt: zu buckeligen Hexen, zu hässlichen Fratzen.

Die Dimension des Heute fehlt in Anarakis Inszenierung

Was aber soll das Ganze? Während die derzeitigen wirtschaftlichen Umbrüche die Frage evident machen, ob die sogenannten „Macher“ noch Herren ihrer Taten sind, ob Macht und Ohnmacht nicht zwei Seiten derselben Medaille namens Globalisierung sind, konnte Ibsen noch Menschen als Verursache von Tragödien zeigen. John Gabriel Borkman hätte im 19. Jahrhundert die Entscheidung treffen können zwischen Gut und Böse, zwischen Unterschlagung und Ehrlichkeit. Die aalglatten Alphatiere der Gegenwart vom Schlage eines Josef Ackermann, die gruseligen Patriarchen à la Ferdinand Piëch mögen dasselbe von sich behaupten – doch kaum einer mag glauben, dass in ihren Entscheidungen moralische Kriterien noch vorkommen. Diese Bezüge zu zeigen, wäre – im Gegensatz zu Juliane Vottelers Behauptung, nicht einfach, vor allem aber nicht zu einfach gewesen. Mit der Frage, was Deutsche Bank und VW, was Ackermann und Piëch mit Borkman zu tun haben, mit mehr Bezug zum Heute jedenfalls hätte Ibsens Familientragödie eine Dimension erhalten, die ihr in der gezeigten Version trotz großer schauspielerischer Leistungen fehlt. Viel Applaus.