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Samstag, 24.07.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

„Luftfahrtstadt Augsburg“

„Von den Flugpionieren zur Weltraumrakete“, so der programmatische Untertitel von Franz Häußlers Buch, das eine 21-teilige Artikelserie des Autors zur Augsburger Luftfahrtgeschichte in der Augsburger Allgemeinen zusammenfasst.

Warum gerade Augsburg? Gibt es eine kulturbedingte in der Augsburger Mentalität begründete Erklärungsebene dafür, dass die Geschichte des Fliegens in Augsburg mitentwickelt, fortgeführt und reflektiert wurde? Oder ist es nichts als Zufall, dass zur Pionierzeit wie in der Moderne der Flug- und Raumfahrtgeschichte die Stadt Augsburg als Ort nahezu magische Anziehungskraft für „Luftschiffer“, Entwickler und Freidenker wie zum Beispiel Auguste Piccard ausübte? Piccard startete 1931 in Augsburg den ersten bemannten Ballonaufstieg in die Stratosphäre.



Franz Häußler denkt darüber nicht nach. Der Augsburger Stadthistoriker vertraut wie in seinen acht vorausgehenden Publikationen auf den „Zauber der einfachen Information“. Häußler informiert trocken und überlässt somit dem Leser den größtmöglichen Interpretationsspielraum. Die Schlichtheit seiner Sprache lässt jede doppeldeutige oder abschweifende Eitelkeit vermissen. Der Gegenstand der Betrachtung ist der Star, nicht der erzählende Historiker. Selten lässt der ehemalige Korrektor der Augsburger Allgemeinen Zweifel aufkommen, dass es anders gewesen sein könnte als es die Häußler´schen Geschichtspiktogramme erzählen. Damit pendelt sich das schriftstellerische Schaffen Häußlers auf das Vorzeigen, auf das hinweisende Vorstellen ein. „Seht her, was in dieser Stadt passiert ist, seht her und staunt.“ Dieses populärwissenschaftliche Credo – und das macht Häußler in seinem publizistischen Wirken so einzigartig seriös – kommt ohne marktschreierische Attitüden aus.

In Augsburg unbekannt, in Fachkreisen dagegen weltweit eine gute Adresse

Wie Hinweistexte für Realien in naturwissenschaftlichen Museen stanzt Häußler Informationsformeln in seine historischen Fotoalben. So erhalten die Werke des Hobbyarchivars, dessen erstaunliche Privatsammlung knapp 10.000 Augsburger Bilddokumente enthält, die Authentizität altbackener und gut recherchierter Heimatkundebücher. Das klingt vermutlich despektierlicher als es gemeint ist. Augsburg wird von keiner Privatperson liebevoller und bescheidener reflektiert als vom informierenden Haus und Hofhistoriker dieser Stadt. Man staunt gerne über das Vergangene, das der siebzigjährige Häußler seit Jahrzehnten aus dem Verborgenen der Augsburger Archive schält und den Lesern der Augsburger Allgemeinen wie neue entdeckte Südfrüchte aus fernen Welten präsentiert. Man fühlt sich verzaubert und blättert – wie ein neugieriger Jugendlicher im Fotoalbum der Eltern – in seiner eigenen Geschichte, die offensichtlich immer für eine Überraschung gut ist.

Salomon Idler, August Riedinger, die Rumpler-Werke, Willy Messerschmitt sowie MT Aerospace sind Namen, die sich tief im Bewusstsein vieler Augsburger abgelagert haben. 3.500 Menschen arbeiten derzeit in Augsburg für die Luftfahrtindustrie, 2.650 davon für die EADS-Tochter „Premium Aerotec“. Aber wer kennt „Flugzeugbau Bitz“ in Haunstetten? Dort werden seit den 50ern flugtaugliche Oldtimer für Filme und Museen hergestellt, restauriert oder repariert. In Augsburg ist die Firma fast unbekannt, weltweit in Fachkreisen dagegen eine richtig gute Adresse. Augsburgs Luftfahrtgeschichte ist mit erzählenswerten Kuriositäten gespickt. Idlers Flugversuch 150 Jahre vor dem „Schneider von Ulm“ ist eine davon, eine andere – gänzlich unbekannte – ist die Lebensgeschichte der flugbesessenen Bauernsöhne Theodor und Michael Wank aus Tegernbach bei Mering, die sich 1931 mit dem Rohbau ihres Doppeldeckers in einem Hinterhof bei St.Ulrich fotografieren ließen und für das Nachfolgemodell die erste Luftzulassung für ein von Amateuren gebautes Flugzeug bekamen.

Bei der „Epoche Messerschmitt“ scheitert Häußlers illustrierende eng am Sujet haftende „Stilsicherheit“ allerdings schroff an ihrer buchhalterischen Naivität. – Das von Häußler allzu oft verwendete Passiv-Präteritum suggeriert, dass kein menschliches Subjekt gehandelt hat, sondern das Kapitel der Augsburger Messerschmitt-Epoche schicksalhaft von der NS-Zeit geprägt wurde. Es entsteht der falsche Eindruck, dass die Messerschmitt AG mit ihrem genialen Konstrukteur und Gründer Willy Messerschmitt im dunkelsten Kapitel der Geschichte mehr Opfer denn Täter war.

Franz Häußler

Luftfahrtstadt Augsburg

Von den Flugpionieren zur Weltraumrakete

context verlag Augsburg

ISBN 978-3-939645-24-5

14,80 Euro