Wendejahre
DAZ - Unabhängige Internetzeitung für Politik und Kultur
Dienstag, 16.04.2019 - Jahrgang 11 - www.daz-augsburg.de

Lettl-Ausstellung: Eine kulturpolitische Farce

Die aktuelle Lettl-Ausstellung im Schaezlerpalais kam durch eine Entscheidung des Stadtrates zustande – und erzählt die Geschichte, wie Kulturpolitik nicht sein darf – Im a3 Kultur erschien dazu bereits ein ausgezeichneter Kommentar, den die DAZ an dieser Stelle neu auflegt.

Von Bettina Kohlen

Seit dem 1. Februar ist im Schaezlerpalais eine Ausstellung mit 67 Werken des Augsburger Künstlers Wolfgang Lettl zu sehen, eine museale Einzelpräsentation, die sich über den gesamten zweiten Stock des Museums erstreckt. Der Augsburger Stadtrat hatte den Kunstsammlungen diese Schau zum 100. Geburtstag des Künstlers verordnet, angeschoben von einer Lobby, die schon lange auf ein spezielles Lettl-Museum hinarbeitet. Mit dieser Ausstellung haben die Förderer um Florian Lettl, Sohn des Künstlers und Nachlassverwalter, nun einen Fuß in der Tür.

Der 2008 gestorbene Künstler Wolfgang Lettl bediente sich in seiner Arbeit vornehmlich der Bildsprache des Surrealismus, der für ihn von großer Bedeutung war. Er griff bekannte Elemente auf, wie die Hüte von Magritte, und integrierte diese in seine eigenen Werke. Jenseits irgendwelcher Interpretation erweist sich Lettl als regionaler Epigone des Surrealismus. Seine Vorliebe für diese in den 1920er Jahren entstandene Kunstströmung macht Lettl aber noch nicht zu einem wichtigen Vertreter dieser Richtung, wie es der Förderverein behauptet – gegründet auf einem selbsternannten Expertentum, das eine neutrale kunsthistorische Fachkompetenz gar nicht in Betracht zieht.

Dass ein Sohn das künstlerische Werk seines Vaters sichert und protegiert, ist verständlich und geht völlig in Ordnung. Dass er Mitstreiter sucht und findet, die den Künstler Wolfgang Lettl schätzen und dem hinterlassenen Werk eine Plattform geben wollen, ist auch nachvollziehbar. Wenn aber eine Ausstellung in den Räumen der Kunstsammlungen stattfindet, mit öffentlichen Mitteln finanziert, sollte sie kunsthistorischen Kriterien genügen. Doch diese Schau fußt eben nicht auf einer wissenschaftlichen Einordnung, sondern ist das Resultat des politischen Willens der Stadt. Die fachliche Expertise der Mitarbeiter*innen der Kunstsammlungen war im Zuge der Planung und Durchführung gefragt, ihre grundlegende Kompetenz, deretwegen sie ja wohl von der Stadt beschäftigt werden, wurde ignoriert. Da eine museale Präsentation für den kunsthistorischen Rang eines Künstlers Bedeutung hat, wird so durch die Hintertür Lettls Relevanz gestärkt – eine fatale Situation, die das Ansinnen der Lettl-Lobby befördert, zugleich aber die wissenschaftliche Reputation der Kunstsammlungen beschädigt.

Die Stadt hat in ihrem Kulturetat für die Lettl-Ausstellung 30.000 Euro eingeräumt, davon fließen 10.000 Euro in die Produktion eines Katalogs (der Lettl auch noch den ersten wissenschaftlichen Aufsatz beschert). Dieses Geld hätte man besser den Kunstsammlungen für ihre eigentliche Arbeit zu Verfügung gestellt. Doch es wird wohl noch mehr Geld fließen, das die Lettl-Lobby weiter protegiert: Die Stadt hat zwar den Wunsch des Fördervereins, Wolfgang Lettl ein eigenes Museum einzurichten, immer abgelehnt, doch wird sie in einem Werbeprospekt des Vereins explizit als einer der Finanziers benannt. Die Eröffnung eines Museums wird da noch für 2019 angekündigt, und man schwadroniert vollmundig von »Stärkung des kreativen Umfeldes« und »Highlight für den gesamten süddeutschen Raum«. Der Träger dieser Dauerausstellung in der Zeuggasse 7 ist besagter Förderverein, die Kosten werden mit 75.000 Euro pro Jahr bei einer Vertragslaufzeit von 10 Jahren beziffert. Je ein Drittel tragen der Hauseigentümer (Familie Nill) und »private und institutionelle Sponsoren«. Für das letzte Drittel, also 250.000 Euro, wird im Werbeheft die Stadt Augsburg als Kostenträger genannt. Angesichts der bescheidenen Summen, die in die Kunstsammlungen fließen, wäre das recht viel. Die a3kultur-Redaktion hat bei Kulturreferent Thomas Weitzel nachgefragt, doch er weiß nichts von dem genannten Beitrag der Stadt zur Finanzierung des Lettl-Museums und findet das »surreal« … Der Unterstützerverein suggeriert in seinem Prospekt durch die lapidare Auflistung, die Stadt habe bereits eine konkrete Fördersumme zugesagt. Ob die Stadt grundsätzlich bereit ist, das Museumsprojekt zu unterstützen oder nicht, steht auf einem anderen Blatt.

Keinesfalls geht es darum, jemandem die Freude an den Bildern von Wolfgang Lettl zu nehmen, es spricht auch nichts gegen eine Ausstellung des Werks von Wolfgang Lettl. Doch hier möchte eine kleine Lobby ohne eine fachkompetente Einschätzung die Relevanz eines Künstlers festlegen und der Stadtrat manifestiert und finanziert dies mit seiner Entscheidung für eine kommunal verortete Ausstellung. Mit einer solchen Haltung macht sich das gewählte Gremium zum Sprachrohr privater Interessen und instrumentalisiert die Kunstsammlungen der Stadt.



300 Millionen
Buergerbueros
Stadtteilgespraeche