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Samstag, 24.07.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

“Lieber 1000 Töne als 1000 Worte”

DAZ-Interview mit Sarband-Gründer Vladimir Ivanoff

Am vergangenen Freitag, 6. November gastierte das Ensemble Sarband zur Eröffnung einer Konzertreihe des “Festival der 1000 Töne” im Goldenen Saal des Augsburger Rathauses (siehe Bericht). DAZ-Redakteur Frank Heindl hat vor dem Konzert mit Sarband-Gründer Vladimir Ivanoff telefoniert.

DAZ: Herr Ivanoff, Sie sind hier in Augsburg bei einem besonderen Event zu Gast – das “Festival der 1000 Töne” hat einen multikulturellen Anspruch, es geht um Integration und vieles mehr – fühlen Sie sich mit Ihrer Musik da richtig platziert?

Ivanoff: Ja. Wir arbeiten ja normalerweise auf der Ebene der Hochkultur, wir spielen oft in Abonnementreihen oder auf Festivals, wo es nicht um Integration geht. Beim Festival hier in Augsburg wird ganz viel Kleinkunst gemacht und Popmusik und Jazz, und wir dann mittendrin auf der Ebene der klassischen Musik – das ist doch toll!

DAZ: Als Sie vor vielen Jahren begonnen haben, musikalisch der Tatsache nachzuspüren, wie sich schon im Mittelalter die Stile zu vermischen begannen – hatten Sie da schon so eine Art gesellschaftspolitischer Intention?

Ivanoff: Ich bin Musikhistoriker – ich wollte anfangs nur aufzeigen, wo es Berührungspunkte gibt zwischen den Hochkulturen. Wir haben dann mit der Zeit entdeckt, dass das noch eine andere Bedeutung hat. Ich würde nicht unbedingt von einer gesellschaftspolitischen, sondern von einer zwischenmenschlichen Relevanz sprechen. Eigentlich ist das heute das Wichtigste für mich: Dass die Menschen aus unseren Konzerten verändert wieder herausgehen. Vielleicht mit einem großen Fragezeichen, was ihre vorherigen Standpunkte betrifft.

DAZ: Ist das Ihre Hoffnung, oder auch Ihre Erfahrung?

Vladimir Ivanoff

Vladimir Ivanoff


Ivanoff: Das ist meine Erfahrung. Wenn ich resümieren soll, was das Wichtige war von allem, was ich gemacht habe, dann ist es das. Nicht die schöne Musik, sondern einfach diese Tatsache, dass man Menschen begegnet und sie dabei verändern konnte. Musik ist schön, aber vergänglich. Man spielt das Schöne, und das gerät wieder in Vergessenheit. Und dann erzählen Zuschauer, dass sie einen anderen Weg eingeschlagen haben, nur wegen eines solchen Konzerts. Das ist toll. Vielleicht weiß in 30 Jahren niemand mehr, wer Sarband war – aber diese Menschen leben weiter. Und das ist für mich in den Vordergrund getreten, ohne dass wir das auf die Plakate schreiben oder groß herausposaunen. Die Politiker sollen reden und wir spielen. Wir werden sehen, wer mehr Erfolg hat.

DAZ: Was glauben Sie?

Ivanoff: Wir! Ganz bestimmt! In dieser Beziehung, was Toleranz angeht, da bewegt man mit Worten nichts, selbst mit Büchern nicht. Weil das nicht die Seele anrührt. Da hat Musik ihre größte Kraft. Warum haben wir geistliche Musik? – Weil sie uns zu Gott bringt! Selbst ungläubige Menschen sind sozusagen Gelegenheitsgläubige, wenn sie schöne geistliche Lieder hören.

DAZ: … Gelegenheitsgläubige – das ist ein wunderbares Wort!

Ivanoff: Musik bewegt Dinge, die nichts anderes bewegen kann, Dinge, die in der Seele passieren. Da tut Musik mehr als Worte. Also lieber tausend Töne als tausend Worte – das wäre doch ein guter Werbespruch für das “Festival der 1000 Töne”!

DAZ: Wir werden das an Herrn Ruile weitergeben! Herr Ivanoff, vielen Dank für das Interview!