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DAZ - Unabhängige Internetzeitung für Politik und Kultur
Dienstag, 04.12.2018 - Jahrgang 10 - www.daz-augsburg.de

Macht ein gutes Theater und scheitert daran, wenn es sein muss

Warum die künstlerische Weiterentwicklung des Augsburger Stadttheaters möglich ist

Kommentar von Siegfried Zagler

Das Augsburger Stadttheater befindet sich seit Jahrzehnten in einer Relevanzkrise. Es gibt weder soziale noch künstlerische Messlatten dafür, was und wie viel das Theater in Augsburg in der Vergangenheit in Sachen Aufklärung, Bildung und humanistischer Sensibilisierung für die Stadtgesellschaft geleistet hat. Doch darum scheint es offenbar nicht zu gehen. Wichtiger scheint vielmehr die Haltung, dass sich eine Stadt in der Größenordnung Augsburgs ein Theater leisten muss – was immer es auch leistet.

Das Brecht-Wort, dass man das Augsburger Stadttheater aus künstlerischen Gründen schließen sollte, hat im Grunde wenig an Aktualität verloren. Seit 40 Jahren, also von Stromberg über Thoma, Baumgardt und schließlich von Peters bis Votteler lieferten die wechselnden künstlerischen Leiter des Augsburger Stadttheaters ihrem Abonnenten-Publikum auf den Punkt genau, was es von ihnen erwartete. Natürlich gab es zwischendurch mal eine Dekonstruktion, einen Skandal oder eine in der Abweichung von der Norm künstlerisch herausragende Arbeit, doch von der unausgesprochenen kleinbürgerlichen Erwartungshaltung einer gehobenen Abendunterhaltung wich das Augsburger Stadttheater selten ab. Dem 12. Augsburger Intendanten (seit 1945) stünden dafür nun viele Türen offen. Das Große Haus mit knapp 1.000 Plätzen muss nicht gefüllt werden. André Bücker könnte jenseits aller Mainstream-Zwänge ein neues Augsburger Stadttheater erschaffen. Ein Stadttheater, das nicht zuvorderst den Publikumsgeschmack bedient, sondern sich ein Publikum schafft, das von einem Theater mehr erwartet als die ewige Wiederkehr der bürgerlichen Selbstvergewisserung mittels einer verbrauchten Ästhetik.

Auch ohne großes Haus wird André Bücker das Theater in Augsburg nicht neu erfinden. Dazu fehlt ihm nämlich (noch) das Publikum, womit wir bereits beim größten Manko der Augsburger Theaterlandschaft sind. Ein gutes Theater braucht ein gutes Publikum, braucht ein starkes Feuilleton, eine gewaltige Kritik und natürlich besessene Künstler. Ein gutes Theater kann in Augsburg nur dann ein gutes Theater sein, wenn es alte Zöpfe abschneidet, die kleinbürgerliche Kulinarik hinter sich lässt und ein neues Publikum findet, ein Publikum, das ins Theater geht, um sich anstecken zu lassen. Ein gutes Theater muss nicht nur die menschliche Psyche in all ihren Verzweigungen und Abgründen ausleuchten, sollte nicht nur den Irrsinn und die Ironie der Weltläufe erzählen und ästhetisieren, sondern auch Visionen für andere Welten, andere Ordnungen und Gesellschaften entwerfen.

Ein gutes Theater ist ein Ort des Schmerzes, ein Ort der Aufruhr – ist ein grausames Theater. Dass das möglich ist, kann man in München im Residenztheater oder an den Kammerspielen verfolgen. Nur ein gutes Theater benötigt Gelder der öffentlichen Hand, braucht die konsequente Unterstützung der politischen Klasse und braucht das Einverständnis einer offenen Gesellschaft, die an ihrer Beschränktheit und Ungleichheit zwar leidet, aber nichts daran ändern kann – oder will.

Der künftige Intendant weiß das alles. Das war aus seiner Programmvorstellung seines Startjahres herauszuhören. Er würde gerne das Stadttheater Augsburg aus der Agonie seines Silbersees herausführen. Würde gerne der vermufften Marke „Stadttheater“ den Glanz einer Aufbruchsinstitution verpassen. „Wenn es wieder in das Große Haus zurückkehrt, wird das Augsburger Stadttheater ein anderes sein“, sagte Bücker bei seinem ersten öffentlichen Augsburger Auftritt im Stadtwerke-Saal.

Falls Bücker in Augsburg auf keinen Fall scheitern will, wird er vermutlich nicht viel in dieser Stadt bewegen, wird er alles und jeden bedienen, wird das Augsburger Stadttheater sich den Trends der Zeit fügen und im üblichen Kanon einen guten oder weniger guten Job machen. Falls Bücker aber, wie es für jeden Künstler möglich sein sollte, in sein künstlerisches Wirken ein Scheitern mit einkalkuliert haben sollte, dann hätte das Theater Augsburg seit „tausend Jahren“ erstmalig die Chance, ein gutes und aufregendes Theater zu werden. Ein gutes Theater braucht nämlich nicht nur ein gutes Publikum, sondern auch einen guten Intendanten.

Wenn es stimmen sollte, dass ein guter Intendant in Augsburg zum Scheitern verurteilt ist, dann gilt nur eins, lieber André Bücker: Macht ein gutes Theater und scheitert daran, wenn es sein muss!



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