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Montag, 02.08.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Macbeth: Eine Aneinanderreihung von Regiegags

Die Interpretation der Verdi-Oper von Lorenzo Fioroni überzeugt nicht.



Von Halrun Reinholz


Buhrufe schon vor der Pause – und das beim doch eher zurückhaltenden Augsburger Publikum. Gastregisseur Lorenzo Fioroni hat versucht, Verdis Klassiker Macbeth in unsere heutige Spaß- und Mediengesellschaft zu übertragen, inklusive der mafiösen Strukturen à la Berlusconi. Angesichts des Stoffes und der skrupellosen Machtkämpfe und (Königs-)Morde bei Shakespeare ein durchaus naheliegender Ansatz mit einigem Potenzial. Doch zu viel des Guten schmälert die Wirkung.



Jedes Klischee lustvoll zelebriert




Die Hexen, die Macbeth und Banquo bei der Heimkehr aus dem Krieg die Zukunft voraussagen, sind Strichmädchen. Lady Macbeth erwartet ihren Mann in einer Art Hotelzimmer in Las Vegas (oder Disneyland), wo König Duncan als rosa Riesenbär eintrifft und auf dem Ehebett ermordet wird. Das Ehepaar Macbeth heckt seine Pläne beim Sex im Hotelzimmer aus, wobei Lady Macbeth irritierenderweise einen Brautschleier trägt, als handle es sich um die Hochzeitsnacht. Die Ermordung Banquos geschieht im besten Cosa-Nostra-Stil durch diskrete Herren in dunklen Anzügen, die aus dem Zuschauerraum auftreten. Soweit ist die Linie, zuweilen hart an der Grenze zur Geschmacklosigkeit, noch stimmig und vielversprechend. Doch dann reiht sich zunehmend Klischee an Klischee. Warum Macbeth als Transvestit in den Wald geht, um die Hexen erneut zu hören, warum er von diesen (diesmal Herren im Frack) gedemütigt und vergewaltigt wird, ist nur schwer nachvollziehbar. Und warum die Hexen von einem brodelnden Kessel singen, stattdessen aber mit ihren Besen das Laub kehren, ist fast schon grotesk. Dass sich Macbeth nach der Rückkehr ins Hotelzimmer Heroin spritzt, bestätigt dann nur die Erwartung, dass der Regisseur offenbar jede Anspielung, die ihm in den Sinn kam, ins Geschehen einbinden wollte: Bernd das Brot und Superman treten auf. Ja, und – wieso nicht? – zwei Weihnachtsmänner, die im Wald Geschenke unter den Baum legen und dann auf die Wahnsinnsarie der Lady Macbeth warten. Die singt sie im eleganten Outfit, wie bei der Weihnachtsbescherung und verteilt dabei Geschenke an die toten Kinder, die der Weihnachtsmann im Garten drapiert hat. Ach ja, und dass der neue König Malcolm mit der Krone gleich ein Selfie macht, ist nur konsequent und ein harmloser Gag im Vergleich zu allem anderen.

Karikatur statt ernsthafte Auseinandersetzung



Was man vermisst, ist eine ernsthafte Auseinandersetzung mit Shakespeare und Verdi. Durch die Häufung von Ideen und Assoziationen fehlt eine gerade Linie, die durchaus zeitgemäß die Skrupellosigkeit unbedingten Herrscherwillens herausgearbeitet haben könnte. Erst die letzte Operninszenierung am Theater, La finta Giardinera, hat gezeigt, dass eine krause Handlung durchaus durch zeitgemäße Inszenierung als vergnüglicher Hollywoodschinken präsentiert werden kann. Hier war das Bild stimmig. Nun ist bei Macbeth das komische Potenzial beschränkt, jeder Versuch in diese Richtung muss zwangsläufig zur Karikatur werden. Weniger wäre da mehr gewesen, um den Grundgedanken der mafiösen Machtspielchen zum eigenen Vorteil als zeitübergreifend herauszuarbeiten. (FIFA lässt ganz aktuell grüßen). Doch die Chance wurde verschenkt zugunsten einer Aneinanderreihung von Gags. Zu voll war auch die Drehbühne, die allerdings geschickt eingesetzt wurde und immer wieder neue, unerwartete Perspektiven zuließ (Ralf Käselau). Die Kostüme (Annette Braun) strotzten bei dieser Steilvorlage der Regie von Einfallsreichtum, doch Lady Macbeth konnte bei ihrem Trinklied in einem Schlangenkostüm mit rüsselartigem Kopfschmuck nur mühsam ernst genommen werden. Auch der übertriebene Einsatz von Strapsen, Unterhosen und sexuellen Handlungen wirkte dann doch eher wie aus den verstaubten Achtzigern und für die Handlung wenig zielführend. Opulent und aufwendig war die Inszenierung auf jeden Fall. Selbst die Kinderleichen, die der Flüchtlingschor zum Beweis von Macbeths Grausamkeit mit sich führt, sind echte Statisten, wie sich beim Schlussapplaus herausstellte.



Musikalische Höhen


Bei all den Ablenkungen der Regie blieb Verdis Musik ein wohltuender Ruhepunkt, zumal die Ausführung hervorragend war. Lancelot Fuhry führte, unbeeindruckt von dem manchmal chaotischen Geschehen auf der Bühne, mit ruhiger Hand. Matias Tosi, der als Gast den Macbeth sang, wurde als indisponiert angekündigt, zeigte aber viel von seinem Potenzial. Sally du Randt übertraf sich selbst als Lady Macbeth und die Ensemblemitglieder Vladislav Solodyagin (Banquo), Ji-Woon Kim (Macduff) und Christopher Busietta (Malcolm) glänzten in bewährter Manier. Auffallend, weil häufig und vielfältig eingesetzt, der hochkarätige Theaterchor unter der immer ausgefeilteren Leitung von Katsiaryna Ihnatsyeva-Cadek. Man hätte sich dazu ein bisschen mehr Shakespeare und ein bisschen weniger Fioroni gewünscht.